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TÜV-zertifiziertes Standardverfahren zur Eingriffs- und Kompensationsbewertung

TÜV-zertifiziertes Standardverfahren zur Eingriffs- und Kompensationsbewertung

Mangels Reglementierung existiert eine unübersichtliche Vielzahl verschiedener Bewertungsverfahren, die versuchen, eingriffsbedingte Schäden an Natur und Landschaft zu bilanzieren. Von Kreis zu Kreis oder gar von Gemeinde zu Gemeinde im Rahmen kommunaler Planungshoheit, werden oftmals unterschiedliche Bewertungsverfahren verwendet. Ihre pauschale Anwendung erweist sich häufig als nicht transparent, bürokratisch oder kompliziert und erschwert somit die erforderlichen Berechnungen in der Praxis deutlich.
Das Wald-Zentrum der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster hat ein flexibles und vielseitig anwendbares Standardverfahren zur Eingriffs- und Kompensationsbewertung entwickelt. Geeignet sowohl für die naturschutzrechtliche Eingriffsregelung als auch für Eingriffsbilanzierungen nach Baurecht ist die Anwendung für alle Regionen Nordrhein-Westfalens, aber auch als Modell für andere Bundesländer, uneingeschränkt möglich. Darüber hinaus handelt es sich um das erste zertifizierte Biotopwertverfahren bundesweit. Entstanden ist das neue Verfahren im Rahmen des von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und dem Land NRW geförderten Forschungsvorhabens „Nachhaltigkeit Stiften!“. Diese Intention wurde im Rahmen von zwei Promotionsvorhaben am Lehrstuhl Waldökologie, Forst- und Holzwirtschaft / Institut für Landschaftsökologie der WWU Münster aufgegriffen und finanziell von der Landwirtschaftlichen Rentenbank unterstützt.
Anne Grimm, Diplom-Landschaftsökologin, und Herr Burkhard Herzig, Diplom-Forstwirt (FH) und Diplom-Ökologe, ist es gelungen, unter Einbezug von Genehmigungsbehörden, Planungsbüros, Vorhabensträgern und Naturschutzvereinen ein transparentes und in besonderem Maße anwendungsorientiertes, numerisches Biotopwertverfahren zu entwickeln.
Das Bewertungsverfahren erlaubt der betreffenden Kommune oder Unteren Landschafts- bzw. Naturschutzbehörde aufgrund seines modularen Aufbaus, eigene Schwerpunkte zu setzen. Aber auch hinsichtlich einer differenzierten Eingriffsfolgenbewältigung zeigt sich das neue Verfahren ausgesprochen flexibel.
Mit Hilfe eines „Basismoduls“ können von einem Eingriff betroffene Biotoptypen bewertet werden. Neben den „klassischen“ Biotoptypen wie beispielsweise Streuobstwiesen, werden vielfältige Optionen zur ökologischen Aufwertung im Wald und auf landwirtschaftlichen Flächen aufgegriffen. Vor allem die Biotoptypenliste im Wald weist eine besonders große Bandbreite auf. So findet sich unter anderem die Erfassung von Biotopholz ebenso wieder, wie die Anlage von Waldrändern oder Sukzessionswaldflächen. Waldumbaumaßnahmen hin zu bodenständigem Laubwald erfolgen unter Berücksichtigung des Klimawandels und gestatten dem Waldbesitzer eine „Tolleranzschwelle“ von zehn Prozent nicht heimischer Baumarten.
Erstmalig wird in einem Bewertungsverfahren zudem die Integration von Kurzumtriebsplantagen (KUP) auf Agrarflächen in einem Biotopwertverfahren berücksichtigt. Ein „Korrekturmodul“ ermöglicht es, Anpassungen auf der so genannten „Objektebene“ an den konkreten Einzelfall vorzunehmen. Dadurch kann zum Beispiel eine abweichende  Biotoptypen-Ausprägung oder ein besonderes Standort-Potenzial in die Bewertung einbezogen werden. Da in manchen Eingriffsfällen darüber hinaus besondere Funktionen des Naturhaushaltes beeinträchtigt werden (beispielsweise Grundwasserschutz), erlaubt ein „Schutzgutmodul“ diese spezifische Bewertung vorzunehmen und verfahrensintegriert in dieEingriffsbilanzierung einzubeziehen. Dabei berücksichtigt die Verfahrensentwicklung bereits das neue, seit 1. März 2010 in Kraft getretene Bundesnaturschutzgesetz sowie das neue Landschaftsgesetz von NRW als so genanntes Abweichungsgesetz (In Kraft seit 30. März. 2010).
Vom TÜV geprüft und zertifiziert
Da neben den wissenschaftlichen und naturschutz-fachlichen Anforderungen insbesondere die Sichtweisen der betroffenen Praxisakteure der Eingriffsregelung von großer Wichtigkeit bei der Verfahrensentwicklung waren, wurde vom Wald-Zentrum ein völlig neuer Weg beschritten. Dem Standardverfahren ist vom TÜV Saarland bundesweit erstmalig ein Zertifikat verliehen worden. In Kooperation mit dem Zertifizierungsbüro proTerra (Saarland) mussten dafür Qualitätskriterien erarbeitet werden, wie etwa die Anwenderfreundlichkeit, das Einhalten inhaltlicher Mindestanforderungen und der Rechtskonformität.
Bleibt zu hoffen, dass das Standardverfahren auch der Prüfung durch die politischen Entscheidungsträger stand hält und zukünftig zu mehr Transparenz und vor allem zu mehr Effektivität im Naturschutz beitragen kann, ohne die betriebswirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Grund- bzw. Waldbesitzer zu ignorieren. Die Etablierung dieses Standardverfahrens, das dann auch vom Straßenbau akzeptiert werden müsste, könnte allein in NRW einen zweistelligen Millionenbetrag an Verwaltungskosten einsparen, die in der Umsetzung von Naturschutzmaßnahmen auf der Fläche sinnvoller verausgabt werden könnten.
Wald-Zentrum

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