WaldÖkologie

Tag der biologischen Vielfalt: Aufmerksam durch die Natur

Bearbeitet von Jörg Fischer

Der 22. Mai ist der internationale Tag der biologischen Vielfalt. Ein guter Grund, um am Pfingstwochenende mit offenen Augen durch die Natur zu streifen, denn es gibt eine Menge zu entdecken.

Die Meldungen über den anhaltenden Artenschwund reißen auch hierzulande leider nicht ab. Der internationale Tag der biologischen Vielfalt am 22. Mai wird daher zum Anlass genommen, auf diese Probleme hinzuweisen. Der Tag geht zurück auf den 22. Mai 1992, als das Internationale Übereinkommen über die biologische Vielfalt durch die Vereinten Nationen offiziell angenommen wurde. Bis in das Jahr 2000 hinein lag der Tag der Artenvielfalt jedoch noch auf dem 29. Dezember. 2001 wurde er dann erstmals am 22. Mai begangen.

Ein reicher Kosmos vor unserer Haustür

Artenvielfalt lässt sich überall erleben. Das fängt schon bei uns im Garten an, aber auch im Park, im Wald und auf der Feldflur lässt sich einiges entdecken. Das hat sich auch Förster Michael Börth aus dem Regionalforstamt Ruhrgebiet in Nordrhein-Westfalen gedacht. Er hat eine besondere Vorliebe, denn die Vogelwelt hat es ihm angetan. Sie begleitet den Hobbyornithologen bei der Arbeit im Wald und auch in seiner Freizeit. Zum Tag der Artenvielfalt lässt er uns an seinem reichen Wissen über das (Zug-)Verhalten und die Stimmen zahlreicher Vögel teilhaben. Ein Wissen, dass für Michael Börth auch für die Arbeit im Wald von unschätzbarem Wert ist:

„Was ist das beliebteste Gartenmöbelstück für den Hobbyornithologen? Besonders zu Zugzeiten der Vögel ist es die Gartenliege. Bequem in Rückenlage den Himmel beobachtend, Fernglas und Notizblock in Greifweite und vor allem die Ohren weit aufgesperrt, denn viele Arten können den Schnabel nicht halten und machen zum Beispiel durch Zug- oder Kontaktrufe auf sich aufmerksam, wenn sie unterwegs in ihre Brutgebiete sind. Dazu gehören auch die Rotdrosseln – eine in Skandinavien und Sibirien beheimatete Kleindrossel mit hellem Streifen über den Augen, rostroten Körperflanken und Unterflügeln. Sie hat in Westeuropa, teils auch in Südwestdeutschland überwintert und überfliegt nun unser Bundesland (NRW), grobe Zugrichtung Nordost. Wer sie tagsüber nicht sieht, wie sie in kleinen Gruppen – manchmal auch größeren Zügen und dann gern auch in Gesellschaft mit Wacholderdrosseln – im klassischen Wellenflug daherfliegt, wird sie nachts hören können. Ihr eher zarter und hoher Flugruf, der sich anhört wie ein ‚Siiieh‘ oder ‚Ziieh‘, ist kaum zu verwechseln. Und wer dann, aufmerksam geworden, Glück hat, kann sogar die Silhouetten ihrer kleinen Gestalten vor dem leuchtenden Vollmond dahinhuschen sehen.
Das Rotkehlchen ist Vogel des Jahres 2021.
Das Rotkehlchen ist Vogel des Jahres 2021.
Foto: M. Börth/Wald und Holz NRW
Das Jahr schreitet voran. So lohnt es sich nicht nur für Hobbyornithologen und Vogelkundlerinnen, die gemütliche Gartenliege bald zu verlassen, hinaus in die Natur zu gehen und die fortschreitende Entwicklung der Vogelwelt zu beobachten. Zu hören, wie die anfänglich dominierenden Reviergesänge im Laufe der Zeit abebben. Das aufkommende Brutgeschäft fordert zunehmend Kraft und Aufmerksamkeit der Elternvögel. Wie dann plötzlich neue Laute vernehmbar werden, Bettellaute der Jungvögel, die abseits der Nester auf Ästen hocken und sich dort füttern lassen. Wie ganze Kohlmeisenschulen mit laut plärrenden Jungvögeln unterwegs sind. Die Jungen lernen dabei, sich selbst zu ernähren. Aber auch zu sehen, wie ein Sperber mit rasanter Jagd und eisernem Griff einen Buchfinken packt, ihm an einem Rupfplatz die Federn ausreißt, um ihn dann an seinem Horst für seine Jungen zu tranchieren. Die Jungen des Buchfinken blicken jedoch in eine düstere Zukunft, denn eine Waisenrente gibt es für sie nicht. Wie dann etwa ab Anfang Juli die Singvogelwelt mehr und mehr verstummt: Die Mauser der Vögel setzt ein. Das Vogeljahr hat begonnen. Es liegt an uns, es mitzuerleben.“

Gefährdete Vogelarten im Blick

21 Wiedehopfpaare brüten inzwischen wieder auf der DBU-Naturerbefläche Oranienbaumer Heide.
21 Wiedehopfpaare brüten inzwischen wieder auf der DBU-Naturerbefläche Oranienbaumer Heide.
Foto: Hans-Joachim Fünfstück/piclease

Viele Offenlandarten sind besonders gefährdet. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) widmet sich auf ihren Flächen speziell dem Schutz solch gefährdeter Arten. Prominente Beispiele sind der Wiedehopf und der Ziegenmelker. Aber auch andere gefährdete Vogelarten werden von den Expertinnen und Experten überwacht: „Knapp 4.000 Brutvogelreviere wurden (von uns auf den Flächen des DBU Naturerbes) erfasst. Der Baumpieper ist mit über 900 Revieren quasi die charakteristische Naturerbe-Art, was auch die aktuellen Strukturen und Lebensraumbedingungen unserer Flächen anschaulich macht“, erläuterte Tobias Leikauf vom DBU Naturerbe. Auf den neun DBU-Naturerbeflächen, zu denen neben der Goitzsche bei Bitterfeld, die Kühnauer Heide, Oranienbaumer Heide und die Roßlauer Elbauen in der Nähe von Dessau-Roßlau, die Glücksburger Heide im Landkreis Wittenberg, der Biederitzer Busch und die Ringfurther Elbauen bei Magdeburg, Teile der Hohen Schrecke nordwestlich von Lossa und Kellerberge bei Gardelegen zählen, dokumentierten die Experten landesweit bedeutende Brutvogelbestände – unter anderem vom Ziegenmelker, Wiedehopf, Schwarzkehlchen, Heidelerche, Schellente und Raufußkauz. Mit über 200 Revieren kommt etwa ein Fünftel des Landesbestands des Ziegenmelkers mit seinem schnurrenden Gesang in Sachsen-Anhalt auf DBU-Naturerbeflächen vor. Zwei Steinschmätzer-Reviere lieferten zudem den Nachweis für eine Art, die deutschlandweit nicht nur gefährdet, sondern vom Aussterben bedroht ist.

Wenn der Ziegenmelker ruft, schnurrt er wie ein Motor und ist für einen Bodenbrüter gut getarnt. Wachsen allerdings die Offenlandflächen zu, verliert er seinen Lebensraum.
Wenn der Ziegenmelker ruft, schnurrt er wie ein Motor und ist für einen Bodenbrüter gut getarnt. Wachsen allerdings die Offenlandflächen zu, verliert er seinen Lebensraum.
Foto: M. Schulze/DBU Naturerbe

Es gibt also viel zu entdecken. Nutzen wir doch dieses Pfingstwochenende, um den Kosmos vor unserer Haustür zu erforschen und um zu sehen, was wir tun können, um unsere heimische Artenvielfalt zu fördern. Wie wäre es denn z. B. mit einer Bienenweide im Garten?

Jörg Fischer (mit Material von Wald und Holz NRW, DBU und BMU)