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25 Jahre Vegetationsentwicklung nach Sturmwurf – Eine Dauerbeobachtungsstudie im Bayerischen Wald

Quelle: Forstarchiv 80: 5, 163-172 (2009)
Autor(en): Fischer A, Fischer HS

Kurzfassung: Fast alle Waldflächen Mitteleuropas unterliegen einer Bewirtschaftung, d. h., sie werden nach der Holzernte wieder aufgeforstet bzw. nach Sturmwurfereignissen geräumt und dann aufgeforstet. Wie der natürliche Regenerationszyklus eines mitteleuropäischen Waldes ohne eingreifen des Menschen ablaufen würde, ist deshalb im Detail nicht bekannt. Am 1.8.1983 fand im Nationalpark bayerischer Wald ein Gewittersturm statt, der größere Flächen natürlicher Fichtenwälder geworfen hat. ein teil dieser Flächen blieb unangetastet liegen, der andere teil wurde geräumt, aber nicht wieder aufgeforstet. Seit 1988 wird die Entwicklung auf zwei eng benachbarten Sturmwurfflächen mit sehr ähnlichen Standortbedingungen auf transekten nach einheitlicher Methode erfasst und dokumentiert. Die Tansekte reichen jeweils bis in den umgebenden, damals nicht geworfenen Wald (Kontrollflächen). Die Ergebnisse dieser Fallstudie zeigen, dass die Entwicklung wieder hin zum Waldzustand auf den nicht geräumten (belassenen) Flächen unmittelbarer verläuft als auf den geräumten Flächen, erkennbar an der größeren floristischen Ähnlichkeit mit dem nicht geworfenen Wald. Nach Räumung bildet sich zunächst eine Schlagflur mit Himbeere (Rubus idaeus) und Reitgras (Calamagrostis villosa) aus, die von einem Birken-Vorwald (Betula pendula et pubescens) abgelöst wird; die natürliche Schlussbaumart, die Fichte (Picea abies), wird dort in ihrer Regeneration zunächst behindert. Auf den völlig sich selbst überlassenen Sturmwurfflächen dagegen setzt die Regeneration der Fichte unmittelbar nach dem Sturmwurfereignis ein, und sowohl Schlagflur als auch Vorwald bleiben im Wesentlichen auf kleine Störungsstellen (aufgeklappte Wurzelteller) begrenzt. Die Artenvielfalt (Anzahl Gefäßpflanzen pro Untersuchungsflächen) steigt auf den untersuchten Sturmwurfflächen unmittelbar nach dem Windwurf an. Während die Artenzahl auf geräumten Flächen bereits nach wenigen Jahren wieder abnimmt, bleibt sie auf belassenen Flächen gut ein Jahrzehnt lang auf hohem Niveau, bevor sie auch dort wieder zum ursprünglichen Wert zurückkehrt. Im Hinblick auf die Erhaltung und Förderung der heimischen Biodiversität stellt das Sichselbst-Überlassen von Sturmwurfflächen eine wichtige Option im rahmen des Waldmanagements dar, entstehen mit dem Sturmwurf und im Zuge der anschließenden Walderneuerung doch Strukturen ähnlich einem unbewirtschafteten Wald. Auch aus forstwirtschaftlicher Sicht können sich Vorteile ergeben: Gerade bei entlegenen und/oder schwer zugänglichen Sturmwurfflächen kann auf die natürliche Regenerationskraft des Waldes gesetzt und können damit ggf. Mensch und Markt entlastet werden. Allerdings ist immer eine ausgewogene Balance mit der Holzproduktionsfunktion und der Waldschutzfunktion zu finden im Sinne einer multifunktionalen Waldbewirtschaftung, die möglichst viele gesellschaftliche belange berücksichtigt.


25 years of vegetation development after windthrow – A permanent plot research study in the Bavarian Forest National Park, Germany

Abstract: Nearly all european forests have been managed for centuries. Planting new trees after harvesting and clearing followed by tree planting after wind throw are common practices. Therefore there is a lack of basic knowledge on how european forests regenerate after natural large-scale disturbances like wind throw. In the bavarian Forest National Park, south-eastern Germany, a short but severe thunderstorm occurred on 1 August 1983, blowing down close-to-nature stands predominately of Norway spruce (Picea abies (L.) H. Karst.). extensive areas remained uncleared, while others were cleared without replanting any trees. In 1988 we established transects with 10 m x 10 m plots, starting in the surrounding forest (reference) and crossing the wind throw areas, representing both cleared and uncleared wind throw areas. The first survey (phytosociological relevées; additionally recording all emerging trees and all deadwood) was carried out in 1988. Since then the measurements have been repeated in five-year intervals (1993, 1998, 2003 and 2008). The results of this long-term case study show that uncleared wind throw stands have a greater floristical similarity to untouched forest stands than cleared stands do. After a clearing procedure, a felled-area plant community emerges with Rubus idaeus as a leading and Calamagrostis villosa a dominating species, replaced by a birch (Betula pendula et pubescens) pioneer forest. In this starting phase here the natural terminal tree species Picea abies is nearly completely missing. In the uncleared areas with spontaneous vegetation development, however, regeneration of Norway spruce starts immediately after the windfall event, and both felled-area community and pioneer forest are restricted to small disturbances (mostly pit and mound systems, where old trees had been blown over and rootplates uplifted). Vascular plant numbers (per 100 m2 plots) generally increased after windfall. Whereas species numbers started to decrease again within a few years after clearing, on uncleared areas the number remained high for about a decade before returning to the forest reference value. Leaving windfall areas without any management activities (clearing and replanting) may become an important option for improving our forests in respect of maintaining and promoting biodiversity. Natural processes of forest ecosystem regeneration emerge after a natural disturbance – like windfall – , as do forest structures characteristic of close-to-nature forest ecosystems. there are advantages for forestry as well: in remote areas or in areas that are difficult to access, the process of natural regeneration can be used, substantially relieving the human workload and the timber market. Nevertheless, a balance needs to be found between improving the degree of naturalness in forests and the other important functions of forests, particularly timber production and forest protection

© DLV München

 

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