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Chemiewende macht Holz noch wertvoller

Neben der Energiewende erfordert auch die Chemiewende eine nachhaltige Nutzung der Wälder. Holz verdrängt Öl als Chemie-Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Diskussion um zusätzliche Waldflächenstilllegungen sollte zukunftsorientierter erfolgen.

Die Chemische Industrie braucht neue Rohstoffe, die vor allem nachhaltig zu gewinnen sind. Etwa 90 % aller Chemieprodukte weltweit basieren zurzeit noch auf Erdöl, dessen Reserven stetig sinken. Biomasse, zuvorderst Holz, steht bei der nach Alternativen forschenden Industrie hierbei im Fokus. Schon heute sind Technologien startbereit, um aus Holz, aber auch aus Zuckerrüben oder Stroh chemische Basisstoffe zu gewinnen, die die Industrie für die Herstellung von Lacken, Farben, Kunststoffen oder Pharmazeutika benötigt. Mit dieser „Chemiewende“ erhält die nachhaltige Forstwirtschaft in Deutschland und damit auch in Thüringen mittelfristig einen völlig neuen Stellenwert. Volker Gebhardt, Vorstand der ThüringenForst-AöR, mit 200.000 Hektar größter Waldbesitzer im Freistaat, fordert auch deshalb eine zukunftsorientierte Diskussion um zusätzliche Waldflächenstilllegungen im Freistaat. Denn die Chemiewende erfordert, wie auch schon die Energiewende, die Nutzung des Holzes aus heimischen Wäldern, nicht deren forstliche Stilllegung.

Holz als Chemie-Rohstoff des 21. Jahrhunderts

„Bio-Kunstoffe aus Holz, hochfeste Holz- statt Stahlnägel oder kaum brennbare Dämmstoffe aus Holz werden heute schon in verschiedensten Produkten verwendet. Die großindustrielle Nutzung von Holz zur Gewinnung von Chemikalien dürfte Holz nun zum endgültigen Durchbruch als Chemie-Rohstoff des 21. Jahrhunderts verhelfen“, ist sich Volker Gebhardt sicher. In einer Zeit, in der europäische Länder den Verbrennungsmotor in wenigen Jahrzehnten verbieten wollen, in der der weltgrößte Öl-Konzern die Abkehr vom Erdöl als wichtigen Unternehmensschritt bezeichnet und seine Geschäftsfelder völlig neu ordnet, naht ganz offensichtlich eine grundlegende Neuausrichtung der globalen Industrie. Biobasierte Chemieprodukte, so schätzen Branchenkenner ein, könnten in Europa schon im Jahr 2020 mindestens 500 Mrd. € Umsatz erzielen. Holz spielt als Chemierohstoff hierbei eine herausragende Rolle, da dieser nicht in Konkurrenz zur Nahrungsproduktion steht, wie etwa Mais, Raps oder Zuckerrüben.

Thüringen ist ein Holzimportland

Seit Jahren, so Gebhardt, ist Thüringen ein Holzimportland. Den Verbrauch der heimischen Holzindustrie, ein wichtiger Arbeitgeber insbesondere im strukturschwachen ländlichen Raum, schätzen Experten jährlich auf rund 4 bis 5 Mio. Festmeter ein. Dieser liegt damit fast doppelt so hoch wie das Holzangebot aus Thüringens Wäldern von jährlich etwa 2,5 Mio. Festmetern. Die Folge: Aus umliegenden Bundesländern, aber teils auch aus Nord- und Osteuropa, werden erhebliche Mengen Rundholz nach Thüringen eingeführt. Und dies mit einer deutlich größeren Umweltbelastung, als etwa heimisches Holz geerntet werden kann – das deswegen auch als „Holz der kurzen Wege“ bezeichnet wird. Zusätzliche Waldflächenstilllegungen werden, so fürchtet Gebhardt, nicht nur die Situation am Holzmarkt in Thüringen weiter verschärfen und ggf. wichtige Arbeitsplätze gefährden, sondern auch die Entwicklung holzbasierter Zukunftstechnologien im Freistaat bedrohen.

Holz als künftiger Basisstoff für mehrere Industriebranchen

Gebhardt fordert deshalb im Hinblick auf den mittelfristig steigenden Bedarf an dem nachhaltig produzierten Roh-, Bau- und Werkstoff Holz einen zukunftsorientierten Diskurs. Insbesondere zusätzliche Waldflächenstilllegungen erscheinen vor diesem Hintergrund in einem düsteren Licht. „Es ist ausgesprochen kurzsichtig, bei dem erkennbar anstehenden Paradigmenwechsel in der Wirtschafts- und Rohstoffpolitik genau jene Ressource im eigenen Bundesland zu beschränken, der eine Karriere als nachhaltig produzierbarer Basisrohstoff für mehrerer Industriebranchen bevorsteht“, so Gebhardt abschließend.

ThüringenForst

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