ABO

Über Begriff und Bedeutung der Nachhaltigkeitsstruktur

Die Frühjahrsveranstaltung 2011 der Gesellschaft für Organik e.V. fand am 9. April im Schloss Reinbek bei Hamburg statt. Der Vorsitzende K. Gunter v. Kajdacsy begrüßte die Mitglieder und Gäste dieser Gemeinnützigen Vereinigung zur Förderung einer Philosophie der erhaltenden Naturnutzung. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen der Vortrag von Johannes F. Brakel über „Goethe und die Organik“ mit anschließender Aussprache zum Vortrag sowie die nachfolgenden Ausführungen von Rolf Hennig:
 
Über Begriff und Bedeutung der Nachhaltigkeitsstruktur

Der Begriff der Nachhaltigkeitsstruktur ist 1930 von Franz Heske in das Schrifttum eingeführt worden. Wenn wir die Nachhaltigkeitsstruktur hier zum Gegenstand unserer Betrachtungen machen, greifen wir damit drei Themenbereiche auf:
1. das geistige Werk von Franz Heske,
2. die Struktur des Seins und damit das Weltbild der Organik,
3. das Thema Nachhaltigkeit und damit die angewandte Seite der Organik.

Nach Übernahme seiner Professur für Forsteinrichtung in Tharandt hielt Heske anlässlich der Einweihung des Cotta Baues am 25. Januar 1930 die Festrede unter dem Titel „Wesen und Anwendungsgebiete der Forsteinrichtung“, die hinterher im Tharandter Forstlichen Jahrbuch abgedruckt worden ist. Darin führt er u.a. aus:

Der Optimalvorrat soll (…), um der Nachhaltigkeitsforderung zu genügen, eine Nachhaltigkeitsstruktur besitzen, d.h. eine solche Verteilung der Altersklassen und Stärkestufen, die einen gleichmäßigen Fortbezug der erwünschten Sortimente ermöglicht. Aufgabe der Wirtschaft ist es, dem Vorrat allmählich eine solche Struktur zu geben bzw. eine solche zu erhalten, weil hierdurch die Voraussetzung einer gewissen Nachhaltigkeit der Holzlieferung am besten gegeben ist. (…) Für die Zwecke der systematischen Herstellung einer bestimmten Nachhaltigkeitsstruktur wird die Aufstellung eines Umtriebsalters oder einer Umtriebsstärke immer von Bedeutung sein.“ Im weiteren weist er ausdrücklich darauf hin, dass „nicht bloß die Masse, sondern auch die innere Struktur des Vorrats“ zu beachten ist.

Nachhaltigkeit wird von Laien meistens rein quantitativ gesehen. Danach darf aus einem Wald in einem bestimmten Zeitraum (z.B. in einem Jahrzehnt) nicht mehr Holz geerntet werden, als in der gleichen Zeit zuwächst. (Dabei ist der Holzvorrat eines Waldes nicht nur als Produkt der Natur sondern gleichermaßen als Produktionsmittel zu sehen.) Für den Wirtschafter kommen beträchtliche qualitative Aspekte hinzu: beispielsweise Baumalter, begehrte Sorten usw. Auch hinsichtlich der einzelnen Sortimente ist also die Nachhaltigkeit anzustreben. Hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen quantitativer und qualitativer Nachhaltigkeit.

Wenn man beispielsweise einen Wald total kahl schlägt und anschließend durch Saat oder Pflanzung neu aufforstet, so kann man zwar in, den nächsten Jahren durchaus einen Massenzuwachs erreichen, der demjenigen des früheren Bestandes entspricht. Hier kann also der Nachhaltsforderung zwar in der Menge genügt werden, insgesamt wird die Forderung der Nachhaltigkeit aber nicht erfüllt, da manche Sortimente überhaupt nicht (mehr) vorhanden sind. Für eine volle Erfüllung der Nachhaltsforderung müssen alle Alters- und Stärkeklassen bis einschließlich zum Umtriebsalter und der Umtriebsstärke in dem der Nachhaltigkeitsstruktur entsprechenden Anteil vorhanden sein. Die Nachhaltswirtschaft geht hier aus von der Nachhaltigkeitsstruktur und strebt ihre Erhaltung (notfalls Herstellung) an.

Die vorstehenden Überlegungen beziehen sich ausschließlich auf den Baumbestand, also auf einen Teil des Waldes. Die Nachhaltsforderung erstreckt sich nach heutigem Verständnis aber auf den ganzen Wald. So schreibt Horst Kurth (1994), dass Nachhaltigkeit stets den Blick auf das ganze System voraussetzt, nicht nur auf einen speziellen Ausschnitt daraus. Es müssen also alle Glieder des Waldes in die Nachhaltigkeitsstruktur einbezogen werden. Das bedeutet, dass auch innerhalb der einzelnen Glieder die Nachhaltigkeitsstrukturen zu beachten sind.

Am deutlichsten wird dies vielleicht am Wildbestand. Er ist von Möller (1922) als Teil des Waldes bezeichnet worden, und er wird auch allgemein als Wirtschaftsobjekt gesehen (neben anderen Aspekten). Nach heutiger maßgeblicher Auffassung ist der Wildbestand nachhaltig zu bewirtschaften. Am Beispiel des Schalenwildes ist deutlich zu erkennen, dass es nicht nur um Streckenzahlen (also um quantitative Nachhaltigkeit), sondern gleichermaßen um die Regulierung der Bestandesgliederung im Sinn einer qualitativen Nachhaltigkeit (Nachhaltigkeitsstruktur) geht. Besonders deutlich wird dies anhand der von Hoffmann (1928) eingeführten Bestandespyramiden. Diese heute für alle Schalenwildarten gebräuchlichen Bestandespyramiden (Hennig 1962) zeigen die Nachhaltigkeitsstruktur für die jeweilige Wildart. Es ist ersichtlich, dass auch hier die Nachhaltigkeitsstruktur von ausschlaggebender Bedeutung für die nachhaltige Bewirtschaftung ist.

Die Befolgung bzw. Einhaltung des Nachhaltigkeitsprinzips ist also von der Beachtung und Einhaltung naturgegebener Strukturen abhängig.

Nachhaltigkeitsprinzip und Nachhaltswirtschaft sind keine von der Natur losgelösten Gedankenkonstruktionen, sondern sie sind der Natur abgelauscht, und sie müssen nach naturgemäßen Grundsätzen befolgt werden. Das sollte – über Forst- und Jagdwesen hinaus – bei allen Anwendungen bedacht werden, die den Anspruch erheben, nachhaltig zu sein!

Die von Heske geprägte und in seiner Philosophie der Organik enthaltene Erkenntnis, nach der das gesamte Sein organische Strukturen aufweist und organischen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, kommt hier zum Ausdruck. Die in der forstlichen Praxis selbstverständliche Nachhaltigkeitsstruktur ist also auch ein Ausdruck der Philosophie der Organik. Die in der Praxis geläufige Nachhaltigkeitsstruktur und ihre Anwendung sind damit einerseits ein Beitrag zur Philosphie wie umgekehrt die Philosophie der Organik ein Beitrag zur philosophischen Stütze der Nachhaltswirtschaft ist. Hier zeigt sich wiederum, dass die Organik eine wissenschaftliche Stütze der Nachhaltigkeit ist – nicht etwa umgekehrt, wie auch schon zu hören und zu lesen war! Bei allen Bestrebungen zur Nachhaltigkeit sollten deshalb die Fundamente naturwissenschaftlich philosophisch untermauert werden! Darin liegen zukünftige große Aufgaben der Organik!

Literaturhinweise
[1] Hennig, R. (1962): Die Abschußplanung beim Schalenwild. BLV Verlagsgesellschaft, München. [2] Heske, F. (1930): Wesen und Anwendungsgebiete der Forsteinrichtung. Tharandter Forstliches Jahrbuch. 81 Jg., S. 335 bis 361. [3] Hoffmann, H. (1928): Über die Zusammensetzung von Rotwildbeständen und deren graphische Darstellung. Wild und Hund, Nr. 16 bis 18. [4] Kurth, H. (1994): Forsteinrichtung. Deutscher Landwirtschaftsverlag, Berlin. [5] Möller, A.:(1922): Der Dauerwaldgedanke. Verlag Julius Springer, Berlin.

Rolf Hennig

Auch interessant

von