ForstBranche

Zwischen Artenvielfalt und Holznutzung: Waldbesitzer wurden befragt

Bearbeitet von Rainer Soppa

Mit „Natura 2000“ verfügt Europa über das weltweit größte Netzwerk von Schutzgebieten. In Deutschland sind große Teile davon Wald und in der Hand von Privatpersonen. Forschende der Universitäten Göttingen und Kassel sowie der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt haben 1.670 Waldbesitzerinnen und -besitzer im niedersächsischen Mittelgebirgsraum befragt.

Ziel der Befragung war es, Einblicke in die Ziele, Bewirtschaftungspraktiken und Einstellungen von Privatpersonen mit und ohne Wald in Natura-2000-Flächen zu bekommen. Die Befragten verfolgen mit ihrem Wald grundsätzlich vielfältige Ziele. Jedoch zeigt sich, dass Inhaber mit Natura-2000-Beständen die Holzproduktion als wichtiger erachten. Auch ernten diese öfter hiebsreife Einzelbäume und durchforsten ihren Bestand. Die einzige biodiversitätsfördernde Maßnahme, die in Natura-2000-Waldbeständen häufiger ausgeübt wird als im sonstigen Wald, ist der Erhalt von Alt-, Specht- oder Habitatbäumen.

Das Forschungsteam stellt sich die Frage, ob eine intensivere Bewirtschaftung des Waldes dazu geführt habe, dass diese Bestände als schützenswert eingestuft wurden, oder ob drohende Einschränkungen der Bewirtschaftung erst ein stärkeres Interesse an der Holznutzung geweckt haben. „Diese Fragen können aus den Daten nicht beantwortet werden“, so Malin Tiebel, Doktorandin an der Universität Göttingen und Erstautorin der Studie. Die Befragung zeige allerdings, dass Personen mit Natura-2000-Beständen gegenüber Naturschutzmaßnahmen wesentlich kritischer eingestellt sind. „Sie fühlen sich in ihrer persönlichen Entscheidungsfreiheit stärker bedroht, wünschen sich häufiger eine bessere Beteiligung, empfinden die Naturschutzauflagen häufiger als zu streng und die entstehenden Kosten öfter als hoch“, erklärt Dr. Andreas Mölder, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt.

Konflikte

„Bei der Umsetzung von Natura 2000 gibt es fortlaufende Konflikte sowohl auf lokaler als auch auf politischer Ebene. Auch weil derzeit die Maßnahmenplanung für die einzelnen Natura-2000-Gebiete stattfindet, erscheint es wichtiger denn je, Besitzerinnen und Besitzer von Kleinprivatwald und ihre Bedürfnisse stärker einzubeziehen – sowohl jetzt in die Umsetzung von Natura 2000 als auch in die Planung künftiger Schutzgebietsstrategien“, argumentiert Prof Dr. Tobias Plieninger, Leiter des Fachgebiets sozial-ökologische Interaktionen in Agrarsystemen an den Universitäten Kassel und Göttingen. Naturschutz und Ressourcennutzung erfolgreich zu verknüpfen, sei vielerorts nur gemeinsam mit den Waldbesitzern möglich. Deren vielfältige Interessen sowie das grundsätzliche Ziel von Natura 2000, auch regionale Verhältnisse zu berücksichtigen, bieten dafür vielversprechende Voraussetzungen.

Das Projekt „Kleinprivatwald und Biodiversität: Schutz durch Ressourcennutzung (KLEIBER)“ wird vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) im Rahmen des Förderprogramms „Nachwachsende Rohstoffe“ und aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages (FKZ 22001218 und 22023218) gefördert.

Originalveröffentlichung:

Tiebel, M., Mölder, A. & Plieninger, T. (2021). Small-scale private forest owners and the European Natura 2000 conservation network: Perceived ecosystem services, management practices, and nature conservation attitudes. European Journal of Forest Research. Doi: https://doi.org/10.1007/s10342-021-01415-7

Weitere Informationen:

In ihrem englischsprachigen Blog stellt das Fachgebiet Sozial-Ökologische Interaktionen in Agrarsystemen Neuigkeiten aus ihrer Forschung vor.