Waldbau

Zündstoff von Ibisch: Macht Licht den Wald kaputt?

Bearbeitet von Marc Kubatta-Große

Die klassische Forstwirtschaft schadet dem Wald. Für diese Aussage ist Pierre Ibisch, Professor an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE), bekannt. Jetzt hat er zusammen mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eine Studie zu diesem Thema veröffentlicht.

Die Studie entstand in Zusammenarbeit mit der Leuphana-Universität in Lüneburg und der Freien Universität Berlin und wurde in der Fachzeitschrift Ecological Solutions and Evidence der British Ecological Society veröffentlicht. Sie zeigt, dass die forstliche Nutzung einen erheblichen Einfluss auf das Kühlungsvermögen von Wäldern und damit auch ihre Empfindlichkeit im Klimawandel nimmt.

Mehr Licht = weniger Kühlung

Die für die Studie verantwortliche Wissenschaftlerin Jeanette Blumröder der HNEE stellt fest: „Ein stärkerer Holzeinschlag und eine entsprechend größere Öffnung des Kronendachs treiben die Höchsttemperaturen im Wald in die Höhe. Damit wächst auch die Vulnerabilität, also die Empfindlichkeit und Verletzlichkeit, der Wälder im Klimawandel. Die umfangreichen Messreihen in Buchenwäldern und Kiefernforsten in Norddeutschland aus den Hitzesommern 2018 und 2019 bestätigen sehr konkret die Befürchtungen, die sich aus vorherigen Studien ergaben. Wird das Kronendach um 10 % geöffnet, steigen die durchschnittlichen Höchsttemperaturen um ungefähr ein halbes Grad Celsius. Kiefernforste zeigen ein unterdurchschnittliches Kühlungsvermögen, sobald das Kronendach weniger als 82 % geschlossen ist.“

Was an dieser Stelle allerdings fehlt, ist der kausale Zusammenhang zwischen höheren Temperaturen im Bestand und einer höheren Empfindlichkeit der Wälder. Die Bäume beziehen ihr Wasser aus dem Boden, nicht aus der Bestandsluft. Untersuchungen zu einer erhöhten Evaporation durch höhere Bestandsinnentemperaturen, die einen Wasserverlust belegen würden, hat die Studie aber offenbar nicht umfasst. (Anm. d. Red.)

Kronendach geschlossen halten

In biomassearmen Kiefernforsten (177 m3 pro Hektar) fiel die durchschnittliche Höchsttemperatur um 9°C höher aus, als in relativ holzreichen Buchenwäldern (> 565 m3 pro Hektar). Werden allein Kiefernbestände betrachtet, zeige sich ebenfalls ein erheblicher Einfluss der Nutzungsintensität: Während des heißesten Tages im Jahr 2019 betrug der Unterschied der Temperaturspitzen zwischen jenen mit relativ dichtem Kronendach (72 %) und solchen mit einem besonders offenen (46 %) mehr als 13°C. Der Projektleiter Prof. Dr. Pierre Ibisch fasst zusammen: „Die Schlussfolgerung ist, dass Waldbewirtschafter es also im Klimawandel ein Stück weit in der Hand haben, wie stark sich die ihnen anvertrauten Wälder aufheizen und dadurch potenziell geschädigt werden. Höhere Biomassevorräte und ein geschlossenes Kronendach sind eine Versicherung gegen extreme Witterungen“.

Mit dieser Ansicht steht Ibisch im wissenschaftlichen Diskurs ziemlich allein da. Die meisten Wissenschaftler, insbesondere Forstökonomen, gehen davon aus, dass das Betriebsrisiko, vor allem für Sturmschäden, mit steigenden Vorräten deutlich steigt. (Anm. d. Red.)

Zweifel an üblichen Waldbaupraktiken

In der veröffentlichten Studie werden auch bislang häufig ausgesprochene waldbauliche Empfehlungen zur stärkeren Durchforstung von Wäldern kritisch diskutiert und in Zweifel gezogen. Wasserverluste und das Risiko von Hitzeschäden wachsen durch stärkere Durchforstung an. Die Autoren empfehlen, das Kronendach möglichst geschlossen zu halten (mindestens zu 80 %) und die Wälder entsprechend behutsam zu nutzen. Außerdem bestätigen sie die bekannte Forderung, die einfach strukturierten Nadelbaummonokulturen möglichst rasch in strukturreiche Laubmischwälder zu entwickeln. Waldbewirtschafter sollten ihrer herausragenden Verantwortung für das Landschafts-Temperaturmanagement im Klimawandel gerecht werden.

Andere Untersuchungen, auch mit langjährigen Zeitreihen belegt, kommen entgegen Ibischs Forderungen nach einem geschlossenen Kronendach zu dem Ergebnis, dass eine gezielte Einzelbaumförderung mit Kronenfreistellung von Auslesebäumen förderlich für die horizontale und vertikale Bestandsstruktur ist. Die Ergebnisse einer solchen Langzeitstudie zur Buchen-Auslesedurchforstung sind derzeit in der Redaktion in Arbeit und werden demnächst in der der AFZ veröffentlicht. (Anm. d. Red.)

Daten zur Studie

Die Studie wurde maßgeblich durch das Projekt „Ökologische und ökonomische Bewertung integrierter Naturschutzmaßnahmen in der Waldbewirtschaftung zur Sicherung von Ökosystemleistungen und Waldökosystemfunktionen (Gläserner Forst) – Teilprojekt 3: Ökologische Bewertung und Ökosystemleistungen“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Projektpartner sind das Brandenburgische Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz (MLUK), die Universität Göttingen und der Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU).

Die untersuchten Wälder befinden sich unter anderem im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin und auf Flächen der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe in Brandenburg sowie im Schutzgebiet der Heiligen Hallen in Mecklenburg-Vorpommern.

Originalstudie: Blumroeder, Jeanette S., Felix May, Werner Härdtle und Pierre L. Ibisch (2021) Forestry contributed to warming of forest ecosystems in northern Germany during the extreme summers of 2018 and 2019. Ecological Solutions and Evidence. DOI 10.1002/2688-8319.12087. Link zum Artikel und zur Zeitschrift: https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/2688-8319.12087.

Quelle: HNEE