ForstBranche

Wildnis: Sehnsuchtsziel oder Streitobjekt?

Bearbeitet von Jörg Fischer

Die Einrichtung von Wildnisgebieten hat für die Mehrzahl der Deutschen einen hohen Stellenwert. Das belegen die Ergebnisse des Forschungsvorhabens „Wildnis in Deutschland – gesellschaftliche Analysen und Akzeptanz eines kontrovers diskutierten Konzeptes“. Das Vorhaben wurde vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR) aus dem Förderprogramm Nachwachsende Rohstoffe unterstützt.

Ziel des Forschungsvorhabens war eine umfassende Analyse der gesellschaftlichen Sicht auf das Thema Wildnis in Deutschland. Dabei wurde untersucht, ob das Wildnis-Konzept der Bundesregierung mit den gesellschaftlichen Erwartungen an den Wald, mit der nachhaltigen Waldbewirtschaftung sowie mit den Klima- und Energiewende-Zielen Deutschlands und der EU vereinbar ist. Zu klären war zudem, ob die Wildnispläne Zustimmung in der Bevölkerung finden.

Während die Forst- und Holzwirtschaft der Entwicklung weiterer Wälder zu Wildnisgebieten – Prozessschutzkonzepte sind bereits Bestandteil der nachhaltigen Waldbewirtschaftung – aus wirtschaftlichen Erwägungen und aus Gründen des Berufsethos eher zurückhaltend gegenübersteht, befürwortet ein Großteil der Bevölkerung die Wildnispläne.

Mehrheit empfindet Wildnisgebiete als positiv

Die Befragung verdeutlichte, dass ein Großteil der Bevölkerung ein romantisiertes und anthropomorphes, also vermenschlichtes Bild von der Natur hat. 60 % der Befragten sahen Bäume als soziale Wesen und schrieben ihnen menschliche Eigenschaften wie Denk- und Kommunikationsvermögen oder Schmerzempfinden zu. Nur 20 % der Befragten widersprachen dieser Aussage.

Für die Verfasser der Analyse liegt in der Erkenntnis, dass offenkundig „der Blick vieler Menschen auf Natur keiner naturwissenschaftlichen Logik folgt“, der Schlüssel zur Veränderung der Argumentation und Diskussion zum Thema Natur und Wildnis.

Schlussfolgerungen für Forstwirtschaft und Verbände

Der Forst- und Holzwirtschaft empfehlen die Forscher, die breite Zustimmung der Bevölkerung zu Wildnisgebieten und das politisch angestrebte 5-Prozent-Ziel konstruktiv zu nutzen, um mitzuentscheiden, welche Flächen aus der Bewirtschaftung entnommen werden sollten, welche Maßnahmen der finanziellen Kompensation dafür notwendig werden und wie die künftige Nutzung auf den verbleibenden 95 % der Waldfläche gestaltet werden sollte.

Die Empfehlung an die Umwelt- und Naturschutzverbände lautet, die Kommunikation der Vorteile von Wildnis auf die vom Sachverständigenrat für Umweltfragen schon 2002 gegebene Begründung zu stützen, dass Wildnis als „Teil eines guten Lebens“ in einer Gesellschaft notwendig sei. Diese auf dem Gefühl einer großen Mehrheit fußende Begründung solle aktiv vertreten werden, statt weiterhin Begründungen ins Feld zu führen, die aus wissenschaftlicher Sicht umstritten sind.

Auf diese Weise könne die Kontroverse zwischen Naturschutz und Forstwirtschaft beendet und ein Ausgleich zwischen den Interessen der unterschiedlichen Akteure erreicht werden.

Umgesetzt wurde das Forschungsvorhaben durch die Unternehmensberatung und private Forschungseinrichtung Knauf Consulting GbR. Die Analyse der Bielefelder Forscher basiert auf Interviews mit Meinungsbildnern und Experten zum Thema Wildnis, einer schriftlichen Befragung kommunaler Vertreter und einer repräsentativen Befragung in der Bevölkerung.

Weitere Infos zum Projekt finden Sie in der Projektdatenbank der FNR.

Quelle: FNR