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ThüringenForst will den dramatischen Niedergang der Weißtanne beenden

ThüringenForst will den dramatischen Niedergang der Weißtanne beenden

Mit einem Anteil von nur noch 0,1 % an der Baumartenverteilung hat die Weißtanne in Thüringen über zwei Jahrhunderte einen dramatischen Niedergang erlitten. Ursprünglich war die vor etwa 4000 Jahren eingewanderte Konifere neben Buche und Fichte, dritte Hauptbaumart des natürlichen Bergmischwaldes, lange bevor die regionale Siedlungsgeschichte begann.
Seit rund 25 Jahren arbeiten Thüringer Förster an der Rettung dieser relativ klima- wie sturmstabilen Baumart, die eine deutlich höhere Trockenresistenz aufweist als die Fichte. Auch deshalb wird die Weißtanne vor dem Hintergrund des vom Menschen verursachten Klimawandels für die heimischen Nadelwälder immer wichtiger. Trotzdem herrscht bei den Forstexperten das Prinzip Hoffen und Bangen.
Weißtannenholz als kulturgeschichtlicher Zeitzeuge
Wie umfassend die Weißtanne auch die Kulturgeschichte Thüringens beeinflusst hat, zeigt sich noch heute eindrucksvoll: Viele Sakral- und Profanbauten des Spätmittelalters, wie etwa das ehemalige Franziskanerkloster in Saalfeld, die Jenaer Stadthäuser oder auch Thüringens älteste Forstdienststelle an der Klosteranlage in Paulinzella, zeugen von der reichhaltigen Verwendung des Tannenholzes im damaligen Bauwesen. Reformator Martin Luther bekam 1540 für den Bau seines Privathauses Gut Zöllsdorf u. a. Tannenholz aus dem Leinawald bei Altenburg geliefert. Und auf dem Wurzelberg bei Katzhütte soll mit 66 m³ Volumen die stärkste Weißtanne Deutschlands gestanden haben.
Tannenrückgang hat vielfältige Gründe
Die waldbauliche Bevorzugung der Fichte, das durch Luftschadstoffe verursachte Waldsterben und aktuell immer noch regional überhöhte Wildbestände sind einige Gründe für den Rückgang der Weißtanne in den letzten 60 Jahren – nicht nur in Thüringen. Hauptursache ist jedoch der Holzhunger des 18. Jh. mit der beginnenden Industrialisierung. Übernutzung, Plünderung und Raubbau am Wald löste das naturnahe Waldgefüge weitgehend auf. Im Kahlschlagverfahren gepflanzte Fichte war der Weißtanne im Wuchs überlegen, da diese auf den Schutz des Altholzschirmes angewiesen war. So ging deren Anteil stetig zurück.
Spezielles Waldbauverfahren im Thüringer Forstamt Weida entwickelt
Im Kontext einer verbesserten europäischen Luftreinhaltepolitik, insbesondere seit 1989/1990, haben die Förster ihren waldbaulichen Fokus auf die bis zu 600 Jahre alt werdende Weißtanne verstärkt. Allein 2014 wurden im Staatswald der Landesforstanstalt über 150.000 Weißtannen auf 275 ha gepflanzt. Das Thüringer Forstamt Weida entwickelte eigens ein waldbauliches Verfahren zur kostengünstigen Einbringung der oft als Mimose bezeichneten Weißtanne in Fichtenbestockungen, welches bundesweit für Anerkennung sorgte.
Irgendwann Weltnaturerbe-Status?

Forstexperten berechneten, dass auf 65 % der Waldfläche Thüringens die Weißtanne angebaut werden könnte – zumindest in der naturnahen Form des von der Landesforstanstalt angestrebten Dauerwaldes. In den Mittleren-, Hoch- und Kammlagen des Thüringer Waldes arbeitet ThüringenForst seit 2013 mit Unterstützung des Freistaats an einem Sonderprojekt, um den Anteil der Weißtannen in den Forstämtern Oberhof, Frauenwald und Finsterbergen gezielt zu verstärken.
 
Kaum 10.000 Alttannen (>61 Jahre) gibt es derzeit im Freistaat, ihr Erhalt ist auch von europäischem Interesse: In Thüringen erreichte die tiefwurzelnde Weißtanne, die nach der letzten Eiszeit aus der Alpenregion einwanderte, ihr nördlichstes Verbreitungsgebiet. Neben der Buche ist die Weißtanne damit für Thüringen nicht nur eine kulturprägende, sondern auch forstgeschichtlich herausragende Baumart.
Und vielleicht führt die Rettung der Weißtanne, ähnlich wie bei der Buche, irgendwann zu einem Weltnaturerbe-Status. Thüringens Förster fänden das gut.
ThüringenForst

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