Katharina Schmitz begrüßt das Publikum zur Diskussionsrunde „Ökosystemleistungen: Wem gehört der Wald?“
Katharina Schmitz begrüßt das Publikum zur Diskussionsrunde „Ökosystemleistungen: Wem gehört der Wald?“
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Waldklimagipfel: Wem dient der Wald?

26. Oktober 2022
Anfang Oktober haben die Waldakademie von Peter Wohlleben und das Magazin Geo in Berlin den Waldklimagipfel veranstaltet. Die Geo-Redaktionsleiterin Katharina Schmitz moderierte an zwei Tagen zehn Diskussionsrunden zum Themenkreis Wald, Holznutzung, Klima, Jagd und Naturschutz.

Der Waldklimagipfel hatte mit Bundesumweltministerin Steffi Lemke und Anton Hofreiter nicht nur bekannte Grünen-Politiker zu Gast. Es kamen auch prominente Naturschützer wie der Autor Frank Schätzing, der Naturfilmemacher Hannes Jaenicke oder Prof.Michael Succow. Vor Ort waren nicht zuletzt Peter und Tobias Wohlleben, Prof. Pierre Ibisch und Knut Sturm. Sie alle sind bei Forstleuten für ihre Kritik an der Forstwirtschaft nicht unbedingt beliebt.

Keine einseitige Angelegenheit

Man hätte also vermuten können, dass der Waldklimagipfel eine einseitige Angelegenheit werden würde. Zum Teil war es auch so, zum Beispiel als sich Greenpeace, Nabu und Robin Wood allein darüber unterhalten durften, ob es nach einem Jahr Große Koalition gut für die Natur läuft oder nicht. Oder als sich der Umweltökonom Nico Paech und die Taz-Autorin Ulrike Herrmann ein Ende des Wirtschaftswachstums wünschten oder Prof. Pierre Ibisch in Klassenkämpfermanier die Waldbesitzer an die Sozialpflichtigkeit des Eigentums erinnerte.

Aber das wäre nicht das ganze Bild, denn oft saßen auch Forstleute auf dem Podium. Der Waldbesitzer Lucas von Fürstenberg etwa, der später auf Linkedin schrieb, dass er Neues gelernt habe. Oder die Wildbiologinnen Dr. Astrid Sutor vom Deutschen Jagdverband und Dr. Martina Hudler von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, die sich bei der Jagdrunde mit ihren Argumenten Respekt verschafften.

Besonders gut vertreten war die Forstpartie in der Podiumsdiskussion „Ökosystemleistungen: Wem dient der Wald?“ An ihr nahmen gleich zwei Forstpräsidenten teil: Georg Schirmbeck vom Deutschen Forstwirtschaftsrat (DFWR) und Prof. Andreas W. Bitter von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW).

Zwei Forstpräsidenten

Unter ihrer Beteiligung entspann sich ein intensives Hin und Her, das für Nichtexperten streckenweise recht anspruchsvoll war. Da war es gut, dass Georg Schirmbeck in Rolle des bodenverhafteten Waldbauern die praktischen Nöte der Privatwaldbesitzer deutlich machte. Er ärgerte sich über Mountainbiker, die den Wald kaputt fahren. Desgleichen über die Stadt Hamburg, die in der Lüneburger Heide das Grundwasser in solchen Mengen abzapft, dass der Wald Probleme bekommt. Die Waldbesitzer aber gehen immer leer aus, beklagte er sich.

Er befürchtet ohnehin, dass die Honorierung der Ökosystemleistungen an komplizierten Antragsverfahren scheitern könnte. Von der mit 500 Mio. € ausgestatteten Bundeswaldprämie zum Beispiel seien 2021 nur 400 Mio. € abgeflossen, von über einer Millionen Waldbesitzern hätten nur 105.000 überhaupt einen Antrag gestellt

Wichtig war ihm die Feststellung, dass der Wald oft über Generationen hinweg mit Herzblut bewirtschaftet wird. "Meine Eltern und ich haben uns gequält, letztendlich weil der Wald unsere Heimat ist." Und weiter: "Wir haben diesen Zustand hergestellt, den wir heute haben, und dann kommt die EU und macht aus dem ganzen Kram ein FFH-Gebiet. Da muss es doch toll sein, was wir geleistet haben."

Ökologiepflichtigkeit

An dieser Stelle brachte Prof. Pierre Ibisch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde (HNE) die schon erwähnte Sozialpflichtigkeit ins Spiel, die er im Bezug auf den Wald zur Ökologiepflichtigkeit umdeutete. Es werde niemand zum Waldeigentum gezwungen, sagte er. Oft sei der Wald zufällig geerbt. Deshalb könne die Gesellschaft erwarten, dass Waldbesitzer treuhänderisch mit dem Wald umgingen und zum Wohle der Gesellschaft etwas dafür täten, dass es dem Ökosystem Wald gut gehe. Nur so könnten seine lebenswichtigen Leistungen erhalten werden, die in der Klimakrise umso wichtiger sein.

Ibisch erwartet allerdings nicht, dass die Waldbesitzer das kostenlos tun. Er hat für die Honorierung dieser Leistungen ein Konzept vorgelegt, das Eigenschaften des Waldes wie Vitalität, Totholzanteil, Strukturvielfalt oder Kühlung auf Grundlage von Fernerkundungsdaten bewertet.

Ratlose Waldbesitzer

Auch Dr. Thorsten Welle von der Naturwald Akademie in Lübeck hat ein solches Konzept zur Bewertung der Ökosystemleitungen erarbeitet. Er und seine Mitautoren schlagen zum Beispiel vor, 10 % der Waldfläche im Privatwald aus der Nutzung zu nehmen. Kleinprivatwaldbesitzer könnten sich dann über eine entsprechende Honorierung ihres ökologischen Engagements eine komplette Finanzierung sichern. „Wir kriegen viele Anrufe von Waldbesitzern, die überfordert sind und etwas für die Ökologie tun wollen“, sagt Welle. Sie seien ratlos, weil sie vor Kahlflächen stehen und das Fördergeld für die Schadholzbeseitigung zwar dem Unternehmer geholfen habe, aber nicht ihnen selbst.

Neue Wege aufzeigen

Dr. Manuela Rottmann, die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeslandwirtschaftsministerium, kennt das aus ihrer unterfränkischen Heimat.In der Gemeinde Nüdlingen fragen sich die Bürger, ob man in Zukunft weiter so viel Holz nutzen könne wie bisher und ob ein Gemeindewald heutzutage nicht andere Aufgaben habe. Die Bundesregierung wolle den privaten und kommunalen Waldbesitzern in den nächsten Jahren mit 900 Mio.€ andere Wege aufzeigen und die Ökosystemleistungen des Waldes auf unbürokratische Weise fördern. Sie hielt aber fest, dass man die Waldbesitzer am Ende brauche, um den Waldumbau überhaupt umsetzen können.

Motor Privateigentum

Prof. Andreas W. Bitter war die Diskussion über bemüht Brücken zu bauen. Auch für ihn steht fest, dass man das Privateigentum akzeptieren müsse. „Ich glaube, dass Waldbesitzer und Förster unter ihren jeweiligen Bedingungen das Beste wollen“, sagte er. Aber wenn wir merken, dass die gesellschaftlichen Anforderungen andere werden, dann müssen wir gemeinsam neue Wege finden. Die Interessen der Waldbesitzer seien dabei ein starker Motor für vielfältige Entwicklungen. Wenn es für das Belassen von Dürrständern oder eine natürliche Waldentwicklung einen dauerhaften finanziellen Anreiz gibt, dann werden sich auch Waldbesitzer finden, die das gerne machen.

Beim Thema Kontrolle sprach sich der frühere Vorsitzende von PEFC Deutschland dafür aus, nicht nur auf die Fernerkundung zu setzen, sondern die Auditoren der Waldzertifizierer nicht zu vergessen. Das fördere den persönlichen Austausch mit den Waldbesitzern – und das sei schon deshalb wichtig, weil die bevorstehendeTransformation der Forstwirtschaft nur im Konsens funktionieren könne.

Wo bleibt die Förderrichtlinie?

Bevor es dazu kommt, muss allerdings erst einmal die Förderrichtlinie zur Honorierung der Ökosystemleistungen auf den Weg gebracht werden. Das Landwirtschaftsministerium hatte im Juli ein mit dem Umweltministerium abgestimmtes Konzept vorgelegt. Die konkrete Förderrichtlinie war für August 2022 angekündigt, doch ihre Veröffentlichung hat sich zuerst auf September und dann auf Ende Oktober verzögert – wie zu hören war, weil das Bundesfinanzministerium und der Bundesrechnungshof den Vorgang immer noch prüfen.

Oliver Gabriel


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