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Zu früh gefreut?

Seit 15. Juni und noch bis zum 31. Juli liegt der neue FSC-Standard für Deutschland im zweiten Entwurf zur öffentlichen Diskussion vor. Insbesondere zum Thema Vollbaumnutzung oder „Derbholzgrenze“ waren im vergangenen Herbst die Wogen hochgeschlagen. Im Rahmen einer Expertenrunde hatte FSC Deutschland sich im November dazu noch einmal Rat geholt (s. F&T 12/2014, S. 40). Wie sind die Anregungen in den neuen Standardentwurf eingeflossen?Auch wenn die Wissenschaftler seinerzeit einhellig die Meinung vertraten, dass genügend Erkenntnisse und Messmethoden vorliegen, um die Vollbaumernte im Rahmen von sogenannten Nährstoffmanagementsystemen (NMS) kontrolliert freizugeben, hat der FSC das im aktuellen Entwurf nicht umgesetzt. Die Nutzung als Hackholz soll weiterhin auf Ausnahmesituationen beschränkt bleiben (Verkehrssicherung, Böschungspflege, Gassenaufhieb, Waldschutzmaßnahmen oder naturschutzfachliche Begründungen). Das sind zwar Lockerungen gegenüber dem bisherigen Standard, bleibt aber weit hinter den Möglichkeiten und Erwartungen zurück. Begründet wird diese übervorsichtige Haltung mit „ungeklärten Fragen zur Auswirkung auf Bodengare, Kleinklima und das Nährelement Phosphor“. Für alle Waldhackschnitzel-Produzenten und -Nutzer bleibt damit auf der anderen Seite völlig offen, wie sie technisch künftig bei der Entnahme im Bestand die Derbholzgrenze von 7 cm einhalten sollen. Ansonsten müssen Laubholzkronen o. ä. im FSC-Wald eben liegenbleiben – keine einfache Argumentation in Zeiten der Energiewende …Andere Aspekte des FSC-Entwurfs sind aus Sicht des Forstunternehmers durchaus begrüßenswert: Im Moment erkennt FSC keine anderen Zertifizierungssysteme an. Das bedeutet, dass ein FSC-Auditor bei der Prüfung eines zertifizierten Waldbesitzers auch prüfen muss, ob eingesetzte zertifizierte Unternehmer die Vorgaben des deutschen FSC-Standards einhalten. In der Praxis prüft also der FSC-Auditor z. B. das Mitführen eines Notfallsets auf der Rückemaschine, unabhängig davon, ob das kurz vorher im Rahmen der Lohnunternehmerzertifizierung schon überprüft wurde. Hier will man zu einer Anerkennung von bestimmten Zertifizierungssystemen kommen. Aktuell erfüllen RAL, DFSZ und KFPplus die dafür notwendigen Anforderungen einer jährlichen einzelbetrieblichen Vor-Ort-Prüfung.Wieder andere Neuerungen erscheinen gerade für Deutschland sehr weit hergeholt und überflüssig: So trifft man in der Rubrik „Arbeitnehmerrechte und Arbeitsbedingungen“ die Aussage: „Vertrauliche* und effektive Maßnahmen sind etabliert, um sexuelle Belästigung und Diskriminierung (der Beschäftigten) zu unterbinden.“ Da stellt man sich wirklich die Frage, ob so etwas im Rahmen der forstlichen Zertifizierung geregelt werden muss bzw. nicht schon längst an anderer Stelle gesetzlich geregelt ist?Bei aller Kritik muss man dem FSC zugute halten, dass diese öffentliche Diskussion sehr transparent geführt wird. Jedermann – also auch jeder Leser der Forst & Technik – kann seinen Kommentar bis Ende Juli abgeben. Sämtliche Kommentare werden (anonymisiert) auf der Webseite des FSC publik gemacht.Wir sollten uns einbringen – schließlich sind die FSC-Regularien für immer mehr Unternehmer verpflichtend, wenn sich ganze Bundesländer wie Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Hessen zertifizieren lassen. Den neuen Entwurf, die bisherigen Kommentare und das Formular für eigene Anmerkungen findet man unter: www-fsc-wald.de

Heinrich Höllerl

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