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Wald-Wild-Frage in Mecklenburg-Vorpommern

Die Wald-Wild-Frage oder das Spannungsfeld Forst-Jagd sind nicht neu. Im Zuge des Klimawandels und unter der Maßgabe klimastabile Wälder zu etablieren, erreicht der Konflikt jedoch eine neue Aktualität.

Auch in Mecklenburg-Vorpommern wird das Thema kontrovers diskutiert, weswegen der zuständige Minister für Landwirtschaft und Umwelt Dr. Till Backhaus am 22. November Jäger, Forstleute, Waldbesitzer und Umweltschützer zur Diskussion nach Schwerin einlud.

Zum Auftakt des Gespräches machte Minister Dr. Till Backhaus seine Position deutlich: „Es geht nicht um eine Entscheidung Wald oder Wild, sondern um eine Lösung für den Wald mit Wild. Wir wollen gesunde, klimastabile Wälder, weil sie unser Land maßgeblich prägen. Genauso aber gehört das Wild zu unserer Heimat. Es geht nicht darum, alles Wild aus dem Wald zu vertreiben, sondern zu einem möglichst stabilen Gleichgewicht zu kommen.“ Hier sehe er Politik, Landwirte, Forstleute, Jäger, Waldbesitzer und Umweltschützer gleichermaßen in der Pflicht.

Der Minister räumte ein, dass der Verjüngungs- und Anpassungsprozess der Wälder dort beeinträchtigt wird, wo die Schalenwildbestände und damit der Wildverbiss zu hoch sind. Genau diese Prozesse brauche es aber, um die Wälder klimastabiler zu machen. Wenn für dieses Problem keine Lösung gefunden werde, nützten auch die angekündigten großen Förderprogramme des Bundes zur Wiederaufforstung und zum Waldumbau nicht viel. „Dann werden die staatlichen Zuschüsse nämlich in Größenordnungen in den Wildmägen landen. Das wäre nicht nur ein Bärendienst für den Klimaschutz, sondern würde langfristig auch das Aus für die heimische Forstwirtschaft bedeuten“, so Minister Backhaus.

In seinem Eingangsstatement stellte der Minister verschiedene Maßnahmen vor, die das Land erwägt, um die unterschiedlichen Interessen in Einklang zu bringen. Die Umsetzung der einzelnen Ziele wurden von den insgesamt rund 30 anwesenden Teilnehmern in Teilgruppen diskutiert und später in großer Runde vorgestellt. Die Ergebnisse sind in ein gemeinsames Positionspapier eingeflossen.

Digitaler Wildnachweis

Ein großer Streitpunkt in der aktuellen Debatte sind die tatsächlichen Bestandszahlen. „Dafür habe ich größtes Verständnis – schließlich ist eine solide Datenbasis immer der beste Berater“, betonte Backhaus. Das Land habe deshalb bereits die Vorbereitung des digitalen Wildnachweises in Auftrag gegeben. Damit sollen die Jagdausübungsberechtigten die Möglichkeit erhalten, die im Landesjagdgesetz geforderte Streckenliste digital zu erstellen und diese elektronisch an die zuständigen unteren Jagdbehörden zu übermitteln. Durch die digitale Erhebung und Auswertung werde der Arbeitsaufwand bei den unteren Jagdbehörden deutlich reduziert, wodurch die Jagdbehörden andere Aufgaben, wie der Überwachung der Abschussplanerfüllung, effektiver kontrollieren können.

„Es ist aber nicht so, dass wir bezüglich des Wildnachweises aktuell völlig im Dunkeln tappen. Immerhin untersucht das Thünen-Institut seit dem Jahr 2000 die Wildbestandsentwicklung in Mecklenburg-Vorpommern, insbesondere von Rot- und Damwild“, sagte der Minister. Inzwischen lägen drei Abschlussberichte vor, der vierte sei in Bearbeitung. Die Berichte gingen in Mecklenburg-Vorpommern von 14 Wildschwerpunktgebieten aus.

Einführung des 3-Jahresabschlussplans

Eine weitere Entlastung der unteren Jagdbehörden soll die Einführung eines 3-Jahresabschussplan bringen. Dieser ist in den vergangenen drei Jahren im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte erprobt worden und habe sich ersten Auswertungen zufolge bewährt. Auch die Wildschadensausgleichskassen sollen künftig bei der Erstellung der Abschlusspläne in den einzelnen Hegegemeinschaften mitwirken. Bisher werden die jährlichen Abschusspläne für die rund 4.500 Jagdbezirke im Land durch die acht unteren Jagdbehörden genehmigt. Auch soll der 3-Jahresabschlussplan dem Revierinhaber mehr Flexibilität bei der Abschussplanerfüllung ermöglichen. So kann er zukünftig besser auf Witterungsverläufe oder geänderte landwirtschaftliche Produktionsbedingungen reagieren.

In den Jahren 1998 bis 2018 wurden allein in Mecklenburg-Vorpommern zwei Drittel mehr Rotwild, drei Viertel mehr Damwild und doppelt so viel Schwarzwild geschossen als im gleichen Zeitraum davor. Das hat Backhaus zufolge aber nicht gereicht. Die Wildbestände seien bundesweit deutlich angewachsen – auch in Mecklenburg-Vorpommern. Die Gründe hierfür seien vielfältig. Vor allem das gute Nahrungsangebot an Eicheln und Bucheckern sorge dafür, dass die Tiere gut ernährt in die kalte Jahreszeit gehen. Die besonders milden Winter der vergangenen Jahre hätten zudem die Sterblichkeit der Jungtiere verringert.

Änderung der Jagdzeitenverordnung

Um dem Anstieg der Wildbestände weiter zu begegnen kündigte Backhaus eine Änderung der Jagdzeiten für Rehwild an, zum Beispiel für den Bockabschuss im Winter. Demnach könnte dieses Tier beispielsweise nicht wie bisher von Mai bis Oktober, sondern von Mitte April bis Ende Januar des Folgejahres auf Gesellschaftsjagden zum Abschuss freigegeben werden.

Sperrwirkung des Abschussplanes

Weiterhin soll die Sperrwirkung des Abschussplanes für die Schalenwildarten in den Altersklassen 0 (Kitze bzw. Kälber) und 1 (1-jährige Stücke) aufgehoben werden. Das heißt, wenn der Abschussplan erfüllt ist, aber dennoch sehr viel Wild im Revier ist, kann der Plan, ohne Sanktionen der unteren Jagdbehörde befürchten zu müssen, überzogen werden.

Wildbewirtschaftungsrichtlinie

Aus Sicht des Ministers müsse auch die Wildbewirtschaftungsrichtlinie angefasst werden. Sie müsse in den Rang einer Verordnung erhoben werden. „Dadurch werden dann klarere Vorgaben hinsichtlich des Altersklassenabschusses für die Abschussplanung erreicht. Bei überhöhten Wildbeständen sind Gruppenabschuss und Reduktionsabschuss für alle Hegegemeinschaften festzusetzen. Dazu müssten nun rasch Zielbeständen auf wissenschaftlicher Basis hergeleitet werden“, erklärte Backhaus. Dieses Vorhaben setze die Änderung des Landesjagdgesetzes voraus.

Einfaches und praxisgerechtes Wildschadensverfahren

Ferner erwarte er Vorschläge für ein einfaches und praxisgerechtes Wildschadensverfahren im Wald. Dazu bedürfe es insgesamt mehr Sachverständige zur Wildschadensschätzung, aber vor allem auch mehr Gutachter für Wildschäden im Wald. „Nicht jeder Verbiss ist auch automatisch ein Verbissschaden. Auch müssen festgestellte Wildtierschäden richtig interpretiert werden. Die richtige Beurteilung der Auswirkungen auf die Walddynamik verlangt Expertise und Erfahrung“, so der Minister.

LU Mecklenburg-Vorpommern

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