Forstpolitik

Tagung: Mit Holz aus der Klimakrise

Bearbeitet von Marc Kubatta-Große

Eine weltweite Rückkehr zum Holzbau zur Bekämpfung der Klimakrise forderte Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber im Rahmen der Webkonferenz „Wald.Holz.Energie“ des Österreichischen Biomasse-Verbandes (ÖBMV) am 9. Juni. Was dies für die heimische Waldbewirtschaftung bedeutet, diskutierte Schellnhuber unter anderem mit weiteren Experten vor etwa 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

„Die Stabilisierung des Klimas ist die größte Herausforderung des Jahrhunderts“, unterstrich Schellnhuber, Gründungsdirektor des renommierten Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. 2020 lag die globale Temperatur bereits 1,25 °C über jener der vorindustriellen Zeit. Es bleibe also nicht mehr viel Spielraum zum Einhalten des im Pariser Klimaschutzabkommen angestrebten 1,5 °C-Ziels. Auch wurde 2020 eine Rekordzahl von 29 tropischen Wirbelstürmen im Atlantik verzeichnet.

Zurück zum Holzbau! Weltweit!

Rasches Handeln sei daher unabdingbar. Als Antwort auf die Klimaerhitzung fordert Schellnhuber eine weltweite Wende beim Bauen. Rund 40 % des Ausstoßes von Treibhausgasen entstehen durch Errichtung und Betrieb von Gebäuden sowie der Infrastruktur. „Der Gebäudesektor ist der Elefant im Klimaraum. Die Rückkehr zum Holzbau ist der wichtigste Beitrag gegen die Erderwärmung“, erklärte Schellnhuber, der auch Berater von EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen bei der Initiative „Neues Europäisches Bauhaus“ ist. „Wenn wir die Waldzerstörung stoppen, großflächig aufforsten und mit Holz statt Beton bauen, wird der Bausektor vom Klimasünder zum Klimafreund. Der Klimaschutz wird vor allem beim Bauen in den Städten entschieden.“ Mit Blick auf die Interessenkonflikte um eine verstärkte Nutzung des Waldes warnte Schellnhuber vor den Folgen der voranschreitenden Erderwärmung für den Wald: „Wenn wir die Klimaerhitzung nicht durch Nutzung des Waldes abmildern, müssen wir künftig über keine Funktion des Waldes mehr diskutieren. Denn dann werden sich Ökosysteme komplett ändern, was die Lebensgrundlagen der Menschen gefährdet.“ Holz müsse zum wichtigsten Rohstoff für den Gebäudesektor werden. Selbst Wolkenkratzer könnten aus Holz gebaut werden. Um das zu erreichen, müssten sich Waldbesitzer mit Kreativen – wie Architekten und Designern – zusammensetzen und neue Wertschöpfungsketten entwickeln.

Franz Titschenbacher stimmte dem voll zu und rückte auch Holznebenprodukte ins Blickfeld. Während Brennholz, Hackgut, Sägespäne oder Ablauge aus der Papierindustrie für die Wertschöpfungskette Holz Nebenprodukte darstellen, seien sie für die Energiewende die Grundlage. Mit dem Ausstieg aus fossilen Energien werde sich die Bioenergie zum bedeutendsten Energieträger entwickeln.

Simone Schmiedtbauer ergänzte, es sei ein völlig falscher Ansatz und Irrglaube anzunehmen, dass man mit einer Außernutzungsstellung von Wäldern und anderen Restriktionen die Aufnahme von CO2 steigern könnte. Europa habe genug Holz, es wachse täglich nach und solle sinnvoll genutzt werden. Holzbau, Holzwärme, Holzstrom, Holzgas und Holzdiesel seien Möglichkeiten, die der Wald jetzt schon biete.

Wirtschaftswald leistet mehr für Klimaschutz als nicht bewirtschafteter Wald

Angesichts von Forderungen aus dem Naturschutz nach verringerter Holznutzung und erhöhten Holzvorräten im Wald als Kohlenstoffsenken, verwies Professor Ernst-Detlef Schulze vom Max-Planck-Institut für Geochemie darauf, dass Vorräte im Wirtschaftswald laut Daten der deutschen Bundeswaldinventur etwa gleich hoch seien wie jene im unbewirtschafteten Wald. Auch die Bodenkohlenstoffvorräte sind im nicht bewirtschafteten Wald laut Studien nicht höher als im Wirtschaftswald. „Dagegen liegt der Zuwachs und damit die Vorratssteigerung im Wirtschaftswald deutlich höher“, erklärte der deutsche Biologe und Forstwissenschaftler. „Der bewirtschaftete Nadelwald wächst jährlich um 4 Festmeter pro Hektar mehr zu als der nicht bewirtschaftete Wald – im bewirtschafteten Laubwald immer noch um mehr als 1 Festmeter. Damit übertrifft auch die jährliche Vorratszunahme im Wirtschaftswald die des nicht bewirtschafteten.“

„Wird das Holz nicht zum Bau und zur Energiegewinnung genutzt, verrottet es im Wald, dabei gelangt das CO2 genauso wieder in die Atmosphäre“, hob Schulze hervor. Der Zeitraum bis zur Zersetzung des Totholzes sei mit dem durchschnittlichen Abbauzeitraum von Holzprodukten vergleichbar. „Holzprodukte haben im Bundesland Thüringen im Schnitt eine fünfzigprozentige Abbaurate nach 20 Jahren, bei Totholz sind es im Schnitt 28 Jahre“, informierte der Biologe.

Forstwirtschaft nicht für Biodiversitätsverlust verantwortlich

Der Schutz der Artenvielfalt ist ein oft angeführtes Argument für Außernutzungsstellungen der Forstwirtschaft. „In Deutschland ist keine Waldpflanzenart ausgestorben“, entgegnete Schulze darauf. Im offenen Land stelle sich dies allerdings ganz anders dar. „Jede zweite Pflanzenart in Deutschland ist entweder geschützt oder gefährdet, davon sind nur 10 % Waldpflanzen“, betonte der Professor. „Die Forstwirtschaft kann daher nicht alleine die Verantwortung für die Biodiversität der Landschaft übernehmen.“ Nur der Wirtschaftswald ermögliche gezielten Naturschutz. „Organismengruppen sind abhängig von der Vielfalt der Pflanzen im Wald und diese ist im Wirtschaftswald höher“, bekräftigte Schulze, der sich für weniger top-down- Naturschutz aussprach: „Die Waldeigentümer müssen beim Naturschutz mit ins Boot genommen werden. Auch über eine Vergütung der Waldeigentümer für den Erhalt geschützter Arten in ihrem Waldbesitz sollte nachgedacht werden.“

Wald alleine keine dauerhafte CO2-Senke

Peter Mayer, Leiter des Bundesforschungszentrums für Wald, stellte die Zusammenhänge zu Holznutzung, Kohlenstoffspeicherung und Biodiversität aus Sicht der österreichischen Forstwissenschaft dar: Der österreichische Wald speichert etwa 990 Mio. t Kohlenstoff, 60 % davon im Boden. Durch die Klimaerwärmung gehe die Kohlenstoffspeicherkapazität zurück. Der Wald könne nicht unendlich viel CO2 speichern und werde in allen Szenarien der Studie CareforPairs in den nächsten 15 bis 100 Jahren zur Kohlenstoffquelle. Die Holznutzung verhindere Emissionen aus Ersatzprodukten und sei damit ein wichtiger Baustein für die Klimazukunft.

Österreichweit 250 Mio. Fm Nutzungsrückstände

Stefan Zwettler, Leiter der Forst- und Energieabteilung der Landwirtschaftskammer Steiermark, machte darauf aufmerksam, dass laut der jüngsten Österreichischen Waldinventur 2016/18 ohnehin hohe Durchforstungsrückstände im heimischen Wald bestünden. In ganz Österreich seien auf 1,29 Mio. ha Standraumerweiterungen durch Läuterungen notwendig, um die Bestände zu stabilisieren. Zusammen mit Verjüngungshieben, Räumungen und Entrümpelungen gibt es in Österreich 250 Mio. Erntefestmeter, die heute genutzt werden könnten, davon allein 80 Mio. EFm im Schutzwald.

Auswirkungen des Holzbaus auf die Bioenergienutzung

„Eine Holzbauoffensive ist ein Bioenergieturbo“, sagte Christoph Pfemeter, Geschäftsführer des Österreichischen Biomasse-Verbandes. Pro Kubikmeter verbautem Holz fallen etwa 6 m3 Nebenprodukte an, die auch energetisch verwertet werden können. Der mit dem Klimawandel einhergehende Waldumbau zu mehr Laubholz führe auch zu höheren Bioenergiemengen, da derzeit Laubholz zu 70 % energetisch genutzt werde, während dieser Anteil bei Nadelholz nur 20 % betrage. Laut Studie der Universität für Bodenkultur Wien spart 1 m3 genutztes Fichtenrundholz durch Speichereffekte im Bauholz die Substitution energieintensiver Materialien wie Stahl und Beton sowie den Ersatz fossiler Brennstoffe etwa 1,125 t CO2 ein. „Ohne Bioenergie hätten Holzprodukte eine weitaus schlechtere CO2-Bilanz, weil die Holzindustrie dann auf fossiles Erdöl und Erdgas zurückgreifen müsste“, berichtete Pfemeter.

Waldbewirtschaftung allein reicht nicht

Auch wenn der Ausstieg aus fossilen Energieträgern und die rasche Emissionsminderung absolute Priorität haben müssen, gehen Klimawissenschaftler wie Schellnhuber davon aus, dass zur Erreichung der Pariser Klimaziele und Stabilisierung der Erderwärmung auf 1,5 °C der Atmosphäre zusätzlich Kohlenstoffdioxid entzogen werden muss. Bei der Webkonferenz wurden die verschiedenen Verfahren zur Erzielung negativer Emissionen vorgestellt und diskutiert. „CO2-negative Aktivitäten wie Biokohle, BECCS, klimaoptimaler Holzeinsatz und Wiederaufforstung müssen weiterentwickelt und unterstützt werden, damit wir den Klimawandel stoppen können. Die nachhaltige Waldbewirtschaftung ist und bleibt die Grundvoraussetzung für diese Überlegungen“, unterstrich Pfemeter.

Quelle: ÖBMV