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Waldkatastrophe in der Thüringer Politik angekommen

Der Bund Deutscher Forstleute (BDF), Landesverband Thüringen, begrüßt die Bekanntgabe von „Grünes Herz Thüringen. Aktionsplan Wald 2030 ff.“ durch die Staatskanzlei. Doch gibt es auch kritische Anmerkungen.

Der BDF hat bereits vor über 1,5 Jahren von der Waldkatastrophe gesprochen, nun ist sie auch in der Thüringer Politik angekommen. Die große generationenübergreifende und gesellschaftsrelevante Frage der Walderhaltung wird endlich mit einem umfassenden Plan beantwortet. Dennoch fällt die Antwort mit dem „Aktionsplan Wald 2030 ff.“ in einigen Punkten zu zögerlich aus und ist in fachlichen Gesichtspunkten teilweise unzureichend.

Es fehlt ein klares Bekenntnis zu mehr Forstpersonal. Stattdessen werden nur viele neue Aufgaben definiert. Der vorgesehene Personalabbau durch Finanzkürzungen bis 2025 muss sofort beendet werden!

Sehr deutlich zeigt der Klimawandel, dass viele heimische Baumarten ihm nicht gewachsen sind. Dennoch soll der Waldumbau nur mit heimischen Baumarten erfolgen. Das greift zu kurz.

Rettung und Umbau der Thüringer Wälder

Es geht um nichts weniger als die Rettung der Thüringer Wälder und deren Umbau zu stabilen Mischwäldern. „Wir Forstleute begrüßen den engagierten Plan, um unseren Wald mit seinen lebenswichtigen Leistungen für die Gesellschaft zu erhalten. Unser Appell aus dem letzten Jahr, die Waldkatastrophe ernst zu nehmen und spürbare Maßnahmen zu ergreifen, wurde erhört“, so Andreas Schiene, Landesvorsitzender des BDF Thüringen.

Im Aktionsplan 2030 ff. sind viele wichtige und richtige Aufgaben und Vorhaben formuliert. Von der Überwachung zur Forschung, zur Pflanzenanzucht, der Schadensaufarbeitung, dem Waldumbau und der Verkehrssicherung. Auch die privaten und kommunalen WaldeigentümerInnen sollen unterstützt werden. Die meisten dieser Aufgaben entfallen auf ThüringenForst. Die landeseigene Anstalt bewirtschaftet den Landeswald, nimmt hoheitliche Aufgaben im Wald wahr und berät und betreut auch andere Waldeigentümerinnen und Waldeigentümer.

Personal an der Grenze des Machbaren

Das Personal von ThüringenForst ist schon bei der jetzigen Situation und Aufgabenfülle an der Grenze des Machbaren. Viele Stellen sind nicht besetzt, Krankheitsausfälle können nicht kompensiert werden. Viele Forstreviere müssen von anderen FörsterInnen in Vertretung mit betreut werden. Noch im sehr aktuellen Entwicklungskonzept ThüringenForst 2025 ist von Stellenabbau die Rede und auch das Personalentwicklungskonzept der Landesregierung (PEK 2025) sieht eine Reduzierung vor.

Im „Aktionsplan Wald 2030ff.“ heißt es zur zukunftsfesten Personalausstattung jetzt „Diese Aufgabe wird im Rahmen der Fortentwicklung des Personalentwicklungskonzepts der Landesregierung PEK 2025 umgesetzt werden“. Bei der Finanzausstattung von ThüringenForst soll mit jährlich 4 Mio. € für 2019 und 2020 aufgestockt werden und „bei Fortbestehen der Sondersituation“ um weitere 4 Mio. € in den Jahren 2021 und 2022.

„Die ‚Sondersituation‘ im Wald wird uns nicht nur bis 2022 beschäftigen. Der Klimawandel und die Extremereignisse werden uns weiter begleiten. Der Waldumbau von 154.000 ha Reinbeständen in Thüringen ist eine Generationenaufgabe. Wir brauchen für den Wald in Thüringen ein klares Bekenntnis zu mehr Forstpersonal und eine dem politischen Ziel angepasste zusätzliche, Finanzausstattung auf Dauer für alle formulierten Aufgabengebiete bei ThüringenForst, den anderen Besitzarten und den Unternehmern. Hierfür brauchen wir auch eine Ausbildungs- und Nachwuchskampagne. Die Finanzausstattung von ThüringenForst ist dauerhaft deutlich zu erhöhen. Für Waldumbau sind entsprechend den politischen Zielen zweckgebundenen Mittel zur Verfügung zu stellen. Deren Höhe muss sich nach den politisch gewollten Waldumbauflächen richten. Politische Waldumbauzielvorgaben und Hektarzahlen ohne konkretes Geld sind nutzlos. Der erzwungene Personalabbau durch die vorgesehenen Finanzkürzungen bis 2025 muss sofort gestoppt werden! Sonst sind die anstehenden Aufgaben nicht im Ansatz zu stemmen“, erklärt Andreas Schiene seine größte Kritik.

Widersprüche bei der Frage der Baumarten

Die Frage der Baumarten für den neuen stabilen und gemischten Wald wird widersprüchlich beantwortet. Es ist die Rede von klimaresilienten Baumarten – also angepasst an das Klima und stabil. An anderer Stelle schreibt man von einheimischen Baumarten. Viele einheimische Baumarten zeigen jedoch gerade, dass sie nicht stabil sind – ganz anders als gedacht. Zum Beispiel die Buche, Ahorn, Esche und Ulme. Die Fichte und Kiefer sowieso. Hier muss ganz klar auch die Möglichkeit gegeben sein, Baumarten anderer Herkünfte (z.B. aus Osteuropa oder dem Kaukasus) zu verwenden oder fremdländische Baumarten. Natürlich naturverträglich, in Mischung und durch Forschung begleitet. Dies auszuschließen bedeutet jedoch, sich von der Klimastabilität zu verabschieden. Wenn sich das Klima und der Standort verändert, muss auch eine Veränderung der Definition „heimisch“ möglich sein oder bisherige „Fremdländer“ zugelassen werden.

Warum eine weitere Zertifizierung?

Warum der Wald in der Katastrophensituation noch mit einem zweiten Zertifizierungssystem versehen werden soll, wo er schon flächendeckend zertifiziert ist, ist nicht nachvollziehbar, zumal sich die Zertifizierungssysteme nur unwesentlich unterscheiden. Das hierfür notwendige Geld und Personal ist an anderer Stelle sinnvoller eingesetzt.

Nachdenken über die Jagd …

Die waldfreundliche Jagd wird nicht deutlich genug formuliert. Wir brauchen die klare Unterstützung der Jägerinnen und Jäger, um den notwendigen Waldumbau zum Erfolg zu führen und die jungen Bäume nicht als teures Wildfutter zu pflanzen. Die Wilddichte muss deutlich angepasst werden..

Diese Fehler dürfen sich nicht wiederholen!

Über bisherige und weitere Waldstilllegungsflächen muss unter dem Weltklimagedanken erneut nachgedacht werden. In Deutschland ist grundsätzlich davon auszugehen, dass kein „Raubbau“ am Wald möglich ist. Mehrfachzertifizierung, Überregulierung und überbordende Stilllegung schaffen Alibiwälder in Deutschland. Die Holznachfrage wird dadurch nicht geringer und wird aus anderen Ländern/Kontinenten bedient. Wozu das Festklammern an „deutschen“ Umweltzielen geführt hat, ist am Thema Biodiesel und der Folge in der Landwirtschaft (Entzug von Ackerflächen für die Lebensmittelproduktion) und der Abholzung von Urwald (Rodung für Palmölplantagen) zu sehen. Diese Fehler dürfen sich nicht am Thema Wald wiederholen.

Rechenbeispiel Waldumbau (noch 28 % Reinbestände = 154.000 ha)

Wenn in den derzeit 24 Forstämtern jedes Jahr max. 150 ha aktiv umgebaut bzw. mit anderen Baumarten gepflanzt werden, dauert der gesamte Waldumbau etwa 42 Jahre. Bei Minimum 1.000 Pflanzen je Hektar und Minimum 5 €/Pflanze (inkl. Pflanze, Pflanzung, Pflege, ggf. Zäunung) sind das Kosten von etwa 5.000 €/ha. Das bedeutet 18 Mio. € nur für die jährlichen Pflanzungen und insgesamt 756 Mio. € für die 154.000 ha Umbaufläche! Und das ist nur eine untere Grenze. Hinzu kommen die Wiederaufforstungen der Schadflächen und deren Pflege.

Dabei sind noch nicht die geplanten Vorhaben zur Waldmehrung für den Klimaschutz eingerechnet. Also die Neuanpflanzung von Wald, wo heute noch gar keiner ist.

 

Zum Thema: forstpraxis.de-Meldung

BDF Thüringen/Red.

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