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Der Pfynwald im mittleren Wallis ist der grösste zusammenhängende Waldföhrenwald in der Schweiz.

Waldföhren haben ein ökologisches Gedächtnis

Der Klimawandel führt im Wallis zu mehr Trockenheit. Schon jetzt sterben dort seit etwa zwei Jahrzehnten viele Waldföhren ab, zum Teil grossflächig. In einem Bewässerungsversuch geht die Eidg. Forschungsanstalt WSL in der Schweiz dem Wachstum der Waldföhren im Pfynwald auf den Grund. Seit 2003 bewässert sie dort mehrere Parzellen, um die Abhängigkeit des Föhrenwachstums von der Wassermenge aufzuzeigen.

Diese erst trockengestressten und dann bewässerten Bäume entwickelten sich über mehr als ein Jahrzehnt sehr gut. Sie entwickelten eine dichtere Krone und dickere Stämme als ihre nicht-bewässerten Nachbarn. Auf einzelnen Flächenteilen wurde Ende 2013 das Wasser wieder abgestellt. Es stellte sich die Frage, ob die Bäume von den „fetten“ Jahren profitieren konnten oder ob sie nach der langen Bewässerungsphase schlechter an die wieder trockeneren Verhältnisse angepasst waren. Die Antwort ist mehrschichtig, da verschiedene Organe des Baumes unterschiedlich reagierten. Eindeutig aber beeinflusst die Vergangenheit das Wachstum der Föhren, wie die in der Zeitschrift New Phytologist veröffentlichten Resultate einer internationalen Forschungsgruppe unter Leitung der WSL nun aufzeigen.

Foto: R. Lässig

Abb.: Während April-Oktober werden einzelne Parzellen zusätzlich bewässert. 

Zu den erwarteten Reaktionen auf das Abschalten der Bewässerung gehört beispielsweise, dass die neu gebildeten Nadeln kürzer wachsen als jene in den Jahren mit Bewässerung. Überraschend hingegen war, dass die Länge neuer Asttriebe nicht im ersten, sondern erst im zweiten Jahr ohne Bewässerung abnahm. Ein erster Hinweis auf einen sogenannten Legacy-Effekt (engl.: Hinterlassenschaft). Unter diesem Begriff fasst man verzögerte Wachstumsreaktionen zusammen, die nicht durch die aktuell herrschenden Bedingungen, sondern nur durch solche aus der Vergangenheit zu erklären sind. Es gibt also Reaktionen, die sich noch nicht in der nächsten Vegetationsperiode auswirken, sondern erst in der übernächsten oder gar noch später. Man könnte meinen, Bäume hätten so etwas wie ein ökologisches Gedächtnis.

Foto: R. Lässig

Abb.: Im Pfynwald bewässern WSL-Wissenschaftler seit 2003 mehrere Waldparzellen. Bei einem Teil davon wurde die Bewässerung nach 11 Jahren wieder gestoppt. Dieses langfristige Experiment bietet perfekte Bedingungen, um Anpassungen an trockene und feuchte Bedingungen zu untersuchen. 

Föhrenstämme wachsen weiterhin gut

Am erstaunlichsten war jedoch die Entwicklung des radialen Stammwachstums. Die Jahreszuwächse in Holz und Rinde der nicht mehr bewässerten Bäume wurden nicht wie erwartet sofort kleiner, sondern blieben über vier Jahre deutlich breiter als vor dem Start der Bewässerung. Das Stammwachstum reagierte also nicht ausschliesslich auf die äußeren Bedingungen in Luft und Boden, sondern es profitierte von den Ressourcen und den Strukturen aus der längst beendeten Bewässerungsphase. Dabei konnte ausgeschlossen werden, dass aus der Bewässerungszeit im Boden verbliebenes Wasser eine Rolle spielte.

Verschiedene Baumorgane haben unterschiedliche Lebenserwartung

Mit einem Rechenmodell versuchten die Forschenden das unerwartete Stammwachstum zu erklären. Es setzt die Legacy-Effekte mit der Lebenserwartung verschiedener Baumorgane und dem Kohlenstoffspeicher in Verbindung: Ein wasserleitendes Element im Holz der Föhre bleibt etwa 50 Jahre aktiv, der Kohlenstoffspeicher wird etwa alle 10 Jahre umgesetzt und die Föhrennadeln leben etwa vier Jahre. Verkürzt kann man also sagen, dass Baumstrukturen, die bis vor 50 Jahren gebildet wurden, noch heute das Wachstum beeinflussen, weil sie Eigenschaften vergangener Jahre in die Gegenwart tragen. Die Lebensdauer der Nadeln, und damit die Umweltbedingungen der letzten vier Jahre zeigten den grössten Einfluss auf das Stammwachstum. So lange brauchten die ehemals bewässerten Föhren im Pfynwald auch, bis sie ihre vergrösserte Krone wieder auf das Niveau von vor der Bewässerung reduziert hatten.

Trockenheit kann sich über Jahre auswirken

Diese Forschungsarbeit zeigt, dass sich die Intensität des Baumwachstums unter feuchteren Verhältnissen positiv auf mehrere darauffolgende Trockenjahre auswirken kann. Es gilt aber auch der Umkehrschluss, dass ein extremes Trockenjahr sich negativ auf mehrere darauffolgende Jahre auswirkt. Das Wachstum und viele andere physiologische Prozesse hängen folglich nicht nur von den aktuellen Wetterbedingungen ab, sondern werden von den physiologischen Prozessen der Jahre zuvor mit beeinflusst. Die ausgeprägte Trockenheit des Rekordsommers 2018 dürfte somit noch weitere Jahre ihren Schatten werfen.

Quelle: WSL

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