Forstpolitik

Waldumbau ist Waldbrandvorsorge

Bearbeitet von Heinrich Höllerl

Auch Deutschland leidet zunehmend unter katastrophalen Waldbränden. Neben Hitze und Trockenheit wird zum Teil der Forstwirtschaft die Schuld gegeben. Wer allerdings fordert, die Wälder sich selbst zu überlassen, geht einer ökopopulistischen Argumentation auf den Leim und nimmt noch weit verheerendere Flächenbrände in Kauf, sagt unser Autor Prof. Roland Irslinger.

Mit 9,0°C lag der Frühling 2022 bei uns um 1,3°C über dem Wert der Referenzperiode 1961 bis 1990, es war der drittsonnigste Frühling seit 1951, und es fielen nur zwei Drittel des üblichen Niederschlags. Im Juli 2022 wurden weitere Hitzerekorde gebrochen. Forschungsergebnisse aus dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zeigen, dass Hitzewellen über Europa drei- bis viermal schneller zugenommen haben als etwa in den USA oder Kanada, offenbar wurden diese Hitze-Trends in Westeuropa bisher eher unterschätzt.

Das bedeutet nichts Gutes für unseren Wald. Hohe Verdunstungsraten bei riesigem Wasserdampf-Sättigungsdefizit der Luft und gleichzeitigem Mangel an Bodenfeuchtigkeit führen zu einem starken Rückgang der Produktivität der Vegetation. Dürre, Hitze und hohe Strahlungsintensität lassen den Oberboden und Teile der Waldvegetation verwelken, Bäume sterben an Wasser- und Hitzestress und nachfolgenden Sekundärerkrankungen. Beste klimatische Voraussetzungen also für erhöhte Waldbrandrisiken.

Treten Waldbrände bei uns künftig so häufig und verheerend auf wie im Mittelmeergebiet?

Der aktuelle Klimatrend bedeutet folglich eine Gefahrenerhöhung für den Wald, deshalb wird für Mitteleuropa in den nächsten Jahrzehnten ein weiter stark steigendes Waldbrandrisiko prognostiziert. Der Südwesten und der Osten Deutschlands werden heftiger betroffen sein. Jahrzehntelang schienen riesige Waldbrände eher ein Problem der Mittelmeerländer zu sein, doch inzwischen ist erkennbar: Die Bedrohung rückt näher – es gilt, die vegetationsbedingten Waldbrandrisiken zu reduzieren.

Schon 2018 brannten in Treuenbrietzen in Brandenburg 400 ha Wald, Ende Juni 2022 brannten dort und im benachbarten Beelitz erneut 200 ha. In dieser Gegend existieren aus historischen Gründen viele Reinbestände aus Kiefern, wo am Ende des 18. Jahrhunderts die Wälder durch Übernutzung weitgehend zerstört waren und sich ausgedehnte Heideflächen gebildet hatten. Die Kiefer ist die einzige Baumart, mit der unter diesen Voraussetzungen eine Wiederbewaldung gelingen konnte. Zwar können Kiefern der Sommerhitze einigermaßen trotzen, Holz und Nadeln enthalten aber reichlich ätherische Öle und Harz. Besonders junge Kiefernwälder sind gefährdet, weil die Flammen leicht vom Boden auf die Baumkronen und dann von Krone zu Krone überspringen können. Solche Vollbrände nehmen schnell gewaltige Dimensionen an, insbesondere, wenn Totholz am Boden das Feuer im Kronenbereich dauerhaft nährt.

Brandgefährdet sind generell Nadelbaum-Reinbestände, auch Fichtenwälder. Buchen- und Laubmischwälder sind bisher weniger betroffen, da sie auch im Frühjahr und Sommer eher kühl und feucht sind. Der Unterschied liegt jedoch nicht nur an den Baumarten selbst, sondern ganz wesentlich auch an den Böden, auf denen sie wachsen. Laubwälder wachsen eher auf lehmigen Böden, die mehr Wasser speichern können und deshalb nicht so schnell austrocknen.

Mehr Brandlast als im Süden

Kurzfristig entscheidet das Wetter über das Waldbrandrisiko, mittelfristig die Brandressourcen, also die Menge an brennbarer Vegetation. Denn für Waldbrände braucht es Biomasse, die unsere Wälder in unglaublich hohen Mengen enthalten. Mit einem mittleren Vorrat von 358 m³ Derbholz je Hektar (Holz ab sieben Zentimeter Durchmesser wird Derbholz genannt) liegt Deutschland an der Spitze der EU. Insgesamt sind dies 3,9 Milliarden Kubikmeter. Überließe man unsere Wälder einfach der Natur, könnten die akkumulierten Holzmengen kaum größer sein. Die Brandlast der deutschen Wälder ist insofern mehrfach höher als die der Wälder Südeuropas. Es ist noch nicht in unserem Bewusstsein angekommen, dass sich durch Trockenheit und Borkenkäfer ein Teil der Biomasse unserer Wälder mehr und mehr in Brennstoff verwandeln wird, der Feuer in einem Ausmaß ermöglicht, das unser Vorstellungsvermögen übersteigt und unsere Siedlungen gefährden kann.

Waldbrandvorsorge durch Waldumbau heißt die Zauberformel.

Strukturreiche Mischwälder mit hohem Anteil klimastabiler Laubbäume widerstehen der zunehmenden Trockenheit eher und haben ein feuchteres Waldinnenklima, solange die Bodenfeuchtigkeit eine Transpiration erlaubt. Waldumbauprogramme wurden schon in den 1990´er Jahren deutschlandweit ausgearbeitet und begonnen. Das gestaltet sich weit schwieriger als es klingt, denn erst mit zunehmendem Lehm- und Humusanteil im Boden steigen die Erfolgschancen. Buchen und Traubeneichen, die ursprünglich auch in Brandenburg wuchsen, Linden, Ahorne, Hainbuchen oder Roteichen werden beim Waldumbau in die Kiefernbestände gepflanzt. Gelingt dies, wird Graswuchs mittelfristig unterdrückt, das grüne Laub der gepflanzten Bäume isoliert den Brennstoff am Boden von jenem im Kronenraum.

Genügend Ausdauer und eine geringe Rehwildpopulation vorausgesetzt, wird Waldumbau mittelfristig gelingen. Aber Rehe sind Feinschmecker und zu viele davon sorgen dafür, dass am Ende doch wieder nur Kiefern übrig bleiben. Nur eine intensive Bejagung macht den Waldumbau zum Erfolgsprogramm. Waldumbau muss aktiv erfolgen, denn wir befinden uns in einem Wettlauf mit der Zeit. Zwar könnte man diesen Prozess auch der Natur überlassen – was vor allem auf armen Sandböden viel zu lange dauern würde, mit weiterhin erhöhten Waldbrandrisiken für Jahrzehnte.

Selbstheilung dauert zu lange

Allein auf die Selbstheilung der Waldökosysteme zu hoffen, können wir uns in einem dicht besiedelten Land mit so vielfältigen Ansprüchen an die Ökosystemleistungen des Waldes nicht erlauben. Wald in Deutschland ist Teil der Kulturlandschaft und braucht die Hand des Försters. Man sollte sich allerdings auch keine übertriebenen Illusionen machen: Bei anhaltender Trockenheit werden auch Laub- und Mischwälder brennen, wenn auch hoffentlich eher am Boden, weil dicke Stämme kaum Feuer fangen.

Wälder haben eine vom Klima determinierte natürliche Dichte, was darüber hinausgeht, stirbt. Je trockener das Klima wird, desto lichter werden auch unbewirtschaftete Wälder. Bäume erst in höherem Alter als heute üblich zu ernten und Wälder dichter werden zu lassen, um das Waldinnenklima zu kühlen, hieße, Risikovorräte anzulegen. Deshalb ist es ein denkbar schlechter Rat, den Wald sich selbst zu überlassen. Denn mit zunehmendem Alter der Bäume steigt ihr Risiko, Dürreperioden nicht zu überleben. Naturnahe Waldwirtschaft sorgt dagegen für eine Reduktion der Brandlast, indem Bäume geerntet werden, bevor sie vertrocknen, und das Holz in Häusern verbaut wird, bevor es im Wald verbrennt.

In Deutschland wird auf sechs Prozent der Waldfläche kein Holz geerntet, auf zehn Prozent der nutzbaren Holzmenge wird überdies zugunsten einer Totholzanreicherung verzichtet, und das dünne Nichtderbholz bleibt zusätzlich zurück im Wald. Die massiven Waldschäden der vergangenen Jahre haben die Brandlast darüber hinaus erhöht. Halb zersetztes Totholz kann zwar beachtliche

Mengen an Wasser aufnehmen, in Zeiten der Dürre trocknet aber auch das Totholz aus. Je größer die Menge des verfügbaren Brennstoffs, desto höher sind Intensität und Schwere des Feuers und damit die Hitzeentwicklung und die Folgen eines Brandes. Waldwildnis-Strategien sind in diesen Zeiten keine wirklich gute Idee.

Trockenwälder sind generell lichter

Es ist eine universell geltende Regel, dass mit zunehmender Hitze und Trockenheit die Biomassevorräte abnehmen. Die hohen Holzvorräte in unseren Wäldern werden deshalb absehbar zum Hochrisiko. Wälder sind systemimmanent labil, weil sie wegen ihrer Langlebigkeit und Ortsgebundenheit klimasensitiv sind, vor allem in höherem Alter. Der Abbau von Biomasse kann langsam vonstattengehen, indem Bäume nach und nach absterben, ihr Holz langsam verrottet und neue Baumarten an ihrer Stelle wachsen. Oder es greifen eben katastrophale Waldbrände um sich. Weil in solchen Fällen riesige Mengen an Kohlendioxid in die Atmosphäre gelange, ist Waldbrandschutz deshalb auch Klimaschutz.

Nachhaltige Bewirtschaftung auf akzeptablem Holzvorratsniveau kann diese Szenarien verhindern, fachgerechte Waldpflege ist in der Lage, katastrophale Brände weitgehend zu unterbinden. Offenbar ist das Wissen um diese Zusammenhänge aber noch nicht in der Politik angekommen, denn Berlin wie Brüssel setzen auf noch mehr Biomasseanreicherung im Wald als Strategie des Klimaschutzes. Dabei ist weitere Akkumulation von Biomasse im Wald alles andere als Klimaschutz. In einschlägigen Normen ist festgelegt, dass eine zusätzliche Kohlenstoffspeicherung grundsätzlich dauerhaft sein muss. Das kann aber beim Vorratsaufbau im Wald nicht garantiert werden. Im schlimmsten Fall führt ein Waldbrand zum Totalverlust. Aber auch ohne Feuer wird die zunehmende Trockenheit das Baumwachstum bremsen und einzelne Bäume und ganze Wälder absterben lassen. In beiden Fällen entstehen „Kohlenstoffschulden“, die unsere Enkel wieder abtragen müssen.

Roland Irslinger, Jahrgang 1949, war von 1982 bis 2014 Professor für Waldökologie an der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg am Neckar. Er forschte in der Mata Atlantica, dem atlantischen Regenwald Brasiliens, und war beratend tätig beim Aufbau des WWF-Goldstandards zur Zertifizierung von Aufforstungsprojekten für den Klimaschutz.

Prof. Roland Irslinger