Waldschutz

Waldzustandserhebung 2020: Wälder in Deutschland massiv geschädigt

Bearbeitet von Jörg Fischer

Die Bundeswaldministerin Julia Klöckner hat am 24. Februar die Waldzustandserhebung 2020 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) vorgestellt. Der Bericht zeigt: Die vergangenen drei Dürrejahre, der massive Borkenkäferbefall, Stürme und vermehrte Waldbrände haben in den Wäldern langfristig massive Schäden angerichtet. Die jetzigen Ergebnisse gehören zu den schlechtesten seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1984.

Bei der Vorstellung des Berichts nannte die Bundesministerin auch aktuelle Zahlen zu den entstandenen Schäden der vergangenen drei Jahre: Die wieder zu bewaldende Fläche liegt demnach bei 277.000 ha (Stichtag: 31.12.2020). Hier sei ein leicht positiver Trend erkennbar, so die Ministerin. Denn innerhalb von sechs Monaten ist diese Schadfläche um 8.000 ha zurückgegangen (zum Stichtag 30.6.2020: 285.000 ha). Beim Schadholz beträgt die Gesamtmenge nach aktuellem Stand 171 Mio. m³.

Die wichtigsten Ergebnisse der Waldzustandserhebung 2020

Besorgniserregend ist auch der Kronenzustand. Vier von fünf Bäumen haben lichte Kronen. Konkret bedeutet das:

  • 79 % der Fichten,
  • 80 % der Kiefern,
  • 80 % der Eichen und
  • 89 % der Buchen haben aufgelichtete Kronen.

Etwa 37 % aller Bäume weisen sogar deutliche Verlichtungen auf, d. h. bei diesen Bäumen sind mindestens 26 % der Blätter oder Nadeln vorzeitig abgefallen.

Anders als bisher steigt also auch bei Nadelbäumen die Kronenverlichtung seit 2018 deutlich an. Insbesondere der Zustand der Fichten ist besorgniserregend: Nur 21 % der untersuchten Bäume sind ohne Verlichtung. Das sind mit Abstand die schlechtesten Werte seit Beginn der Erhebungen vor 35 Jahren.

Neben der Kronenverlichtung hat sich 2020 auch die Mortalitätsrate bei Laub- und bei Nadelbäumen noch einmal drastisch erhöht. Sie war mehr als doppelt so hoch wie in den Vorjahren.

Fichten zeigen laut Thünen-Institut eine deutliche Reaktion auf Wassermangel im Boden. 2019 starben erstmals flächenhaft Bestände ab. Dieser Trend hat sich 2020 weiter fortgesetzt. Der Borkenkäfer hat die vorgeschädigten Fichtenbestände besonders stark befallen. Aber auch die Buche, die bisher weniger auffällig war, ist von Hitze- und Trockenstress gezeichnet. Zudem hat die Buche 2020 vermehrt Früchte gebildet, was zu weiteren Kronenverlichtungen geführt hat. Jahre mit verstärkter Fruchtbildung nehmen bei der Buche zu. Der Zustand der Eiche hat sich leicht verbessert, bleibt aber weiterhin besorgniserregend.

Hilfen für den Wald

2019 hatte Bundesministerin Julia Klöckner alle Beteiligten beim Nationalen Waldgipfel zusammengebracht und erreicht, dass der Bund – zusammen mit der Ko-Finanzierung der Länder – in der Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz (GAK) rund 800 Mio. € als Hilfen zur Verfügung stellt. Die Gelder werden den privaten und kommunalen Waldeigentümern zur Bewältigung der Waldschäden, für Wiederaufforstungen sowie zur Anpassung der Wälder an den Klimawandel zur Verfügung gestellt.

Voraussetzung für die Anpassung ist die Vorbereitung der Flächen für die Wiederbewaldung. Deshalb liegt hier aktuell auch der Fokus der Waldbesitzer: Hierfür wurde 2020 mehr Geld zur Bewältigung der Waldschäden beantragt als vorgesehen war. Damit kein Antrag verloren geht, können Gelder, die für 2021 vorgesehen sind, auch für die bereits gestellten Anträge verwendet werden. Zudem besteht die Möglichkeit, Gelder zwischen den Bundesländern umzuschichten. Auch die Maßnahmen zur Anpassung der Wälder sind gut angelaufen. Sie werden sich verstärken, sobald mehr Schadflächen geräumt und wiederbewaldet sind.

Zudem hatte sich die Bundesministerin dafür eingesetzt, dass für Wald und Holz im Konjunkturpaket der Bundesregierung zusätzlich insgesamt 700 Mio. € Bundesmittel vorgesehen sind. 500 Mio. € davon gehen in die Bundeswaldprämie. Mit dem Programm will das Bundesministerium schnelle und unbürokratische Hilfe für den Kommunal- und Privatwald anbieten. Die Förderrichtlinie wurde Ende November 2020 veröffentlicht. Bis Jahresende 2020 sind laut BMEL bereits 56,6 Mio. € ausgezahlt worden. Die Auszahlung hat das Ministerium dabei an klare Kriterien geknüpft. So müssen die Waldflächen eine Nachhaltigkeits-Zertifizierung nach den Programmen PEFC oder FSC haben, wobei die nachzuweisende Zertifizierung zehn Jahre zu halten ist. Ansonsten ist die Prämie ganz oder teilweise zurückzuzahlen.

Aufgrund der Prämie ist die zertifizierte Waldfläche bereits jetzt um über 550.000 ha im Privat- und Kommunalwald angestiegen. Das sind fast 11 % mehr Waldfläche, die nach einem höheren Standard bewirtschaftet werden. Eine Fläche, doppelt so groß wie das Saarland.

Die weiteren 200 Mio. € sind für das Investitionsprogramm Wald und zwei Programme im Holzbereich vorgesehen. Die Holz-Programme sollen laut Ministerium demnächst gestartet werden.

„Folgen des Klimawandels gefährden den gesamten deutschen Wald“

Der Deutsche Forstwirtschaftsrat (DFWR) hat mit seinen Experten aus Praxis, Wissenschaft und Verwaltung erstmalig eine ökonomische Zwischenbilanz für die relevantesten Waldschäden 2018, 2019 und 2020 gezogen, die in Kürze veröffentlicht werden soll. Die dabei bewerteten Schadenskomponenten summieren sich demnach auf rund 13 Mrd. €. „Die Folgen des Klimawandels gefährden den gesamten deutschen Wald und seine vielfältigen Leistungen für die Gesellschaft. Deshalb muss das Förderinstrument der Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz (GAK) für die Forstbetriebe zur Schadbewältigung und für die Wiederbewaldung als ein wesentlicher Baustein deutlich verlängert und verstetigt werden,“ forderte DFWR-Präsident Georg Schirmbeck. „Eine weitere Erkenntnis aus dieser Bilanz ist, dass wir die ökonomische Basis der Forstbetriebe deutlich verbreitern müssen. Wir müssen den Forstbetrieben neue wirtschaftliche Perspektiven anbieten und vor allem Ihre Leistungen anerkennen. Wir benötigen jetzt neue Instrumente und einen Beitrag, um die Leistungen aller Waldbewirtschaftenden hinsichtlich Klimaschutz und weiterer Ökosystemleistungen für die Gesellschaft zu honorieren“, appellierte Schirmbeck weiter. Die Klimaschutzleistung nachhaltig bewirtschafteter Wälder und die Nutzung von Holz müsse dabei besonders im Fokus stehen.

Diesen Forderungen schließen sich auch die Familienbetriebe Land und Forst e. V. (FablF) an. Max von Elverfeldt, Bundesvorsitzender der FablF: „Um den Wald zukunftsfähig und klimastabil zu machen, braucht es kompetente Waldbauern und Förster, die den Wald mit Blick auf die kommenden Generationen umbauen. Die Waldbauern brauchen dafür eine Perspektive: Deshalb muss die Klimaschutzleistung des Waldes endlich honoriert werden. Mit dem Einstieg in eine CO2-Bepreisung ist es logisch und gerecht, dass auch die CO2-Speicherung einen Preis erhält. Unser Honorierungsmodell basiert auf dem Waldspeicher und der stofflichen Verwertung des Holzes. Gemessen am Finanzplan der Bundesregierung, der 26,8 Mrd. € für Klimainvestitionen aus dem Energie- und Klimafonds vorsieht, wären das bezogen auf 11,4 Mio. ha Wald in Deutschland und einer Honorierung von 4,5 t CO2/ha nicht einmal 5 % für den Klimaschützer Nr. 1., ohne den wir unsere nationalen und europäischen Klimaziele nicht erreichen können.“

Hans-Georg von der Marwitz, Präsident der AGDW – Die Waldeigentümer, forderte ebenfalls eine Honorierung der Klimaschutzleistung des Waldes. Rund 127 Mio. t CO2 speichert der Wald pro Jahr, das sind etwa 14 % des CO2-Ausstoßes der deutschen Volkswirtschaft. Diese Klimaschutzleistung müsse honoriert werden, um die Wälder dauerhaft stabilisieren und an den Klimawandel anpassen zu können: „Es handelt sich um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, unsere Wälder zu retten“, so von der Marwitz.

„Der deutsche Wald ist krank“

Auch die Naturschutzverbände nehmen die Ergebnisse der Waldzustandserhebung 2020 zum Anlass, um auf den schlechten Zustand der Wälder in Deutschland hinzuweisen. Der Wiederaufbau und der Schutz der Wälder in Deutschland sind eine Jahrhundertaufgabe, die nur mithilfe der gesamten Gesellschaft geschafft werden kann. Dieser Meinung ist auch die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald e. V. (SDW). Entscheidend sei, dass die CO2-Emissionen verringert werden, die als Treiber des Klimawandels unsere Wälder schädigen. „Hier muss die Politik umfassende klimafreundliche Rahmenbedingungen schaffen, um mit allen Bürgerinnen und Bürgern die Energiewende weg von den fossilen Energien zu schaffen und damit dem Wald eine Überlebenschance zu geben“, erklärte SDW-Präsident Dr. Wolfgang von Geldern die schwierige Lage.

Der WWF nennt das Ergebnis des Berichts ein „hausgemachtes Problem“. Dr. Susanne Winter Programmleiterin Wald beim WWF Deutschland: „Seit Jahrzehnten wird der Wald primär als Holzlieferant genutzt, dadurch ist seine natürliche Widerstandskraft geschwächt. Das rächt sich jetzt. Wasserknappheit und Wetterextreme werden durch die Erderhitzung bei uns zum Dauerproblem und so steht der deutsche Wald kurz vorm Klimakollaps. Der Waldzustandsbericht zeigt: Mit ihrer fehlgerichteten Waldpolitik fährt das Bundeslandwirtschaftsministerium den Wald gegen die Wand. Wir brauchen dringend einen Paradigmenwechsel hin zu naturnahen Wäldern.“ Um den Richtungswechsel in der Forstpolitik einzuleiten, fordert der WWF eine Renaturierungsstrategie für den Wald in Deutschland.

Ähnlich sieht es der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. (BUND) und warnt vor einem neuen Waldsterben. „Der Wald ist durch Stickstoffeinträge, Dürre, intensive Forstwirtschaft sowie mangelhafte Jagd nach wie vor im Dauerstress“, mahnte Jörg Nitsch, Sprecher des BUND-Arbeitskreises Wald, „die Lage ist ernst. Die Bundesregierung muss endlich wirksame Klimaschutzmaßnahmen ergreifen und gleichzeitig Schadstoffemissionen aus Verkehr, Industrie und Landwirtschaft massiv reduzieren. Unsere Wälder müssen endlich schonender bewirtschaftet werden.“ Außerdem müsse es wieder mehr Naturwälder ohne Holznutzung geben, mindestens auf zehn Prozent der Waldfläche in Deutschland, forderte Nitsch.

Den Ergebnisbericht der Waldzustandserhebung 2020 können Sie hier herunterladen.

Quelle: PM