Blick auf eine Produktionslinie für Paletten
78 Nägel braucht man für die Produktion einer einzigen Palette. Mangel an russischem Stahl könnte die Bänder bald stillstehen lassen, befürchtet der Branchenverband HPE.
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Stahlmangel: Palettenindustrie befürchtet Produktionsstillstände

07. April 2022

Wie verflochten die europäischen und weltweiten Lieferketten sind, und was die Konsequenzen sind, wenn sich ein bedeutender Rohstofflieferant aus der internationalen Gemeinschaft verabschiedet, zeigt eine Meldung des Bundesverbands Holzpackmittel, Paletten, Exportverpackung (HPE).
Die Hersteller von Paletten sehen sich mit einem akuten Mangel an Nägeln konfrontiert. Schon jetzt seien erste Unternehmen kaum mehr in der Lage, ihre Nachfrage nach Paletten und Packmitteln zu decken. Schon in wenigen Wochen könnte die Produktion bei einigen deutschen Palettenherstellern deshalb stillstehen, befürchtet der HPE. Das würde eine massive Störung für die Lieferketten in Deutschland bedeuten.

90 % der Nägel aus russischem Stahl

Paletten werden im Wesentlichen aus Schnittholz, Palettenklötzen und Nägeln gefertigt. 78 Nägel braucht man für eine Europalette. Ca. 90 % der für Paletten benötigten losen Nägel werden laut Angaben der europäischen Zulieferer der HPE-Branche aus russischem Stahl gefertigt. In Folge der Handelssanktionen gegen Russland kann dort bis auf weiteres kein Nachschub bestellt werden. Man suche aber nach Alternativen.
Das Problem: Die in Deutschland gefertigten Paletten werden fast ausschließlich in hochautomatisierten Fertigungslinien produziert. Die verwendeten Nägel benötigen Stahlqualitäten, die bislang fast ausschließlich aus Russland zu beziehen waren. Sie können daher nicht so schnell von woanders geordert werden. Zudem seien für kurzfristige Übersee-Lieferungen etwa aus Fernost praktisch keine Kapazitäten verfügbar. Da sich die deutschen Fertigungsmaschinen auch nicht auf andere Nägel umrüsten lassen, könnten hier demnächst Millionen von Paletten fehlen, warnt der HPE.
Für die Lieferantenseite, also die Forstwirtschaft und Sägeindustrie, heißt das: Wenn keine Paletten mehr produziert werden können, wird auch kein Holz mehr abgenommen. Je nachdem, wie lange dieser Zustand andauert, müssen Alternativen für den Absatz gefunden werden.

20 Mio. Importpaletten fehlen

Neben der Fehlmenge an Paletten aus deutscher Produktion werden bis auf weiteres auch Palettenimporte aus Russland, Belarus und der Ukraine ausbleiben. 2021 wurden gut 10 Mio. Paletten von dort importiert. Das waren 14,5 % aller deutschen Palettenimporte. Hinzu kamen im Vorjahr 9,55 Mio. Paletten aus Polen und dem Baltikum, deren Hersteller stark von russischen Holzimporten abhängig seien.
Hieraus allein lasse sich ein Importdefizit in Höhe von rund 20 Mio. Paletten ableiten. Tatsächlich dürfte die Fehlmenge jedoch noch deutlich höher ausfallen, da nach HPE-Informationen alle europäischen Länder das gleiche Versorgungsproblem mit Nägeln haben wie Deutschland, erklärt HPE- Geschäftsführer Marcus Kirschner.

Engpässe bei Holz

Auch bei verschiedenen Holzsortimenten komme es bereits zu Engpässen bei deutschen Herstellern von Paletten, Kisten und Kabeltrommeln, weil Importe aus der Ukraine, Russland und Belarus fehlen. Im vergangenen Jahr seien je nach Holzsortiment bis zu 25 % der deutschen Importe aus diesen Ländern gekommen, beispielsweise beim Sperrholz.
Beim Schnittholz für Paletten und Packmittel mache sich die Abhängigkeit wichtiger baltischer Zulieferer hiesiger Unternehmen von russischen und belarusischen Nadelschnittholzimporten negativ bemerkbar. Mehr als 70 % der im Jahr 2021 im Baltikum eingeführten Nadelschnittholzmenge stammten aus Russland und Belarus.
Laut Statistischem Bundesamt wurden 2021 mehr Paletten in Deutschland produziert als jemals zuvor. Die Palettenproduktion legte um 8 % auf gut 119,5 Mio. Stück zu. Ergänzt um einen Importüberschuss von gut 39 Mio. Paletten betrug der Inlandsbedarf im vergangenen Jahr rund 158 Mio. Paletten, die für den Warenverkehr zum Einsatz kamen. Die produzierte Menge bei Kisten und Kabeltrommeln stieg um je gut 15 %.

Quelle: HPE