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Der Tag der Jugend und die Waldpädagogik

Der Tag der Jugend und die Waldpädagogik

Ende der 1990er Jahre wurde durch die UNO der 12. August zum  Internationalen Tag der Jugend (International Youth Day) bestimmt. Dieser Tag soll seither auf die gesellschaftliche Bedeutung dieser Lebensphase und die weltweite Situation Heranwachsender aufmerksam machen.
Von Beginn waldpädagogischer Arbeit an gab es immer auch waldbezogene Bildungsprogramme für heranwachsende Menschen im „Rüpelalter“ und der darauf folgenden „Sturm- und Drangzeit“. In Einrichtungen wie Jugendwaldheimen, Schulwäldern, Waldwerkstätten oder Walderlebniswelten sowie mit Aktivitäten wie Waldjugendspielen, Waldprojekttagen oder Jugendwaldeinsätzen wurden beim Walderleben mit allen Sinnen anspruchvolle Themen rund um die Bereiche Forstwirtschaft, Holz, Naturschutz und Jagd mit „jugendgemäßen“ Methoden absolviert.

Gute Beispiele für dem jugendlichen Empfinden gerechte waldpädagogische Anlagen und Programme neueren Datums sind waldbezogene Schülerfirmen, die „Holzerlebniswelt“, die „Praxis Dr. Wald“, der „Pirschweg“, die Waldrallyes … Viele Forstleute, deren Partner von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und andere Waldfreunde stellten bisher auch der Aufgabe „Waldpädagogik mit Jugendlichen“.

Manchmal hat es freilich den Anschein, als ob diese Arbeit angesichts der speziell seit den 1990-ern galoppierenden Naturverlassenheit einer ganzen Generation von Jugendlichen derzeit komplizierter wird: Ein technisierter, von bürokratischen Sachzwängen bestimmter, laut-schrill-hektisch-rastloser und sinnentleert erscheinender Zeitgeist, die Schwächen eines verwissenschaftlichen, reformgeschüttelten und ideologie-geschädigten Bildungswesens, der oberflächliche Konsumismus und die unter dem Einfluss von „Glotze“, Spielkonsole und Co. massenmedial geprägte geistige und sittliche Unreife vieler junger Menschen stehen uns entgegen. Mannigfaltige Depressionen, Süchte, Neurosen, Phobien … sind oft die Folge. Die kürzlich in www.waldpädagogik.de publizierten Beiträge „Junge Natur-Banausen?“ oder „Zurück auf die Bäume!“ verdeutlichen das und zeigen detaillierte Ursachen und Wirkungen auf.

Deshalb wird seit einiger Zeit auf Bundesebene auch darüber diskutiert, ob es sinnvoll ist, eine spezielle und meist städtisch geprägte waldpädagogische Zielgruppe „Problem-Jugendliche“ festzumachen und dem Bildungswesen sowie den Eltern hierzu ggf. spezielle, aus therapeutischen „Doktor Wald“-Wirkungen hergeleitete und vom Anspruch her wie das berühmte „Karibik-Segeln“ jugendlicher Missetäter wirkende Angebote zu machen. Der BDF-Bundesarbeitskreis „Forstliche Umweltbildung“ wird sich in seiner nächsten Sitzung in Berlin speziell mit diesem Arbeitsschwerpunkt befassen. Es ist dabei Vieles zu bedenken. Sicher ist wohl: den „prekären“, nach Beendigung der Schulzeit, Schulverweigerung oder gar -abbruch nicht ausbildungsfähigen Teil der jungen Generation werden wir auch mit solchen Angeboten nicht mehr erreichen können.

Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann spricht von einem nahezu „abgehängten“ unteren Fünftel – ich halte diese Zahl allerdings für zu hoch. Nach dem Motto „Nur die schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht“ greifen allerdings einige Massemedien die Untaten einiger weniger gelangweilter, frustrierter und zumeist auch „geistig stark herausgeforderter“ Randalierer und Steinewerfer, Wändebeschmierer und Scheibenzerkratzer, Schlägertypen und Pöbler … aus dieser Klientel begierig auf und vermitteln so vielen Älteren leider einen völlig falschen Eindruck über „die Jugend von heute“. In der Erfahrung mit meinen drei Kindern, deren Freunden sowie den vielen „Zivis“, „Ökis“ und Praktikanten am Märkischen Haus des Waldes denke ich heute: Die Mehrzahl der jungen Leute verhält sich in den 2010-ern nüchtern-sachlich, ist jedoch auch misstrauisch. Sie blicken mit Sorge in die Zukunft, bleiben aber dennoch zuversichtlich. Einst von den „68-ern“ verunglimpfte Werte sind ihnen (wieder) wichtig: Ordnung, Fleiß, Disziplin, aber durchaus kombiniert mit Selbstentfaltung und Lebensgenuss …; keine Spur mehr von „Null-Bock auf gar Nichts“.

Als Otto von Bismarck einst ausrief „Für die Jugend habe ich nur drei Ratschläge: Arbeitet, arbeitet, arbeitet“  hatte er nicht ahnen können, dass die moderne Industriegesellschaft es jungen Leuten so schwer machen würde, zu bezahlter Tätigkeit, damit auch zur Sicherheit für die Gründung einer Familie und in der Folge zu etwas zu gelangen, was den Menschen als soziales Wesen auszeichnet: Verantwortung.

Arbeitsplätze schaffen können wir waldpädagogisch Tätigen freilich nicht.
Aber dass wir uns unter Nutzung des „Bildungsraums Wald“ und auf der Basis solider Grundlagen sowie Prinzipien der Erziehung selbst- und verantwortungsbewusster, angemessen handelnder, langfristig sowie ganzheitlich und damit nachhaltig denkender junger Menschen widmen, ist heute wichtiger denn je!

Klaus Radestock

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