Machen Sie Waldführungen?

Im Urlaub habe ich einen Rad-Guide kennen gelernt. Dieser Anglizismus beschreibt eine Person, die Radlergruppen führt. Ein guter Rad-Guide ist aber mehr als ein "Weg-Zeiger". Er begleitet die Gruppe, fährt voraus oder hinterher und organisiert alles Mögliche von Mahlzeiten bis zu der Unterkunft. Bei großen und kleinen Reparaturen steht er bei und ist insgesamt ein guter "Rad-Kumpel". Sein Ortssinn und sein Navi führen treffsicher durchs Gelände. In interessanten Städten sorgt er für eine Führung. Er sprach immer vom "Stadtbilderklärer". Tatsächlich macht der Stadtführer ja mehr als nur führen. Das Stadtbild wird erklärt; Gebäude, Plätze, Parks und andere Besonderheiten werden gezeigt. Anekdoten und Geschichten machen das Ganze lebendig.

"Bücherfresser" "Bücherfresser"
Foto: aus Arnold/Sieber: Die Verschränkung der Blicke, Schneider Verlag 2006, S. 62
Auf das ungewohnte Wort angesprochen, erklärte er mir, dass in seinem rheinischen Heimatort der Begriff "Führer" aus dem Dritten Reich so belastet sei, dass er ihn nicht mehr verwendet. Das zeigt nicht nur Geschichtsbewusstsein, sondern auch eine korrektere Verwendung des Begriffes. Diese "Führer" machen ja weit mehr als führen, sie erklären und bringen nahe. Das ist ein sehr konsequenter, wenn auch etwas ungewöhnlicher Umgang mit der deutschen Sprache.

Natürlich kann man sich nun trefflich streiten, ob es heute noch nötig ist, sich so geschichtsbewusst auszudrücken oder ob wir heute wieder unbefangener reden dürfen. Ich denke, wir dürfen. Allerdings denke ich auch, dass wir Begriffe sinnvoll und angemessen verwenden sollten.

 
Begriffe müssen zutreffen

Wenn wir eine Führung machen, dann dürfen wir diese wohl auch so nennen. Führt ein Förster einen Gemeinderat durch den Stadtwald und berichtet von Einschlägen und Hiebszahlen, von Erholungseinrichtungen und dem Aufwand dafür oder vom ökologischen Zustand, dann ist sein Ziel (wie bei einer Stadtführung) einer Gruppe von Menschen Informationen zu liefern. Dies geschieht in der Hoffnung, dass davon auch möglichst viel hängen bleibt. Er führt durch den Wald und durch Fakten, ist also seinem Verhalten nach ein Führer. Geht es auch z.B. um ökologische Zusammenhänge, um waldbauliche Maßnahmen und das selbstständige Erfassen von Zusammenhängen, dann sagt der sperrige Begriff "Waldbilderklärung" vielleicht mehr über Inhalte und Methoden der Veranstaltung.

Verwenden wir also den Begriff "Waldführung" ruhig weiter. Im Sinne einer sprachlichen Eindeutigkeit jedoch bitte nur, wenn es eine Führung ist und auch eine sein soll. Finden waldpädagogische Aktivitäten statt, ist der Begriff "Führung" unpassend. Waldführungen haben mit Waldpädagogik nur sehr wenig zu tun, erstrecht wenn man davon ausgeht, dass sich Waldpädagogik als Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) versteht. Führungen sind damit eher Veranstaltungen im Rahmen einer forstlichen Öffentlichkeitsarbeit, also keine Bildungs-, sondern eher Informationsveranstaltungen. Führungen, wenn es solche sind und nicht nur aus Gewohnheit so genannt werden, entsprechen eher dem Konzept von lehrerzentriertem Unterrichten, das nach wie vor der Illusion anhängt, man könne Wissen von Mensch zu Mensch transferieren. Führungen haben wohl vor allem etwas mit Frontalunterricht zu tun, der methodisch und inhaltlich gut gemacht, sehr informativ und unterhaltsam sein kann. Im Sinne einer BNE-Didaktik ist dieser jedoch nicht in der Lage, Kompetenzen zu fördern. Im Sinne einer angemessenen Verwendung der Sprache lohnt es sich über alternative Begriffe nachzudenken.
 
Die in Tab. 1 aufgelisteten Begriffe haben jeweils etwas unterschiedliche Bedeutungen. Für eine bewusste Programmgestaltung sollte die Veranstaltung inhaltskonform benannt werden. Ebenso sollte die Rollen- bzw. Berufsbezeichnung nach dem jeweiligen professionellen Selbstverständnis der Leitenden passend gewählt werden.
 
In den letzten Jahren hat in der Waldpädagogik ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel stattgefunden. Waldpädagogen verstehen sich heute weniger als Informationsvermittler, sondern eher als Bildungsakteure im Rahmen der Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE). Gerade in der Zusammenarbeit mit Schulen und Kindertagesstätten ist es wichtig, dass der Wald als außerschulischer Lernort Bedeutung erhält und damit auch kompetenzorientiert pädagogische Ziele verfolgt.
 
Lehren und Lernen ist jedoch mehr als nur "liefern und aufsaugen" von Informationen. Waldpädagogik ist geradezu ein Gegenentwurf zum "bulimischen Lernen" zwischen "Fressen im Unterricht und Erbrechen in der Klassenarbeit". Lernen im Wald, heißt im Verständnis der BNE, zukunftsfähiges Lernen. Inhalte und Methoden orientieren sich an dem, was die (jungen) Menschen in Zukunft wohl brauchen werden. Da kein Mensch weiß, was das konkret sein wird, kann es dabei nur um die sog. "Softskills" gehen, wie Empathie, Kooperation, Zusammenhänge erkennen eben um die Vielzahl der Kompetenzen, wie sie die Bildungspläne und die BNE beschreiben.
 
Natürlich spielen auch Wissen und Informationen in der Waldpädagogik eine wichtige Rolle in den Lernprozessen, insbesondere wenn diese im Zusammenhang mit Schule angeboten werden. Fächer, Inhalte und Themen sind eher so etwas wie Farben, Ton oder Holz für den Künstler, also eine Art "Baumaterial", das notwendig ist, um diese Kompetenzen zu erwerben. Diese sind weitgehend austauschbar. Lernleistungen wie Lesen, Schreiben und Rechnen stehen in direktem Zusammenhang mit Grundkompetenzen, wie Zeichenerkennung, Kombinationsfähigkeit oder Einsicht in Zusammenhänge.
 
Auch Wissen erwerben ist eine wichtige Kompetenz [6], kann aber nicht wie eine Ware zwischen Menschen verschoben werden. Wissen ist das, was im Menschen entsteht, wenn Informationen aus der Umgebung ankommen und angeeignet werden. Lernprozesse finden immer im Menschen, oft in Gruppen und immer an Sachthemen statt und sind stets vor allem sehr subjektive Ereignisse.
 
Wichtiger als Wissen ("Haben") sind Kompetenzen ("Können"), denn nur durch diese, z.B. die Kompetenz sich Wissen anzueignen, kann Lernen stattfinden. Alle Kompetenzebenen (Sach-, Methoden-, Personal- und Sozialkompetenzen) sind Fähigkeiten und Fertigkeiten, durch die sich Menschen weiterentwickeln können. Diese sind vom Säuglings- bis zum Greisenalter vorhanden und können weiterentwickelt werden.
Lehren und Lernen sind prinzipiell unterschiedliche Prozesse

Lehrende können den Kindern Angebote machen, doch lernen muss jeder selbst. Jeder weiß inzwischen, dass Lernende stets nur das aus Lehrsituationen mitnehmen, was ihnen zugänglich ist, was sie irgendwie betrifft. Konstruktivistisches Verständnis von Lehr- und Lernprozessen geht davon aus, dass Menschen sich ihre eigene Welt, ihr eigenes Weltverständnis im Kopf konstruieren.

Ein deftiger Lehrerspruch macht dieses konstruktivistische Konzept sehr deutlich: "Der Bauer kann das Vieh zur Tränke führen, aber saufen muss es selbst".

Pädagogen gehen heute davon aus, dass es in Lernprozessen ganz wesentlich darauf ankommt, vom Kinde aus zu denken. Auch für Lehrveranstaltungen gilt, dass "Beteiligte zu Betroffenen werden müssen", denn nur dann ist echtes Lernen möglich. Hirnforscher [3, 4] sind sich im Wesentlichen einig, dass vor den Lernprozessen stets die Motivation steht. "Ein Rind, das nicht durstig ist, wird auch nicht saufen."

Ohne Freude, Spaß und Lust, ohne Interesse und Neugier, also ohne positive Gefühle ist es schwierig, wirkliche Lerneffekte zu erzielen. Bei Lehr- und Lernprozessen geht es also stets darum, "Durst" zu wecken und diesen dann auch nur ein Stück weit zu stillen. So werden Neugierde und Interesse gepflegt. Die Lernenden pendeln sich zwischen "Gier nach Neuem" und zeitweiser Sättigung durch Erfolgserlebnisse ein.

Eine alte Pädagogenweisheit sagt: "Wenn Sie Ihrem Kind etwas erzählen, dann nehmen Sie ihm die Möglichkeit, dieses selbst zu entdecken" [4].

Eine Forschererfahrung sagt, dass mit jeder geklärten Frage stets mindestens zehn neue entstehen. So arbeiten sich auch Kinder von Frage zu Frage durchs Leben und konstruieren sich so ihre (Sicht der) Welt. Wenn im Bildungsprozess alles gut geht, dann bleiben viele Fragen offen. Der Mensch bleibt neugierig und will immer mehr wissen und immer mehr klären.

Also schminken wir uns ab, wir könnten ein Thema erschöpfend behandeln und den Kindern alles Wichtige eines Themas erzählen. Es geht eher darum, dass Kinder "bis zur Erschöpfung" begierig forschen, um die Welt ein wenig besser zu verstehen. Diese persönlichen Entwicklungsprozesse brauchen eigentlich keine Lehrenden, allerdings können einfühlsame Lehrende solche Prozesse begleiten und fördern. Ungeschickte Lehrpersonen können andererseits jedoch Menschen formelle Lernsituationen so verleiden, dass sie nicht mehr wollen und können, also "Lehrer" und "Schule" ablehnen. Obwohl formelle Lernsituationen so abgewertet werden, lernen natürlich auch diese Menschen im Leben und durch das Leben, alles was ihnen persönlich wichtig ist denn Lernen ist ein Grundprinzip, dem wohl alle, zumindest alle höheren Lebewesen folgen. "Kinder müssen lernen, einfach weil ihr Gehirn so organisiert ist" (sinngemäß nach [5]). Die Aufgaben von Lehrenden, also auch von Waldpädagogen, sind es dann Lernsituationen zu nutzen, Lernumgebungen zu gestalten, Lehrmaterialien und -methoden zu wählen.
 
All das ist im Wald recht einfach, denn dieser bietet Freiheiten und Material im Überfluss. Er beschränkt auf das Vorhandene, lässt dort aber alles offen. So wird zwischen Grenzen und Grenzenlosigkeit fast alles möglich. Lernen wird zwangsläufig. Lernende beschreiten ihre individuellen Lernwege und Lehrende dürfen sie begleiten. Selbsttätigkeit ermöglicht Selbsterfahrung. Selbstwirksamkeit in Eigenverantwortung kann durch Aktivitäten im Wald erlebt werden. Eigenaktive Weltaneignung steht im Zentrum dieses modernen, konstruktivistischen Lehr- und Lernverständnisses, das "Führungen" im eigentlichen Wortsinne ausschließt. Der außerschulische Lernort Wald fordert geradezu dazu heraus, Kinder freizulassen für individualisiertes Lernen. Die Angebote des Waldes sind so reich und so vielfältig, dass es oft reicht, forschende Kinder zu begleiten und manchmal deren Fragen vielleicht sogar zu beantworten.
Folgerungen

Wirkliches relevantes Lernen im Wald findet selbsttätig und eigenaktiv statt. Lehrende begleiten, ermöglichen und helfen. Manchmal kann es auch hilfreich sein, interessierten Kindern etwas zu erzählen, denn Märchen, Geschichten und persönliche Lebenserfahrungen haben auch für Kinder einen hohen Wert.

Natürlich darf und wird es weiterhin Waldführungen, insbesondere als Mittel der forstlichen Öffentlichkeitsarbeit, geben. Allerdings sollten Veranstaltungen nur so benannt werden, wenn es wirklich Führungen, also so was wie geführte Spaziergänge oder Wanderungen zur Vermittlung von Informationen sind. Waldpädagogische Veranstaltungen sollten präziser am Inhalt und den Methoden orientiert benannt werden. Auch im Sinne einer kundenfreundlichen Transparenz sollten wir sehr genau darauf achten, dass Angebote so benannt werden, dass klar wird was tatsächlich stattfindet.

OStR. Dr. Eberhard Bolay ist pädagogischer Leiter des Haus des Waldes des Landesbetriebes Forst Baden-Württemberg.
Eberhard.Bolay@rpt.bwl.de 
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Literaturhinweise
[1] Bolay E.; Reichle, B. (2007): Handbuch der Waldpädagogik - Theorie und Praxis der waldbezogenen Umweltbildung. Band 1, Theorieteil, Hohengehren (Quelle für weiterführende Literatur).
[2] Bolay E.; Reichle, B. (2012): Handbuch der Waldpädagogik - Theorie und Praxis der waldbezogenen Umweltbildung. Band 2, Praxiskonzepte, Hohengehren (Quelle für weiterführende Literatur).
[3] Hüther, G. (2012): Was wir sind und was wir sein könnten: Ein neurobiologischer Mutmacher, S. Fischer.
[4] Piaget, J. (1971): Psychologie der Intelligenz. Olten und Freiburg im Breisgau.
[5] Spitzer, M. (2007): Lernen. Spektrum.
[6] Stern, E.: Wissen schlägt Intelligenz. Die ZEIT 26.06.2003, Nr.27. 

Eberhard Bolay

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