Waldschutz

Werden Waldschädlinge immer aggressiver?

Bearbeitet von Jörg Fischer

Ob und wie lange ein Baum Angriffen durch Schädlinge widerstehen kann, hängt nicht zuletzt von klimatischen Faktoren ab. Forschende konnten zeigen, dass klimawandelbedingte Stressoren wie lang anhaltende Trockenheit Einfluss auf die Verwundbarkeit von Bäumen haben. Nimmt die Anfälligkeit unserer Bäume also durch die globale Erwärmung zu?

Vom Borkenkäfer (Tomicus minor) befallene Kiefer (Pinus sylvestris).
Vom Kleinen Waldgärtner befallene Waldkiefer
Foto: L. Jaime González

Das Thema ist grundsätzlich nicht neu und die Antwort auf die Frage, ob Stress Bäume verwundbarer macht, scheint zunächst denkbar einfach: Selbstverständlich ist ein durch Stress – gleich welcher Art – geschwächter Baum auch anfälliger für Krankheitserreger – so wie wohl jeder Organismus. Wie verhält es sich aber mit den direkten Folgen des Klimawandels?

Fakt ist: Die globale Erwärmung nimmt schneller zu, als bisher gedacht. Viele Organismen kommen mit der Anpassung an diese rasanten Veränderungen nicht mehr hinterher. Andere Arten, nicht zuletzt auch Schadorganismen, profitieren hingegen direkt oder indirekt von den Folgen des Klimawandels. Im Rahmen einer Studie unter der Leitung von CREAF, der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) und der Autonomen Universität Barcelona haben Forschende deshalb untersucht, welche Rolle Trockenheit hinsichtlich der Schädlingsanfälligkeit von Bäumen spielt. Das Ergebnis: Je mehr Dürreperioden ein Baum überstanden hat, desto höher liegt sein Mortalitäsrisiko, sollte er von bestimmten Schadorganismen befallen werden.

Waldschädlinge und Klimawandel – Wälder in Gefahr

Vom Borkenkäfer gezeichnete Waldkiefern in Katalonien
Vom Borkenkäfer gezeichnete Waldkiefern in Katalonien
Foto: L. Jaime González

Jüngste Forschungsergebnisse haben bereits gezeigt, dass selbst Wälder in ihrer optimalsten Umgebung von Borkenkäferbefall betroffen sein können. Vor allem anhaltende Trockenheit spielt bei dieser Anfälligkeit eine Rolle. Extreme Hitzeperioden und begleitende Dürren bringen Wälder an die Grenzen ihrer Widerstandskraft und machen sie somit anfällig für Schädlingsbefall. Außerdem wird die Vermehrung bestimmter Waldschädlinge, z.B. von Kiefernborkenkäfern der Gattungen Ips und Tomicus, durch die Klimaerwärmung begünstigt.

Luciana Jaime González, Erstautorin der Studie „Climatic and stand drivers of forest resistance to recent bark beetle disturbance in European coniferous forests“, sieht in dieser Mischung aus verschiedenen Faktoren das Hauptproblem: „Von den Tausenden untersuchten Bäumen sind fast 30 % von einer Scolytide befallen – das ist die Familie holzbohrender Käfer, die Nadelbäume am häufigsten besiedelt. 6 % sind bereits abgestorben.“

Werden Waldschädlinge immer aggressiver?

In den letzten Jahren hat die Zahl der Nadelwälder in Europa, die direkt oder indirekt durch Insektenbefall abgestorben sind, besorgniserregend zugenommen. Aus diesem Grund wurden in dieser von CREAF und der Autonomen Universität Barcelona geleiteten Studie 130 ICP-Forests-Flächen in ganz Europa untersucht. Seit 2010 werden diese überwacht, um zu verstehen, wie Bäume auf Insektenbefall reagieren und welche am stärksten gefährdet sind.

Die Untersuchung habe ergeben, dass die Schädlinge in Mittel-, Nord- und Südosteuropa immer aggressiver werden und mehr Wälder befallen, heißt es in einer Pressemitteilung der WSL. Besonders problematisch seien die Scolytidenarten, die mehr als einen Lebenszyklus pro Jahr durchlaufen – die sogenannten Multivoltinen. Sie nutzen die steigenden Temperaturen, um sich immer öfter pro Jahr fortzupflanzen. „Diese Daten sind sehr wichtig, um Risikokarten zu erstellen und Hot Spots zu identifizieren, in denen hohe Temperaturen und damit verbundene Dürreperioden die Vermehrung von Scolytiden begünstigt und die Stabilität des Waldökosystems gefährden können“, so Jaime González.

Angriffsmuster und daraus abgeleitete Mortalität von Scolytiden in europäischen Wäldern während des Untersuchungszeitraums.
Quelle: WSL

Natürlich spielen neben der Trockenheit und der Temperatur noch andere Faktoren für den Befall durch solche Schädlinge eine Rolle. Als Beispiele werden von den Autorinnen und Autoren die Struktur der Wälder und die Zusammensetzung der Baumarten angeführt.

Das Forschungsteam besteht aus den CREAF-Forschenden Luciana Jaime González (Erstautorin) und Enric Batllori, Francisco Lloret, Professor für Ökologie an der Autonomen Universität Barcelona, sowie Marco Ferretti, dem Leiter der Forschungseinheit Waldressourcen und Waldmanagement an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).

Originalstudie: Jaime, L.; Batllori, E.; Ferretti, M.; Lloret, F., 2022: Climatic and stand drivers of forest resistance to recent bark beetle disturbance in European coniferous forests. Global Change Biology, 28, 8: 2830-2841. doi: 10.1111/gcb.16106

Mit Material der WSL