Waldbegang im Wildnisgebiet
Wie wird Wald wieder zu Wildnis? Darüber tauschten sich die Niedersächsischen Landesforsten am 5. Mai im Solling aus - die Öffentlichkeit wolle man auf dem Weg mit einbeziehen.
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Vom Wirtschaftswald zurück zur Wildnis – geht das?

19. Mai 2022

Was ist eigentlich Wildnis? Und kann man sie in ehemaligen Wirtschaftswäldern wiederherstellen? Die Meinungen darüber gehen auseinander. Fakt ist: In Deutschland gibt es heute keine Wildnis mehr. Das wollen die Niedersächsischen Landesforsten (NLF) ändern.

Der Einfluss der Zivilisation ist selbst in stillgelegten Wäldern spürbar und steigt weiter an: Schadstoffe in der Luft, eine veränderte Artzusammensetzung und die Auswirkungen des Klimawandels auf Wetter und Böden. Die NLF wollen dem entgegenwirken und ein 1.020 ha großes Waldstück im Solling zu einem Wildnisgebiet entwickeln. Das Schutzgebiet wurde im Zuge des „Niedersächsischen Weges“ ausgerufen und Anfang 2021 eingerichtet. Das Waldareal soll sich nun natürlich und ohne den Einfluss der Waldbewirtschaftung entwickeln.

Gemeinsame Bewertung des Potenzials von Wildnis

Auf dem Weg zu mehr Wildnis sollen Menschen aus der Region mitgenommen werden – denn der Prozess wirft Fragen auf. Um der Öffentlichkeit mit dem Wildnis-Projekt zu begegnen, wurde am 5. Mai zu einem ersten Begang durch Mischwälder mit 156 Jahre alten Buchen und Fichten sowie neue Parzellen mit mittelalten Fichtenaufforstungen geladen. Verbände und Artenkundler waren neben Vertretern der Region, der Städte und Gemeinden, der Kreistagsfraktionen der SPD, CDU und FDP, des Landkreises Northeim sowie aus dem amtlichen und ehrenamtlichen Naturschutz, wie der Naturschutzbund Deutschland e. V. (NABU), eingeladen.

Der gemeinsame Austausch diene dem Zweck, die verschiedenen Möglichkeiten der Waldgestaltung hin zu Wildnis aufzuzeigen. In welchem Ausmaß kann sich der Mensch aus dem Wald zurückziehen und wann ist der richtige Zeitpunkt?

Wie entwickelt sich Wildnis am besten?

Die Vorstellungen der geladenen Gäste gingen dabei auseinander. Vom sofortigen Nichtstun bis zu aktivem Gegensteuern und Zurückdrängen unerwünschter Baumarten, waren viele Ideen dabei, berichten die Landesforsten. „Sollen alle Fichten radikal beseitigt werden, damit aus dem Wildnisgebiet möglichst schnell ein naturnaher Hainsimsen-Buchenwald werden kann oder lassen wir uns dafür mehr Zeit und gestalten die Eingriffe schonender und verteilen sie auf einen längeren Zeitraum?“, fragte Peter Martensen, Revierleiter des ausgewählten Gebiets. Schon jetzt könne er 80 % der Fläche sich selbst überlassen.

Das Entwicklungsziel sei auch, die restlichen naturfernen Fichtenwälder in einen für den Solling typischen naturnahen Buchenwald zu verwandeln, so der Förster. Man begleite den Wald, statt nichts zu tun. Hans Martin Hauskeller, Forstwissenschaftler und Leiter der Abteilung Wald und Umwelt aus der Betriebsleitung der NLF, beschreibt: „Ein Wildnis-Entwicklungsplan zu erstellen ist eine komplexe Aufgabe, für die keine Blaupause in der Schublade liegt.“ Daher diente die Exkursion auch dem öffentlichen Verständnis für die Arbeit der Landesforsten. „Wir haben den Auftrag, einen Managementplan aufzustellen und danach erforderliche Maßnahmen zur Waldentwicklung umzusetzen, bevor im Wildnisgebiet endgültig Ruhe einkehrt“, beschrieb Peter Martensen den Zeitplan.

Regelmäßige Waldrundgänge in der Wildnis

Der Spaziergang im Mai führte zu drei Stationen, an denen die Möglichkeiten der Waldbehandlung diskutiert wurden. Forstpraktiker berichteten aus ihrer Erfahrung, dass sich Fichten im Solling von allein stark ausbreiten und in den angestrebten Buchenlaubwald einwandern würden. Hauskeller sieht Handlungsbedarf, wo ehemals angepflanzte Fichtenwälder homogene Strukturen zeigen: „Hier kann ein forstlicher Auftrag lauten, die Homogenität zu durchbrechen und kleinflächig neue Laubbaumarten gezielt zu pflanzen.“

In Nachfolgeterminen soll weiterdiskutiert werden. Themen seinen, wie das Wildnis-Gebiet langfristig erschlossen und gestaltet werden kann und welche Wege noch benötigt werden. Auch die Waldpädagogik, Umweltbildung sowie Tourismuskonzepte möchten die Veranstalter gemeinsam mit der Öffentlichkeit planen und kündigten weitere Waldbegänge an.

Quelle: NLF