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Wildnis ist kein Allheilmittel für mehr Biodiversität im Wald!

Auf der Delegiertenversammlung der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) Landesverband Nordrhein-Westfalen am 19. September in Köln äußerte sich die Landesvorsitzende Marie-Luise Fasse MdL ausführlich zum Thema Flächenstilllegungen im Wald.

Der Verzicht forstlicher Nutzung im Wald auf möglichst großer Fläche gilt aktuell als die ideale Lösung, um die Biodiversität im Wald zu erhöhen. Auf den ersten Blick ist ein solcher „Lösungsansatz“ durchaus plausibel, denn im Wirtschaftswald gibt es nur wenige Waldbestände, die sich in der Reife- und Zerfallsphase befinden, also aus sehr alten Bäumen bestehen und eine große Menge Totholz aufweisen. Tier- und Pflanzenarten, die auf diese alten Waldstrukturen angewiesen sind, finden sich daher im Wirtschaftswald vergleichsweise selten. „Natur Natur sein lassen“ schützt daher insbesondere die Arten dieser Waldentwicklungsphase.
Im Jahr 2007 hat die Bundesregierung im Rahmen der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ das Ziel formuliert, dass es bis im Jahr 2020 eine natürliche Waldentwicklung auf 5 % der Waldfläche Deutschlands geben soll. Bei einer Gesamtwaldfläche von etwas mehr als 11 Mio. ha Wald in Deutschland bedeuten 5 % natürliche Waldentwicklung, dass rund 554.000 ha Wald aus der Nutzung genommen werden müssen, was wiederum in etwa einem Verzicht auf 4,5 Mio. Kubikmeter Holz pro Jahr entspricht.
Im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz wurde zum Stichjahr 2013 eine Flächenbilanzierung durchgeführt mit dem Ergebnis, dass lediglich auf 1,9 % der Waldfläche eine solche natürliche Entwicklung gegeben sei. Allerdings wurden lediglich Flächen erfasst, die größer 0,3 ha sind sowie Flächen, auf denen der Nutzungsverzicht dauerhaft rechtlich gesichert ist. Damit finden beispielsweise Bewirtschaftungskonzepte vieler Staats- und Kommunalforstbetriebe, die sich verpflichten, eine bestimmte Anzahl von Biotopbäumen je Hektar dauerhaft zu erhalten, keine Berücksichtigung. Gerade diese kleinflächigen, integrativen Ansätze sind jedoch besonders flächenwirksam und ökologisch extrem effizient. Ebenfalls unberücksichtigt, weil rechtlich nicht gesichert, bleiben Waldflächen, die aufgrund ihrer Rahmenbedingungen (Steillagen, Vernässung, Flachgründigkeit usw.) ohnehin für eine Bewirtschaftung nicht in Frage kommen; dies sind zudem meist Extremstandorte, die unter Natur- und Artenschutzaspekten besonders wertvoll sind. Nicht erfasst sind darüber hinaus Flächen im Kleinstprivatwald, bei dem der Eigentümer keinerlei Interesse mehr an einer Bewirtschaftung seines Waldes hat, dieser real also ungenutzt bleibt.
Die Zielvorgabe 5% natürliche Waldentwicklung wird von der SDW ausdrücklich unterstützt. Grundsätzlich sollten aus Sicht der SDW statt großflächigem Nutzungsverzicht und damit Forcierung der Segregation im Wald, besser integrative Ansätze im gesamten Wald (Altholzinseln, Biotopbäume) umgesetzt und gezielt gefördert werden. Mit Hilfe des Vertragsnaturschutzes, der allerdings mit entsprechenden Finanzmitteln ausgestattet werden muss, würde man bei allen Waldbesitzern eine größere Akzeptanz erreichen, die Arten- und Strukturvielfalt effektiv erhöhen und auch die notwendigen Vernetzungsstrukturen schaffen.
Für diesen integrativen Ansatz sprechen aus Sicht der SDW insbesondere nachfolgende Gründe:
1. Globale Verantwortung. Der großflächige Verzicht auf nachhaltige Holznutzungen in den heimischen Wäldern bedeutet zugleich, dass die fehlenden Holzmengen importiert werden müssen, denn schon heute übersteigt der Holzverbrauch in Deutschland die Menge des nachhaltigen nutzbaren Holzes aus heimischen Wäldern. Diese Importe kommen dann vielfach aus Ländern, deren Waldbewirtschaftung nicht unseren ökologischen und sozialen Standards entsprechen. Eine Reduzierung der Fläche bewirtschafteter Wälder in Deutschland verlagert damit die Probleme in andere Länder. Vor dem Hintergrund der anhaltenden globalen Waldvernichtung in den Tropen, Subtropen und borrealen Wäldern ist es für Deutschland geradezu eine Pflicht, seinen Wald nachhaltig und naturverträglich zu bewirtschaften.
2. Klimaschutzwirkung des Waldes. Hinsichtlich des Klimaschutzes gibt es grundlegende Unterschiede zwischen einem bewirtschafteten und einem sich selbst überlassen Wald. Die Klimaschutzwirkung des Waldes basiert auf der direkten Speicherung von Kohlenstoff im Waldbestand und im Waldboden. Im Urwald halten sich ab einem gewissen Alter Auf- und Abbauprozesse auf großer Fläche die Waage, so dass sich ein heute ausgewiesener „Wildniswald“ in ferner Zukunft CO2-neutral verhalten wird. Für den Klimaschutz weitaus bedeutender sind jedoch die Speicherung von Kohlenstoff in langlebigen Holzprodukten sowie der Ersatz von energieintensiven Materialien (z.B. Beton, Aluminium) durch den nachwachsenden Rohstoff Holz. Ein weiterer, wenn auch nicht so bedeutender Aspekt ist die Nutzung von Holz als Energielieferant (z.B. Brennholz oder Endverwertung von alten Holzprodukten). Diese ist CO2-neutral, da nur die Menge CO2 freigesetzt wird die zuvor gespeichert wurde. Dadurch können endliche Energiequellen ersetzt werden. Ein bewirtschafteter Wald dient somit in dreifacher Weise dem Klimaschutz.
3. Klimax-Stadium Buchenwald. Beim Nutzungsverzicht stehen v.a. Buchenwälder im Fokus, da diese nur in Europa vorkommen und Deutschland im Zentrum des natürlichen Verbreitungsgebietes der Buche liegt. Mit 14 % ist die Buche nach wie vor unser häufigster Laubholzbaum, sie besitzt eine hohe ökologische Anpassungsfähigkeit und ist gegenüber anderen Baumarten besonders konkurrenzstark. Buchenwälder in ihren unterschiedlichen Ausprägungen wären bei uns daher in der Regel das Endstadium (Klimax-Stadium) der natürlichen Waldentwicklung. Sie haben allerdings aufgrund der intensiven Beschattung des Bodens meist eine spärlich ausgeprägte Bodenvegetation, wenig gegliederte Bestandesstrukturen und sind zudem arm an anderen Baumarten. Dies reduziert im Allgemeinen die Biodiversität in diesen Wäldern. Werden Wirtschaftswälder nicht mehr genutzt, läuft – wie Beobachtungen in den Naturwaldreservaten belegen – eine Entwicklung hin zu wenig strukturierten Buchenwäldern ab: Die konkurrenzstarke Buche verdrängt lichtliebende Baumarten wie Eiche, Ahorn, Kirsche, Esche. Arten- und Strukturvielfalt gehen verloren.
4. Polarisierung der Waldfunktionen. Wald hat gerade im dichtbesiedelten Deutschland eine Vielzahl von Funktionen zu erfüllen: er liefert den nachwachsenden, umweltfreundlichen Rohstoff Holz, er ist Arbeitsplatz und zugleich Lebens- und Rückzugsraum für viele Tiere und Pflanzen, er reinigt die Luft, reguliert den Wasserhaushalt, sichert unser Trinkwasser, wirkt ausgleichend auf unser Klima und dient der Erholung. Im Rahmen der „multifunktionalen Forstwirtschaft“ werden diese vielfältigen Funktionen – mit örtlich unterschiedlicher Gewichtung – bisher erfolgreich auf ein und derselben Fläche erfüllt. Dieser ganzheitliche, integrative Ansatz war bisher gesellschaftlicher Konsens, wird aber durch einen großflächigen Nutzungsverzicht grundlegend in Frage gestellt. Auf den verbleibenden Waldflächen kommt es zwangsläufig zu einer Gewichtsverschiebung hin zu einer primär produktionsorientierten Bewirtschaftung. Es wäre ein weiterer maßgeblicher Schritt in Richtung Segregation, d.h. einer Aufspaltung in reine Schutzgebiete auf der einen und reine Wirtschaftswälder auf der anderen Seite. Für den Naturschutz im Wald eine fatale Entwicklung, denn statt einer naturnahen, multifunktionalen Waldwirtschaft in der Fläche, würde es eine ähnliche ökologische Verarmung wie im Offenland geben.
Ist es um die Biodiversität in unseren Wäldern wirklich so schlecht bestellt?
Spätestens seit den 1990er Jahren werden im öffentlichen Wald und auch immer mehr im Privatwald die Grundsätze einer naturnahen und damit integrativen Waldwirtschaft angewandt. Die Auswirkungen dieses Handelns spiegeln u.a. die Zahlen der dritten Bundeswaldinventur aus dem Jahr 2014 wider. Danach ist im Wald in Bezug auf das Bestandesalter und den Struktur- und Totholzreichtum ein anhaltend positiver Trend gegeben. So ist der Mischwaldanteil auf der Gesamtwaldfläche gestiegen, 68 % der Wälder sind zwei- oder mehrschichtig aufgebaut, der Anteil der über 120-jährigen Altbestände ist auf 14 % angewachsen, die Totholzmenge beträgt durchschnittlich 20,6 Kubikmeter je Hektar und auf 5 % der Waldfläche befinden sich besonders geschützte Biotope (v.a. Feuchtbiotope wie Bruch- oder Auewälder). Der anhaltend positive Trend im Wald steht im krassen Gegensatz zum Offenland, wo sich die Biodiversität infolge von Segregation und einhergehender Intensivierung der Landwirtschaft in einem alarmierenden Zustand befindet. Eine solch fatale Entwicklung gilt es im Wald zu verhindern.
Schutzgemeinschaft Deutscher Wald NRW

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