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Stellungnahme: Hessens „Mut zur Entscheidung“

Am 8. Oktober hatte der Landesbetrieb HessenForst seine beauftragten Unternehmer darüber informiert, dass die Aufarbeitung von Käferholz im hessischen Staatswald für 2019 eingestellt wird. Diese Entscheidung sorgte für heftige Reaktionen auf Forstunternehmerseite. Auf Anfrage der Redaktion gab der Leiter von HessenForst, Michael Gerst, die folgende Stellungnahme ab.

„Die Dürrejahre 2018 und 2019 stellen die Forstbetriebe vor Herausforderungen, die historisch kaum ein Vorbild haben. Nur 1526 soll es schlimmer gewesen sein. Auch im hessischen Wald hat die Trockenheit deutliche Spuren hinterlassen und als Folge dessen nahm die Borkenkäferkalamität dieses Jahr eine Dynamik an, die auch die Wissenschaft nicht vorhergesehen hatte und die uns alle vor bisher – abermals – nicht da gewesene Herausforderungen stellt.

Wir als HessenForst haben in diesem wie im vorigen Jahr dem Forstschutz die höchste Priorität zukommen lassen und in einem Kraftakt in den ersten drei Quartalen 2019 in Zusammenarbeit mit Holzernteunternehmen, Holzrückern und Fuhrleuten die vierfache Menge Fichtenholz gegenüber Normaljahren aufgearbeitet und die Borkenkäfergradation nach Kräften einzudämmen versucht. Allen Beteiligten, insbesondere auch der ausgezeichneten Forstunternehmerschaft, danke ich für ihr Engagement. Nur durch ihren Einsatz konnten wir gemeinsam Erfolge erzielen und Fichtenbestände sichern.

Doch die Veränderung ist in ihrem Ausmaß und ihrer Dynamik so neu und groß, dass wir ein Verharren in überkommenen Strukturen der Krisenbekämpfung nicht verantworten können. Wir beweisen Mut zur Entscheidung. Denn seit Mitte September zeichnete sich ab, dass die 2. Käfergeneration wohl überwiegend in der Bodenstreu überwintern wird. Eine 3. Generation, die sich in den Vorjahren gebildet hatte, blieb aus. Das heißt: Auch die Natur reagiert für uns unerwartet auf die grundlegenden klimatischen Veränderungen. Zudem war die Aufnahmefähigkeit des Holzmarktes absehbar überfordert. Wir zogen die notwendige Konsequenz: Aufgrund der sehr hohen Aufarbeitungsdynamik der letzten Monate haben wir das Tempo, mit dem wir die Schäden begrenzen, bewusst angepasst, und unsere Forstämter Ende September aufgefordert, im 4. Quartal 2019 keine neuen Aufträge zur Käferholzaufarbeitung mehr zu erteilen und bestehende Vertragskontingente über die Herbst- und Wintermonate auf die notwendigen waldschutzrelevanten Maßnahmen zu konzentrieren.

Eine ungekannte Dynamik

Die kurzfristige Anpassung von Aufarbeitungsumfang und -geschwindigkeit war notwendig. Weil die 2. Käfergeneration wohl überwiegend in der Bodenstreu überwintert, kann ein wirkungsvolles Abschöpfen der hohen Befallsdichten durch fortgesetzt hohe Aufarbeitung kaum mehr gelingen. Über diese Grundsatzentscheidung haben wir die Forstunternehmer direkt über HessenForst Technik und die Forstämter informiert. Ergänzend dazu haben wir allen am 8. Oktober 2019 ein begründendes Schreiben zugeleitet. Ich räume ein: Die Entscheidung fiel kurzfristig, und sie trifft die Unternehmen sowie deren Mitarbeiter, die in längeren Zeiträumen disponieren wollen und müssen. Gleichwohl war die Entscheidung richtig. Wir werden uns wohl darauf einstellen müssen, in den kommenden Jahren immer häufiger mit bisher ungekannten Situationen und Dynamiken konfrontiert zu werden. Wir werden schneller und anders entscheiden müssen als unter den früheren, relativ stabilen Verhältnissen. Insofern ist die Schnelligkeit in der Entscheidung eine zunehmend geforderte Qualität, die in der Forstwirtschaft zwar als ziemlich neu erscheint, aber unerlässlich werden dürfte.

Wir haben ebenso schnell kommuniziert wie entschieden

Sobald wir die Entscheidung zur Anpassung der Aufarbeitungskapazitäten getroffen hatten, haben wir sie auch kommuniziert. Gleichwohl ist mir klar, dass die Information für jene, die nicht an der Entscheidung unmittelbar im HessenForst beteiligt waren, kurzfristig und überraschend kam. Darum wollen wir im Dialog besser werden. Ich habe eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Sie soll Verbesserungen bei der Auftragsdisposition und -abwicklung in Ausnahmesituationen wie in diesem Jahr ebenso aufzeigen wie Möglichkeiten, dass wir uns mit einem längeren zeitlichen Vorlauf mit den Betrieben rückkoppeln können. Dieser Vorsatz wird uns aber nie von der Verantwortung entbinden, wenn es sein muss schnell zu entscheiden.

Die Arbeit geht nicht aus

Noch im laufenden Jahr möchten wir die Ausschreibungen für Holzerntearbeiten im ersten Quartal 2020 anstoßen. Der tatsächliche Beginn der Arbeiten orientiert sich an den Erfordernissen des jeweiligen Forstamtes. Die Herbst- und Wintermonate werden wir priorisiert zur Begrenzung von Waldschutzrisiken durch gezielte Aufarbeitung nutzen. Angesichts der hohen Käferpopulation erwarten wir eine weiterhin sehr kritische Waldschutzsituation.

HessenForst trägt Gesamtverantwortung

HessenForst schützt und bewirtschaftet den Wald. Zugleich tragen wir als Landesbetrieb eine Gesamtverantwortung, die über unsere primären Aufgaben hinausgeht. Wir setzen die Haushaltsmittel, die die Bürger erwirtschaftet haben und die uns der Gesetzgeber überantwortet hat, zielgerichtet nach den haushaltsrechtlichen Prinzipien und fachlich sinnvoll ein. Und nicht anders. Wir finden in diesem Zusammenhang keine forstfachliche oder betriebswirtschaftliche Begründung dafür, weiterhin Aufarbeitungskosten für unvermarktbare Holzsortimente zu produzieren, ohne bei der Bekämpfung des Borkenkäfers überhaupt noch nennenswerte Effekte erzielen zu können. Diese klare Entscheidung treffen wir in Verantwortung gegenüber dem Land und seinen Bürgern. Und wir danken der Landesregierung und dem Haushaltsgesetzgeber, dass sie rasch reagiert und die Mittel für den Holzeinschlag mit dem aktuellen Nachtragshaushalt 2019 schon aufgestockt haben. Darüber hinaus haben wir weitere überplanmäßige Mittel zum Schutz des Waldes beantragt. Über deren Zuweisung wird noch entschieden. Gleichwohl muss uns allen klar sein, dass die Steuermittel stets begrenzt sind. Die Anstrengungen, den Folgen des Klimawandels zu begegnen und zugleich den Einsatz für seine Entschleunigung zu verstärken, dürften die Auseinandersetzung um die knappen Haushaltsmittel keinesfalls entschärfen. Dank unserer klaren Entscheidung, mit den uns anvertrauten Ressourcen in der Erfüllung unserer Aufgaben verantwortungsbewusst umzugehen, bleiben wir für alle beteiligten ein zuverlässiger Partner.“

Nachtrag

Auf Nachfrage seitens unserer Redaktion bestätigte Herr Gerst, dass die Aufarbeitung von Käferholz im Staatswald Hessens mitnichten vollständig gestoppt worden sei, vielmehr werde diese im Sinne einer möglichst effektiven Populationsabschöpfung bei geringerer Holzmenge auf die entsprechenden Bestände konzentriert. Gerst: „Die Aufarbeitung im Käferholz wird gedrosselt und konzentriert. Hierfür steht ein Vertragsvolumen im niedrigen sechsstelligen Fm-Bereich zur Verfügung.“

Die Meldung über den Einschlagsstopp finden Sie unter diesem Link.

Ein Kommentar von Dr. Maurice Strunk, AfL Hessen, findet sich hier.

Red./Michael Gerst, HessenForst

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