Totholz im Waldökosystem
Totholz erfüllt wichtige Aufgaben im Waldökosystem.
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Totholz im Wald: Verheizen oder liegen lassen?

15. Januar 2023
Totholz ist Lebensraum und Nahrung vieler Arten im Wald und damit wichtig. Doch Totholz birgt auch Gefahren und manch einer würde es in der Energiekrise gern nutzen, statt es liegen zu lassen. Was also tun und wie viel Totholz gibt es eigentlich im Wald? Ein Überblick.

Vor Kurzem berichtete Forst Baden-Württemberg (ForstBW) in einer Pressemeldung, dass Totholz neben seinen Vorteilen für das Waldgefüge auch Gefahren für Waldbesucherinnen und -besucher sowie Forstleute mit sich bringt. Auch führten die steigenden Energiekosten in diesem Winter zu vermehrten Nachfragen von Seiten der Bevölkerung, ob das im Wald verbleibende Holz nicht als Brennholz zur Verfügung gestellt werden könne.

Kein Totholz, dafür Brennholz?

In der Vergangenheit waren Wälder meist aufgeräumter, so ForstBW. Herumliegende Äste wurden als Heizmittel aufgesammelt. Die Rohstoffe aus dem Wald dienten der Versorgung der Bevölkerung. Das sei heute aber anders: Man wolle den Wald nicht mehr nur nutzen, sondern ihm auch etwas zurückgeben, damit der Wald nicht verarmt.

„Immer häufiger werden unsere Revierleiterinnen und Revierleiter gefragt, warum man dieses Holz nicht der Bevölkerung zum Heizen zur Verfügung stellt“, so Max Reger, Vorstandsvorsitzender von ForstBW. „Wir denken aber auch an den Naturschutz. Der Hirschkäfer, der Dreizehenspecht und etliche weitere Tier-, Pflanzen- und Pilzarten sind auf das sogenannte Totholz angewiesen.“

Viel Totholz, als Nährstoffquelle und Lebensraum

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Totholz als Nährboden für Pilze und Moos
Totholz im Wald ist Nährboden und Lebensraum
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Heute scheinen Wälder daher unordentlicher. Totholzkonzepte haben sich über die Jahre in den Landesforstbetrieben etabliert. Neben der Mischung an Baumarten rückt auch die Vielfalt an Lebensräumen innerhalb der Bestände immer mehr in das Bewusstsein.

Auf diese Weise soll der Wald stabil und im Klimawandel krisensicher gemacht werden. Von Totholz profitieren auch die Bäume, denn die Nährstoffe werden mit der Zeit wieder den Waldböden zugeführt. Diese haben in den ehemals „aufgeräumten“ Wäldern unter Nährstoffverlusten gelitten, so ForstBW. Wenn sich Nährstoffe in den Waldböden wieder anreichern können, profitieren auch junge Bäume, die im Klimawandel überleben und den Wald in die nächsten Generationen überführen sollen.

Die verschiedenen Landesforstanstalten in Deutschland informieren über ihre Totholzstrategien und -richtlinien. So beschreibt beispielsweise Wald & Holz NRW, dass Pilze, Insekten, Flechten und viele Tierarten an sich zersetzendes Holz angepasst sind. Die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) hat sich außerdem in einer Folge ihres Podcasts „forstcast“ mit der Thematik Totholz auseinandergesetzt. Dr. Heinz Bußler, Mitarbeiter der Abteilung Biodiversität, Naturschutz, Jagd der LWF, beschreibt: „Wir gehen davon aus, dass über 8.000 Pflanzen, Tiere und Pilze auf Totholz angewiesen sind.“ Dazu gehören Baummarder, Siebenschläfer, Eulen, Fledermäuse, viele Insekten und weitere Arten, darunter auch Moose und Flechten.

Totholz in Maßen, Sicherheit für Mensch und Natur

Wie viel Totholz nun tatsächlich im Wald verbleiben sollte, ist abhängig von verschiedenen Faktoren. So gibt es Forschungen, die anhand von Arten, beispielsweise dem Dreizehenspecht, bestimmen, wie viel Totholz für die Erhaltung der jeweiligen Art notwendig ist. Sicherheitsaspekte und der Bedarf an Holz in der Gesellschaft sind weitere Faktoren.

„Für unsere Forstwirtinnen und Forstwirte bedeuten abgestorbene Bäume und Äste eine große Gefahr. Selbst wenn man einen gesunden Baum fällt, streift dieser in manchen Fällen in den benachbarten Baumkronen tote Äste, die dann zu gefährlichen Situationen für die Personen am Boden werden. Deshalb legen wir bei Baumfällarbeiten allergrößten Wert darauf, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schützen“, sagt Reger.

Mithilfe technischer Unterstützung lassen sich Lösungen finden, die der Arbeitssicherheit und dem Totholzaufkommen im Wald gerecht werden. Ferngesteuerte Fällkeile und Traktoren mit Seilwinde seien dann sichere Helfer.

Die Gefahr herabstürzender Äste steigt im Wald aber auch für Waldbesucherinnen und -besucher, je mehr Totholz vorhanden ist. Daher muss beim Betreten des Waldes mit sogenannten „waldtypischen Gefahren" gerechnet werden. Das Entfernen von gefährlichen Ästen an einigen Wegen durch Forstleute sollte einen aufmerksamen Blick in die Bäume daher nicht ersetzen. Wald ist aber nicht gleich Wald und Bestände unterscheiden sich genauso, wie ihr Totholzaufkommen. Wie viel Totholz es wo in Deutschland gibt, wurde daher mit der Bundeswaldinventur untersucht.

So viel Totholz gibt es in Deutschland

Mit den Ergebnissen der dritten Bundeswaldinventur wies das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) darauf hin, dass auch die Menge an Totholz aufgrund natürlicher Prozesse im Wald variiert. Mit der Nutzung des Holzes durch verschiedene Arten und weitere Einflüsse der Umwelt verrottet das Material schließlich. Dann muss neues Totholz her. Die Inventur zeigte, dass rund die Hälfte des bundesweit vorhandenen Totholzes bereits fortschreitend zersetzt ist, während die andere Hälfte als Wurzelstöcke, stehendes oder liegendes Totholz mit mehr als 30 cm Durchmesser vorhanden ist.

Durchschnittlich gebe es fast 21 Fm Totholz pro ha Wald. Für Deutschland ergeben sich damit 224 Mio. Fm Totholz. Seit der letzten Bundeswaldinventur gab es jedoch einige Ereignisse im Wald, die die Bestandesstruktur an vielen Orten stark verändert haben. Die vierte Bundeswaldinventur wird die neuen Verhältnisse im Wald und damit den nun vorhandenen Anteil an Totholz voraussichtlich bis Ende 2024 bundesweit abbilden.

Mit Material von ForstBW, Wald & Holz NRW, LWF, BMEL