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Waldbauernverband Nordrhein-Westfalen: Biodiversitätsstrategie eine tickende Zeitbombe

Die Biodiversitätsstrategie NRW war Grund für über 550 Waldeigentümer, am 19. Januar in die Stadthalle nach Werl zu kommen. Zu dieser außerordentlichen Konferenz hatte der Waldbauernverband eingeladen, um über das Strategiepapier zu informieren und zu diskutieren.

Anlass zur Durchführung der Konferenz war der erste Entwurf der Biodiversitätsstrategie NRW, welche den Verbänden im letzten Jahr zur Stellungnahme vorgelegt worden war. Hier zeigte sich, dass unter dem Deckmantel der Biodiversität erhebliche Bewirtschaftungseinschränkungen verordnet werden sollen, die dem eigentlichen Ziel, der Verbesserung der Biologischen Vielfalt in NRW (Vielfalt der Arten und Lebensräume sowie der genetischen Vielfalt), zuwiderlaufen. Zudem werden die Interessen des Klimaschutzes und der Waldbewirtschafter, aber auch die seit Jahrhunderten bewährte multifunktionale Forstwirtschaft missachtet.
In seiner Begrüßungsrede machte der Vorsitzende des WBV NRW, Dr. Philipp Freiherr Heereman, noch einmal deutlich, dass die heute in den nordrhein-westfälischen Wäldern vorhandene Vielfalt das Ergebnis der seit Generationen nachhaltig wirtschaftenden Waldeigentümer ist. Die Waldbewirtschafter bekennen sich somit klar zum Erhalt der Biodiversität, aber über den Weg, diese zu erreichen, müsse heute diskutiert werden, so Heereman.
Über die Erfahrungen mit der Erarbeitung und Umsetzung von politischen Strategien berichtete der Präsident der AGDW – Die Waldeigentümer, Philipp Freiherr zu Guttenberg. Viele Strategien erfahren ihre Legitimation auf internationalen Konferenzen. Sie seien rechtlich zwar nicht bindend, werden aber in allen nachgelagerten Politikbereichen umgesetzt. Der Dachverband kämpft daher an vorderster Front, um ungünstigen Entwicklungen von Anfang an gegenzusteuern. Die Bidodiversitätsstrategie des Bundes und die nachgeordnete Biodiversitätsstrategie NRW fußen beispielsweise auf dem Übereinkommen zur Biologischen Vielfalt, welches 1992 auf der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro beschlossen wurde. Hier stand ursprünglich eine nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen im Sinne „Schützen durch Nützen“ im Vordergrund. Unter Einfluss der Umweltverbände erfolgte dann auf Bundesebene aber eine völlig einseitige Umsetzung der Strategie, bei der die Flächeneigentümer und ihre Waldleistungen nicht berücksichtigt wurden. Guttenberg wünscht für die Waldbewirtschaftung Rechtssicherheit und von Politik und Gesellschaft mehr Leidenschaft für den Wald. „Eigentümer, die vom Wald leben, müssen endlich respektiert werden, das bedeutet Respekt der Holzproduktion als allgemeinwohldienliche Leistung“, so der Präsident.
Dr. Martin Woike, Abteilungsleiter im Umweltministerium, wagte sich in die „Höhle des Löwen“ und berichtete mit Blick auf den Wald über Zielstellung, Erarbeitung, Aufbau und Inhalte des Strategiepapiers. Er teilte mit, dass aufgrund vieler Eingaben bereits erhebliche Änderungen im Strategiepapier vorgenommen worden seien. Welche Änderungen dies im Detail waren, blieb offen. Jedoch betonte Woike, dass nun explizit ein Satz eingefügt wurde, aus dem hervorgeht, dass ohne die Grundeigentümer keine Umweltmaßnahmen durchgeführt werden können. Weiterhin hob er hervor, dass Stilllegungen im Privatwald nur mit Einwilligung der Eigentümer erfolgen werden, und ging in diesem Zusammenhang auf den Vertragsnaturschutz ein. Er betonte, dass die Strategie als Leitlinie für das Land zu verstehen sei und keine unmittelbaren Auswirkungen für den Grundbesitz hätte. Auf Nachfrage erklärte er, dass das Papier nur für „Landesflächen“ gelte. Diese Aussagen nahm ihm das Publikum jedoch nicht ab. Ein Waldeigentümer aus dem Bergischen Land warnte: „Unser Naturschutzvertrag mit dem Land wurde letztes Jahr einseitig aufgekündigt. Die zugesagten Fördermittel wurden nicht bereitgestellt.“ Auch Woikes Ausführungen zur Erarbeitung des Strategiepapiers, welches ohne die Eigentümer, jedoch mit mehreren Umweltverbänden er.stellt wurde, empörten die Anwesenden. „Die Naturschützer werden gehört, aber wir, die 150.000 Waldbesitzer finden keine Beachtung“, so ein Waldbesitzer aus dem Sauerland.

In seinem Vortrag „Waldbewirtschaftung und Biodiversität“ argumentierte Prof. Andreas Bitter von der TU Dresden anhand mehrerer Beispiele einleuchtend, dass sich im Privatwaldbundesland NRW, mit seinen gerade 13 % Staatswaldflächen, eine strategische Biodiversitätsausrichtung nur auf den gesamten Wald beziehen könne, um überhaupt wirksam zu sein. Forderungen in der Biodiversitätsstrategie hätten somit in jedem Falle Auswirkungen auf das Privateigentum. Bitter kritisierte insbesondere, dass die Motive der Privatwaldbesitzer, die seit Jahren immer vielfältiger werden, keine Berücksichtigung bei der Wahrnehmung des ländlichen Raums durch die Politik erfahren. Schließlich führe die Vielfalt der Eigentümer zu vielfältigen Bewirtschaftungsweisen und damit zur Erhöhung der biologischen Vielfalt.

Prinz Franz Salm entlarvte in seinem lebendigen Vortrag die Biodiversitätsstrategie NRW bezogen auf den Erhalt der biologischen Vielfalt als „ideologische Einfalt“ und bewertete diese als mangelhaft. Insbesondere bemängelte er, dass die Naturschutzerfolge der Eigentümer nicht als solche benannt werden und keine konstruktive Einbeziehung stattfand. Nacheinander ging er dann in seiner Rede auf die verschiedenen Knackpunkte ein und beleuchtete diese von mehreren Seiten, wie beispielsweise die Waldstilllegungen. „Stilllegungen auf 5 % der Waldfläche in NRW (ca. 45.000 ha) bedeuten einen Verlust von 3.000 Arbeitsplätzen im ländlichen Raum. Zudem werden die Klimaschutzleistungen aufgrund geringerer Kohlenstoffbindung im Vergleich mit bewirtschafteten Wäldern vermindert.“ Aus Sicht von Salm müsse zudem dringend „die Funktion des Waldes als Rohstoffquelle und die mit der Waldnutzung verbundenen immensen Vorteile der Holzverwendung wieder stärker ins Bewusstsein gerückt werden.“

Offener Brief an Ministerpräsidentin Hannelore Kraft

Abschließend appellierte Heereman an die Verantwortlichen, die positive Energie der Waldbesitzer für den Naturschutz zu nutzen und nicht gegen diese zu arbeiten. Er forderte eindringlich, die Kritik der Waldbesitzer mit nach Düsseldorf zu nehmen und Nachbesserungen am Strategiepapier vorzunehmen.

Mit einem offenen Brief des Vorsitzenden Dr. Philipp Freiherr Heereman „Waldbauern sind entsetzt vom Demokratieverständnis der Landesregierung!“ wandte sich der Waldbauernverband Nordrhein-Westfalen am 21. Januar an Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. 
 

Zum Thema: forstpraxis.de-Meldung

 
Waldbauernverband NRW

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