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Wildwuchs könnte naturnahe Wiederbewaldung befördern

Bäume statt Ackerland: in vielen Teilen Europas werden landwirtschaftliche Flächen aufgrund von Landflucht und mangelnder Rentabilität aufgegeben. Die EU unterstützt diese Wiederaufforstung nachdrücklich. Eine Methode zur Wiederaufforstung wäre, die Flächen einfach sich selbst zu überlassen, so dass sich sogenannter „spontaner Wald“ aus Wildwuchs entwickelt. Das wäre nicht nur kostengünstig – vermutlich entstehen dadurch auch Wälder, die besonders an ihren Standort angepasst sind.

Solche spontan entstehenden Wälder erforschen derzeit Forscher der Universität Hohenheim in Stuttgart im Verbund mit europäischen Kolleginnen und Kollegen. Was sie ebenfalls bemerken: Die gesellschaftliche Akzeptanz der neuen Wälder fällt von Land zu Land stark unterschiedlich aus. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Projekt „Sponforest“ mit rund 600.000 € und macht es damit zu einem der Schwergewichte der Forschung in Hohenheim. Jetzt veröffentlicht die Fachzeitschrift Annals of Forest Science erste Zwischenergebnisse in einem Sonderband.

Neben der Holzproduktion spielen Wälder heute eine Schlüsselrolle bei der Erhaltung der biologischen Vielfalt. Sie dienen als CO2-Speicher, unterstützen die Luftreinhaltung, dienen als Wasserspeicher, Erosionsschutz und ‒ nicht zu vergessen ‒ als Erholungsraum für den Menschen. Die EU unterstützt deshalb nachdrücklich die Wiederaufforstung ehemaliger landwirtschaftlicher Flächen.

In vielen Teilen Europas erobert sich der Wald aufgegebene landwirtschaftliche Nutzflächen zurück: Seit 1950 nahm die mit Wald bedeckte Fläche in Europa um rund 300.000 km2 zu, das entspricht in etwa der Größe von Italien. Ursachen hierfür sind in erster Linie die Aufgabe von Ackerland aus wirtschaftlichen Gründen und die allgemeine Landflucht der Bevölkerung.

Netzwerk von Lebensräumen

Die Möglichkeiten, die eine passive Wiederherstellung der Landschaft bietet, wurden bislang jedoch nur wenig beachtet, erklärt Prof. Dr. Frank Schurr, Pflanzenökologe der Universität Hohenheim. Das soll sich mit dem Kooperationsprojekt „Potenzial spontaner Wiederbewaldung für Ökosystemfunktionen und -dienstleistungen in dynamischen Landschaften“ oder kurz „Sponforest“ ändern.

Tatsächlich entstehen auf den brach liegenden Feldern nämlich oft spontan Wälder. So entwickeln sich vielfältige Landschaften, die einen hohen ökologischen Nutzen haben. „Gerade angesichts des Klimawandels könnten so Wälder heranwachsen, die optimal an die neuen Bedingungen angepasst sind“, ist Prof. Dr. Schurr überzeugt.

Meist handelt es sich dabei um zahlreiche kleine Wälder, die wenig oder gar nicht bewirtschaftet werden. Zusammen mit den vorhandenen naturnahen Wäldern bilden diese neuen Waldflächen ein Netzwerk von Lebensräumen, die zur Erhaltung der biologischen Vielfalt und der Ökosystemleistungen beitragen können.

Ablauf und Nutzen spontaner Wiederbewaldung

Im Projekt „Sponforest“ untersuchen acht Partner aus vier europäischen Ländern, inwieweit diese spontane Waldentstehung in den stark zergliederten Landschaften Europas ein kosteneffizientes und auch politisch umsetzbares Mittel sein kann, um die Waldbildung zu fördern. Sie erfassen dabei nicht nur erwünschte und unerwünschte Ökosystemleistungen, sondern auch die Akzeptanz der Wiederbewaldung in der breiten Öffentlichkeit und bei verschiedenen Interessengruppen und entwickeln Handlungsanleitungen.

Um mehr über die natürliche Waldregeneration zu erfahren, nutzen sie ein breites Spektrum von wissenschaftlichen Disziplinen, wie beispielsweise Dendroökologie, Populationsgenetik, Funktionsökologie, Fernerkundung und Landschaftsanalyse, aber auch sozialwissenschaftliche Methoden kommen zum Einsatz.

Fünf Landschaften, zwei in Frankreich und drei in Spanien, wurden exemplarisch für verschiedene mediterrane und gemäßigte Klimata und sozioökonomische Regionen ausgewählt. Sie spiegeln die Bandbreite unterschiedlichster Landschaften wieder, von der Metropolregion Barcelona bis hin zu dünn besiedelten Bergregionen.

Akzeptanz der neu entstanden Waldflächen

So unterschiedlich wie die ausgewählten Regionen, so unterschiedlich ist auch die Einstellung, mit der die Bevölkerung diesen neu entstanden Waldflächen gegenübersteht.

Prof. Dr. Schurr verdeutlicht dies an zwei Beispielen: „Vor allem in Zentralspanien stehen große Teile der Bevölkerung diesem Prozess skeptisch gegenüber. Die Menschen sehen zwar durchaus den ökologischen Nutzen. Gleichzeitig sind diese Flächen für sie aber auch ein Symbol des wirtschaftlichen Niedergangs, weil sich die Bewirtschaftung nicht mehr lohnte. Zudem wächst die Angst vor einer erhöhten Feuergefahr.“

Er fährt fort: „In Frankreich dagegen haben wir Gebiete, wo schon die ersten Bäume auf diesen Flächen gefällt und verkauft werden. Hier ist die Akzeptanz wesentlich höher.“

Spontane Waldentstehung verstehen

Prof. Dr. Schurr und sein Team mit Dr. Dominique Lamonica und Dr. Jörn Pagel befassen sich vor allem mit der Frage, wie neue Wälder entstehen und welche Konsequenzen der Gründungsprozess für deren Charakter und Funktionsweise hat. „Dabei haben wir das fast Unmögliche versucht, nämlich aus den aktuellen Daten Rückschlüsse auf die Entwicklung der vergangenen 60 bis 70 Jahre zu ziehen.“

So nutzten sie zum Beispiel die Breite der Jahrringe von Bäumen, um daraus Aussagen über die Wachstumsbedingungen ableiten zu können. „Aus diesen Jahrring-Daten sowie genetischen und ökologischen Datensätzen haben wir eine computergestützte Simulation entwickelt, die ein möglichst realistisches Abbild der Waldentwicklung wiedergibt“, erklärt Dr. Pagel.

„Dieses Werkzeug ermöglicht uns nicht nur eine gute Rekonstruktion der Vergangenheit, sondern wir können auch Aussagen über die Zukunft treffen. Etwa, wie entwickeln sich die Wälder weiter und welcher ökologische und wirtschaftliche Nutzen ist von ihnen zu erwarten. Dabei lässt sich die Methode auch auf andere Waldgebiete übertragen,“ erläutert er weiter.

Ebenso wertvoll: „Auch Aussagen über die Brandgefahr lassen sich so treffen, denn unser Modell sagt vorher, wie viele dünne Stämme es gibt, die leichter brennbar sind als dicke.“

Genetische Vielfalt für große Widerstandsfähigkeit

Zudem beschäftigte sich das Team auch mit der genetischen Vielfalt spontan entstandener Wälder. „Uns interessierte vor allem die Frage, welcher Baum von welchem abstammt. Denn je höher die genetische Vielfalt der Bäume, desto widerstandsfähiger ist der Wald gegenüber Umweltveränderungen. Leider greifen forstwirtschaftliche Anpflanzungen oft nur auf einen kleinen Genpool zurück“, bedauert Prof. Dr. Schurr.

Umso erfreulicher ist es für ihn, „dass wir in den spontan entstandenen Wäldern eine hohe genetische Variabilität haben, die vor allem durch Pollen eingetragen wird. Die Ausbreitung durch Samen spielt eher eine untergeordnete Rolle.“ Allerdings seien die Zuwachsraten im Vergleich zu vom Menschenhand aufgeforsteten Wald, weniger planbar und stark standortabhängig.

Quelle: Uni Hohenheim/red

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