Newsletter
ABO
Zeitschriften
Service
KWF-Thementage Walderschließung

KWF Thementage 2019: Die Wegbereiter

Die 5. KWF-Thementage im hessischen Richberg am Rande des Truppenübungsplatzes Schwarzenborn beschäftigten sich mit dem Thema Waldwegebau und Erschließung. Während der Neubau in Deutschland nur noch in geringem Umfang stattfindet, wird die Wegepflege dagegen zunehmend professioneller. Digitale Instrumente eröffnen daneben immer neue Möglichkeiten bei der Erschließungsplanung und Kartographie.

Weil die Wegepflege bei dieser Veranstaltung den breitesten Raum einnahm und auch für unsere Leser von vordringlichem Interesse sein dürfte, zäumen wir das Pferd von hinten auf und berichten darüber zuerst, selbst wenn die anderen Schritte eigentlich vorher kommen. Auch wenn vermutlich viele Besucher der Thementage es kaum für möglich gehalten hätten – es gab hier gleich mehrere Innovationen bei den Wegepflegegeräten zu sehen. Wobei die Demonstrationsfahrten bei der Trockenheit des Bodens wenig realitätsnah waren und zu einer sehr staubigen Angelegenheit wurden.

Wegepflegegeräte

Bei der modernen Wegepflege gibt es mittlerweile derart viele verschiedene technische Ansätze und Meinungen, dass man fast versucht ist, von Glaubenskriegen zu sprechen. Da gibt es die bayerische Schule für die ausschließlich gezogene Schilde in Frage kommen. Alles andere ist Teufelszeug und greift viel zu stark in den Weg ein, möchte man meinen. Andere wiederum halten das für reine Wegestreichelei, die mit ihren mehrfachen unterjährigen Wiederholungen viel zu aufwändig ist und letztlich zu wenig bringt. Sie setzen mehr auf schweres Gerät und wenige Einsätze. Völlig unterschiedlich ist auch der Umgang mit organischem Material: Während es die einen teilweise als Bindemittel ansehen und darauf vertrauen, dass ein Zuviel nach der Pflegemaßnahme vom Wind wieder ausgeblasen wird, möchten die anderen Laub und Humus am liebsten ganz vom Wegkörper verbannen. Schließlich gilt noch zu klären, ob man besser mehrere schnelle Überfahrten macht, oder wenige und dafür langsam und ob man dabei nur eine Wegseite bearbeitet oder beide gleichzeitig. Jeder Hersteller hat selbstverständlich für seine Methode schlüssige Begründungen parat und das beste Patentrezept.

Der neue Stehr kann auch nur zu einer Seite arbeiten Foto: H. Höllerl

Als Messeneuheit – auch wenn die Thementage ausdrücklich keine Messeveranstaltung sein soll – darf der Wegegrader SUG 35 von Jürgen Stehr aus Schwalmtal gelten. Als gedanklichen Ausgangspunkt hat er eine Schotterstraße, die bereits deutliche Fahrspuren und Schlaglöcher aufweist. Deswegen besitzt der Apparat auch extra Aufreißerschienen mit Rundmeißeln, die den Weg bis auf den Grund der Schlaglöcher auflockern sollen. Mit der patentierten Knickschar lässt sich vorher organisches Material nach außen abschieben, oder ausgefahrener Schotter wieder hereinholen. Die Bankettfräse ist im Grundpreis von 47 500 € noch nicht enthalten. Bei der anschließenden Profilierfahrt kann bis auf eine Breite von 3,5 m mit unterschiedlichen Seitenneigungen gearbeitet werden. Sogar das Erstellen eines Dachprofils mit nur einer Überfahrt ist möglich, wenn die Schare nach vorne geknickt, das Gerät am Schlepper abgesenkt und hinten hochgestellt ist. Allerdings lässt sich damit nur eine sehr geringe Überhöhung von 10 cm zur Wegmitte erreichen. Zum Schluss sieht das Arbeitsverfahren den Einsatz der bekannten Stehr-Plattenverdichter vor, die vorne am Schlepper angebracht sind. So lassen sich etwa 500 m Weg in einer Stunde wieder komplett herrichten. Nach eigener Aussage hat Jürgen Stehr von diesem Gerät innerhalb von knapp zwei Jahren bereits 54 Stück verkauft.

Erst von unten zu erkennen: Der Stehr verfügt über eine sehr breite Andrucksohle an seinen Schilden Foto: H. Höllerl

Aus Sicht von Thomas Datzmann, Firma Metallvielfalten aus der Ramsau im tiefsten Oberbayern, fällt so eine Vorgehensweise längst unter die Rubrik Wegeinstandsetzung. Den Vorläufer seines Gerätes hatten wir mit dem Fahrer Andreas Thomae im Mai 2015 in Forst & Technik porträtiert. Hier kommen ausschließlich gezogene Schilde zum Einsatz, das Streckenziel für einen guten Arbeitstag beträgt 50 km.

Thomas Datzmann hat das Wegepflegegerät TH 3.8. stark umgekrempelt Foto: H. Höllerl

Das TH 3.8 ist gegenüber damals in vielen Punkten überarbeitet worden. Die drei Schilde sind so angeordnet, dass man beim Hereinholen des Schotters organisches Material gezielt zum Wegrand hin ablaufen lassen kann. Die Einstellzylinder sind jetzt schiebend eingebaut, wodurch sie besser geschützt sind und ein weiterer Bewegungsradius entsteht. Gegen Vibrationen sind alle Funktionen mit Druckblasen gedämpft, nachgeschaltete Entlastungsventile übernehmen den Anfahrschutz bei Kollisionen. Das TH 3.8. kann zwischen 2,47 m und 4,20 m auf einmal bearbeiten. Vorgesehen ist jeweils nur eine Überfahrt pro Straßenseite. Zum Ziehen des 2 700 kg schweren Teils, das rund 60 000 € kostet, braucht man im Flachland mindestens 130 kW, in den Bergen sollten es eher 200 kW sein.

Lagger Rotationsgrader

Florian Lagger aus Achenkirch in Tirol hatte steile, steinige Bauernwege im Sinn, die nur alle zwei Jahre einmal gepflegt werden, als er seinen Rotationsgrader RG 2.5 entwickelte. Hier dreht sich eine hartmetallbesetzte Walze mit Längsriefen entgegen der Fahrtrichtung, lockert das Wegmaterial auf, durchmischt es und bricht gegebenenfalls sogar Kanten von groben Blöcken im Wegkörper. Dahinter befindet sich eine kastenförmige Andruckschiene. Lagger rechnet mit fünf bis zehn Überfahrten, um einen Weg wieder herzurichten. Bei stärkeren Eingriffen sieht auch er einen nachfolgenden Übergang mit Plattenverdichtern vor. Der Rotationsgrader ist 2,5 m breit und 1 300 kg schwer. Dafür reichen Schlepper mit 100 kW die auch keine besondere Hydraulikanlage benötigen, weil die Walze ihren eigenen Zapfwellenantrieb besitzt. Zur Steuerung mit dem Joystick muss man sich fast nicht umdrehen, weil Lagger zum Preis von 45 000 € auch eine Heckkamera mit verbaut. Das Erlernen der Arbeitstechnik sei sehr einfach, deswegen dürfen Interessenten das Gerät sogar erst einmal 14 Tage erproben, bevor sie sich endgültig zu einem Kauf entschließen.

Das Prinzip des Unterbaugraders ist in Skandinavien weit verbreitet Foto: H. Höllerl

Die Technik des Unterbaugraders ist bei uns noch kaum bekannt. In Skandinavien sind diese Geräte weiter verbreitet und werden oft gleichzeitig zum Schneeräumen eingesetzt. Der Deutschland-Vertrieb von Valtra bietet zwei Typen für den Valtra N4 und Valtra T4 Versu und T4 Direkt an – den Arctic Machine AM 513 und den FMG Mid Mounted Grader.

Die Zwischenachsgrader haben den Vorteil, dass sie keinerlei Anbauräume blockieren. Frontlader, Heck- oder Fronthubwerk bleiben voll einsatzfähig. So könnte theoretisch sogar der Rücker nach getaner Arbeit noch kurz einen Weg abziehen. Die Zielgruppe sind allerdings eher Kommunalbetriebe mit ihren vielfältigen Aufgaben.

Der HK-Planierhobel hat sein Vorbild in den amerikanischen Box-Blades Foto: H. Höllerl

Der kastenförmige HK-Planierhobel von Heiko Kuhn basiert auf dem gleichen Prinzip wie die amerikanischen Box-Blades. Durch die geschlossenen Seitenwände soll jegliches Material mitgezogen werden, damit keinerlei Seitenwülste am Wegrand entstehen können, die das Ablaufen des Wassers behindern könnten. Überschüssiges Material muss man „überfahren“ und dann zur Seite hinausschieben. Das Gerät besitzt eine Aufreißerschiene und eine nachlaufende Andruckwalze. Innen im Kasten lässt sich noch eine kleine Leitschiene nach unten klappen, damit mehr Material zu Mitte hin bugsiert wird. Die Technik wird auch bei Friedhofswegen oder auf Golfplätzen eingesetzt. Der Typ PH maxi kostet 26 500 €.

Bewehrte Erde

Auf den Thementagen wurde vielfach bedauert, dass in den forstlichen Lehranstalten kaum noch Expertise für den Wegebau vorgehalten wird. Das ist im Prinzip nicht weiter verwunderlich, denn die Erschließung mit Forststraßen ist bundesweit weitestgehend abgeschlossen. Die wenigsten Förster kommen noch in die Verlegenheit, einen Weg bauen zu müssen. Lediglich in den schwierigen Regionen im Gebirge oder beim Lückenschluss auf instabilen Untergründen kommt das noch vor. Und da ist dann wirklich Spezialwissen und -technik gefragt. An einem Exkursionsbild demonstrierte HessenForst-Technik den Einsatz der sogenannten „bewehrten Erde“. Darunter versteht man die Verwendung von Kunststoffgitter und Trennvlies, damit das Tragschichtmaterial sich nicht mit dem weichen Untergrund vermischt. An der gezeigten Stelle ließ sich damit die Schichtdicke um zwei Drittel reduzieren. Vor Ort entspannen sich immer wieder lebhafte Diskussionen, ob man in Zeiten, da alle Welt sich Sorgen um Mikroplastik in den Ozeanen macht, bewusst Kunststoffe in den Waldboden einbringen soll? Die Befürworter der Methode, die im normalen Straßenbau gang und gäbe ist, argumentieren, dass diese Spezialkunststoffe im Untergrund ohne UV-Belastung quasi ein „ewiges Leben“ haben und eine wichtige Funktion erfüllen. Insofern dürfe man sie nicht vergleichen mit einer achtlos weggeworfenen Plastiktüte. Zugleich spare man ja jede Menge Steinmaterial und Energie durch deren Verwendung ein. Betriebswirtschaftlich rechnet sich die künstliche Bewehrung schon ab einer Verringerung der Schotterlage um 5 cm, im vorliegenden Fall waren es über 40 cm.

Gassenaufschluss 2.0

Der Algorithmus berechnet unter Tausenden von Alternativen in Sekunden den bestmöglichen Gassenverlauf – entweder mit der meisten erschlossenen Fläche, den kürzesten Rückeentfernungen, den geringsten Kosten, oder dem minimalen Flächenverlust Screenshot: Fraunhofer

Vom Wegebau gehen wir jetzt noch einen Schritt nach vorne zur Erschließungsplanung. Verschiedene schlaue Köpfe und Institutionen versuchen seit längerem, sich den Computer und geographische Informationssysteme zunutze zu machen, um die Rückegassenanlage zu verbessern. Eine optimierte Planung von Gassensystemen muss zahlreiche technische (z.B. Geländeneigung, Blocküberlagerung vorhandene Rücke- und Abfuhrwege), ökologische (z.B. Minimierung des Bodendrucks, Aussparung ökologisch sensibler Bereiche) und ökonomische Parameter (Senkung der Rückekosten, Minimierung des Produktionsflächenverlusts) berücksichtigen. Unter dem Titel „Gassenaufschluss 2.0“ läuft derzeit beim Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung (IFF) in Magdeburg ein Forschungsprojekt, das versucht, all diese Restriktionen automatisiert unter einen Hut zu bringen.

Für das digitale Geländemodell lassen sich verschiedene Grenzwerte festlegen. Je nach Fahrtrichtung ergeben sich dann mehr oder weniger Überschreitungen: Gelb = zu steil; Rot = zu schräg; Pink = beides. Durch Ändern der Gassenrichtung erreicht man im jeweiligen Erschließungsgebiet mehr grüne, d.h. befahrbare Flächen Screenshot: Fraunhofer

Ausgangspunkt ist dabei ein digitales Geländemodell, dem der Nutzer je nach den vorgesehenen Ernte- und Rückemaschinen bestimmte maximale Längs- und Querneigungen vorgibt. Dann lässt sich schon einmal sehr schön visualisieren, bei welchen Gassenrichtungen das erschließungsgebiet überhaupt befahren werden kann. Dann färbt sich das Gelände an dieser Stelle nämlich grün. Prinzipiell lässt sich das für jede beliebige Himmelsrichtung ausprobieren. Soweit erscheint das vielleicht noch relativ simpel und auch mit dem gesunden Menschenverstand draußen im Gelände entscheidbar. Nimmt man jedoch alle anderen Kriterien noch mit dazu, entstehen hochkomplexe, mehrdimesionale Entscheidungsprozesse. Der Mensch kann dabei niemals alles gleichzeitig im Auge behalten und dann noch abertausende von Varianten durchrechnen. Da kann der Computer eine wertvolle Unterstützung sein. Am Bildschirm entsteht so ein Erschließungsnetz mit genauer Gewichtung der Kriterien. Richtig rund wird die Sache allerdings erst dann, wenn das Programm auch noch während des Gassenaufhiebs weiterhin Eingaben (z.B. neues Bodendenkmal gefunden, oder Abrisskante ist doch zu steil) weiter aufnehmen kann und mit den veränderten Informationen in Echtzeit weiter optimiert. Nach Auskunft der Wissenschaftler des IFF ist diese Vision auch gar nicht mehr so fern, es wird aber noch nach einem Firmenpartner gesucht, der das Produkt vertreiben wird.

Navlog in Echtzeit

Zu guter Letzt gab es bei den Thementagen auch noch allerhand Neues zur Navigation im Wald zu erfahren:

Seit dem ersten bundesweiten klassifizierten Waldwege-Datensatz 2010 gab es im Durchschnitt jährlich eine Aktualisierung. Im Juni kam die neueste Version 2.0 heraus. Das ist natürlich kein Vergleich mit der Aktualität, die wir im öffentlichen Verkehrsraum mittlerweile von Navis gewohnt sind. Da regen wir uns ja schon auf, wenn eine Wochenbaustelle nicht erfasst ist. Um hier besser zu werden, hat die Navlog GmbH schon vor längerer Zeit eine Feedback-App herausgebracht. Einen großen Schritt weiter gehen jetzt jedoch die Bayerischen Staatsforsten: Sie haben ebenfalls im Juni eine Webservice-Schnittstelle in Betrieb genommen, die einen Echtzeit-Datenaustausch ermöglicht. Damit wird der Nutzer auch hier tagesaktuell über Sperrungen oder Probleme informiert.

Der forstliche Beirat, der sich auf den Thementagen turnusgemäß traf, hat beschlossen, dass auch die Wegeklassen 6 und 7, also Maschinenwege und Rückegassen, in den Navlog-Datensatz aufgenommen werden sollen. Zur Erfassung und Nutzung der Daten haben auch Forstmaschinenhersteller (z.B. Komatsu Forest) bereits Interesse angekündigt.

Das Projekt SiReNe (Sicherheit und Rettung in Natur und Erholungsräumen mit Hilfe navigationsgesteuerter Prozessketten) ist eine Kooperation der Uni Frankfurt, des Landes Hessen und des KWF, um die Navlog-Daten endlich in der Rettungskette im Wald – für Waldarbeiter genauso wie für Mountainbiker – nutzbar zu machen. Wenn man davon ausgeht, dass die Standard-Alamierung der Rettungskräfte derzeit meist noch über Fax erfolgt und noch kein einziges Rettungsfahrzeug ein Navlog-fähiges Navi an Bord hat, sind hier noch ziemlich dicke Bretter zu bohren.

Fazit

Nach den zwei Tagen zeigten sich die Veranstalter sehr zufrieden mit der Resonanz, stellten aber auch Nachholbedarf fest. Die Direktorin des KWF, Dr. Ute Seeling, kündigte an, dass „der KWF-Fachausschuss Walderschließung darüber beraten wird, wie die in der Praxis offenkundigen Wissenslücken beim Thema Waldwegemanagement geschlossen werden können. Es wurde gefordert, einen Handlungsleitfaden zur Wegeerhaltung und -instandsetzung als Leitlinie für Praktiker zu erstellen, wie das Wegenetz unter den veränderten Anforderungen des Klimawandels erhalten und gesichert werden kann.“

Heinrich Höllerl

Auch interessant

von