Baum und Natur

Deutschlands Stadtwälder: Die Eilenriede in Hannover

Bearbeitet von Jörg Fischer

Stadtwälder spielen eine wichtige Rolle in unserem Leben. Sie dienen uns als Rückzugsort, Kulisse für Sport und Freizeitaktivitäten und helfen uns dabei, runterzukommen und den Alltag für kurze Zeit hinter uns zu lassen. Gerade durch die Corona-Pandemie haben wir unsere Stadtwälder wieder mehr zu schätzen gelernt. Doch sind Stadtwälder keine Selbstverständlichkeit. Wie sind sie entstanden und wie konnten sie sich zu den Orten entwickeln, die wir so lieben? Lassen Sie uns doch anhand eines Beispiels einen solchen Stadtwald einmal näher betrachten.

Vielleicht kennen Sie ja die Eilenriede, den Stadtwald in Hannover, bereits? Unser Beispiel ist nicht zufällig gewählt, feiert die Eilenriede 2021 doch ein rundes Jubiläum. Seit inzwischen 650 Jahren ist das Waldgebiet für die Stadt Hannover als Stadtwald bereits belegt. Dabei zählt die Eilenriede mit ihren 640 ha zu den ältesten und größten zusammenhängenden Stadtwaldgebieten Europas. Lassen Sie uns gemeinsam die Eilenriede entdecken, beginnend mit einer einfachen, aber wichtigen Frage.

Was bedeutet „Eilenriede“ eigentlich?

Der Name ist wahrscheinlich aus dem Wort „Ellerie“ oder „Eillerie“ hervorgegangen und lässt sich auf das Wort „Ellern“ zurückführen, ein altes Wort für die Erle. Eine „Riede“ (vgl. auch die Bezeichnung „Ried“) beschreibt hingegen sumpfigen Boden. Aus dem Namen lässt sich also auf die früher vorherrschende Baumart in der Eilenriede – die Erle – schließen und auf die v. a. wassergeprägten Waldböden. Bis heute lassen sich in der Eilenriede viele naturnahe Wasserläufe, Weiher und Teiche finden, was uns gleich zur nächsten Frage bringt.

Was gibt es in der Eilenriede zu entdecken?

Der Hannoversche Stadtwald wird vor allem durch Laubbäume geprägt, z. B. Eichen, Buchen und Hainbuchen.
Der Hannoversche Stadtwald wird vor allem durch Laubbäume geprägt, z. B. durch Eichen, Buchen und Hainbuchen.
Foto: J. Fischer

Die Eilenriede, gerne auch als Hannovers „Grüne Lunge“ bezeichnet, ist bis heute durch ihren Waldcharakter geprägt, auch wenn Teile im Laufe der Zeit parkartig verändert wurden. Bis heute wurde das Stadtwaldgebiet hin zu einem arten- und strukturreichen Laubwald entwickelt. Die vorherrschenden Baumarten sind Eichen, Rotbuchen, Eschen und Bergahorne. Es lassen sich aber auch viele weitere Arten finden, seien es Kiefern, Lärchen, Erlen, Birken, Hainbuchen, Linden oder Ulmen. Die verschiedenen Weiher und Bachläufe dienen neben der Waldästhetik auch der Bewässerung der Waldflächen. Außerdem fühlen sich hier auch viele Tierarten wohl, und das trotz des hohen Besucheraufkommens. So kann der aufmerksame Waldbesucher neben vielen Vogelarten auch Wildtiere wie Rehe, Füchse, Hasen und Marder entdecken. Mit viel Glück lassen sich sogar einmal Fledermäuse beobachten. Die heimlichen Jäger sind vor allem in der Dämmerung aktiv und fallen durch ihre schnellen und gekonnten Flugmanöver auf.

Kennenlernen lässt sich der Stadtwald von Hannover auch an der Waldstation Eilenriede. Die seit 2004 bestehende Einrichtung bietet ein vielfältiges außerschulisches Bildungsangebot zum Thema „Stadtwald“ an. Insgesamt 27 Erlebnis-Stationen informieren über die Tier- und Pflanzenwelt in der Eilenriede.

Der Stadtwald wird weiterhin bewirtschaftet. Das Pflegekonzept sieht aber in erster Linie vor, dass der Wald als Erholungsraum erhalten bleibt. Eingriffe erfolgen entsprechend vorrangig mit Blick auf die Landschaftsästhetik, die Verkehrssicherheit und zur Förderung der Artenvielfalt. Im Sinne des Biotop- und Artenschutzes werden immer wieder einzelne Stämme im Bestand belassen, um die Kreisläufe im Wald zu erhalten und an Totholz gebundene Arten zu fördern. Die Eilenriede ist übrigens dreifach zertifiziert, nämlich nach den Standards von PEFC, FSC und Naturland.

Darüber hinaus hat der Hannoversche Stadtwald noch so manche kleine Überraschung zu bieten, z. B. das bekannte Rasenlabyrinth, das sogenannte Rad. Hinzukommen die vielen kleinen und abwechslungsreichen Landschaftselemente wie Teiche und lichte Wiesen sowie Denkmäler und Kunstwerke verschiedener Künstler. Zwischen 1924 und 1955 fanden übrigens im Bereich des Stadtwaldes auf einer 4,8 km langen Rundstrecke jährliche Motorradrennen – die sogenannten Eilenriederennen – statt. Der Parkour lässt sich anhand von Hinweistafeln im Wald noch immer nachverfolgen. Eine Entdeckungsreise durch den Stadtwald lohnt sich also.

Das bekannte Rasenlabyrinth – das sogenannte Rad – in der Eilenriede wurde bereits 1642 urkundlich erwähnt. Damals befand es sich jedoch noch anderer Stelle. Erst 1932 wurde es an seinen heutigen Platz verlegt.
Das bekannte Rasenlabyrinth – das sogenannte Rad – in der Eilenriede wurde bereits 1642 urkundlich erwähnt. Damals befand es sich jedoch noch an anderer Stelle. Erst 1932 wurde es an seinen heutigen Platz verlegt.
Foto: artfocus – stock.adobe.com

Wie kann ich die Eilenriede erkunden?

„Viele Wege führen nach Rom“ heißt ein altes Sprichwort und viele Wege führen auch durch die Eilenriede. Ob zu Fuß, mit dem Rad oder sogar zu Pferd, der hannoversche Stadtwald bietet viele Freizeitmöglichkeiten und ist immer einen Besuch wert. Die Eilenriede ist von vielen Seiten aus erreichbar. Zwischen der List, der Oststadt, Groß Buchholz, Kleefeld, dem Zooviertel, der Bult, Waldheim, Waldhausen und Kirchrode gelegen ist der Zugang auch gut von der Innenstadt und vom Hauptbahnhof aus möglich. Vielleicht haben Sie ja Lust, die Eilenriede bei einem Hörspaziergang zu entdecken? An elf Hörstationen – über das gesamte Waldgebiet verteilt – lässt sich der Stadtwald akustisch erfahren. Übrigens: Der Hörspaziergang ist auch mit dem Fahrrad möglich. Ansonsten laden das auf einer Länge von 130 km gut ausgebaute Wegenetz und die vielen Rastmöglichkeiten zum Verweilen ein. Weitere Infos können Sie der Linksammlung am Ende dieses Beitrags entnehmen.

Das ausgedehnte Wegenetz in der Eilenriede bietet vielfältige Möglichkeiten für Freizeitaktionen.
Das ausgedehnte Wegenetz in der Eilenriede bietet vielfältige Möglichkeiten für Freizeitaktionen.
Foto: J. Fischer

Exkurs: Geschichte der Eilenriede

Von den Ursprüngen...
Die Ursprünge des Hannoverschen Stadtwaldgebiets lassen sich nicht mit Sicherheit herleiten. Sehr wahrscheinlich war die Eilenriede früher mal Teil des großen Nordwaldes, eines zusammenhängenden Waldgebiets zwischen Braunschweig und Hannover. Bereits im Jahr 1241 erhielten die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Hannover ein Mitnutzungsrecht an den Waldungen der Eilenriede. Als städtischer Wald wurde das Gebiet bereits 1333 erwähnt. Zum echten Stadtwald wurde die Eilenriede aber erst 1371, als das Waldgebiet mit allen Nutzungsrechten durch die Herzöge Wenzeslaus und Albrecht von Sachsen auf die Bürgerschaft Hannovers übertragen wurde, als Dank für die Unterstützung im Lüneburger Erbfolgekrieg. Der Stadtwald umfasste damals bereits eine Fläche von 465 ha.
In der Zeit nach 1373 entstanden in Hannover im Bereich der Eilenriede die sogenannten Landwehren und Warttürme, welche die Zugänge zum Stadtwald kontrollierten. Die Anlagen sollten vor feindlichen Truppen schützen und gleichzeitig dem weit verbreiteten Holzdiebstahl Einhalt gebieten. Noch heute lassen sich Überreste dieser Landwehren und Warttürme im Stadtwald entdecken, z. B. in Form von Wallanlagen und den alten Landwehrgräben.
Ab dem 15. Jahrhundert setzte eine Phase des Wachstums ein. So kam um 1399 die „Hohe Landwehr“ mit etwa 64 ha hinzu, Ende des 16. Jahrhunderts erfolgte dann die Verbindung der nördlichen und südlichen Eilenriede auf ca. 42 ha. Bis 1646 wurde das Stadtwaldgebiet um weitere 50 ha erweitert.
...über die Neuzeit...
Auch die Eilenriede, wie die meisten Waldgebiete in Deutschland zu jener Zeit, war im ausgehenden Mittelalter durch Übernutzung bedroht. Da Holz der wichtigste Rohstoff und Energieträger zu jener Zeit war, standen gerade siedlungsnahe Waldflächen unter erheblichem Druck. Hinzu kam die Verwendung der Waldflächen als Waldweide (die sogenannte Waldhute oder auch Hutung) für Schweine, Rinder und Ziegen. Um der Holznot entgegenzuwirken, erließ der Rat der Stadt Hannover 1534 ein Holznutzungsverbot, das in den Folgejahren immer wieder bestätigt wurde.
In den 1720ern legte der damalige Bürgermeister der Stadt Hannover, Christian Ulrich Grupen, den Grundstein für eine planmäßige Forstwirtschaft in der Eilenriede. Mithilfe seiner „Verordnung über die Eilenriedebewirtschaftung“ sollte eine nachhaltige Bewirtschaftung des Stadtwaldgebiets durchgesetzt werden.
Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts kommt auch in der Eilenriede ein neuer Trend auf: Die Nutzung des Waldes zur Erholung. Damit verknüpft ist die Entwicklung einer Landschafts- bzw. Waldästhetik, hervorgegangen aus der deutschen Romantik und der Hinwendung zum Wald als Sehnsuchtsort und „Ort der deutschen Seele“.
Trotz aller Bemühungen der Stadtverwaltung, der Holznot Herr zu werden, setzte sich die übermäßige Holznutzung und die damit verbundene Waldzerstörung noch bis ins 19. Jahrhundert fort. Erst mit der Industrialisierung und der damit verbundenen Erschließung neuer Energieträger und Baustoffe konnte sich der Wald allmählich erholen.
1825 wurde das erste Forstbetriebswerk über die Eilenriede erstellt. Dieses forstwirtschaftliche Planungswerk enthielt neben Kartenmaterial auch eine Aufstellung über die einzelnen Standorte und deren jeweilige Bodenqualität – ein weiterer Schritt zu einer nachhaltigen und standortangepassten Forstwirtschaft in der Eilenriede.
...bis in die Gegenwart
Mit der zunehmenden Bedeutung der Eilenriede als Erholungsort für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Hannover und der schwindenden Bedeutung des Waldes als Holzlieferant änderte sich auch das Waldbild. Um die Wende zum 20. Jahrhundert wurde die stadtnah gelegene Vordere Eilenriede in einen Waldpark umgestaltet. 1863 war im nördlichen Teil des Waldes bereits der zoologische Garten errichtet worden.
Bis 1920 wurde das Gebiet der Eilenriede insgesamt um etwa 210 ha erweitert und umfasst heute etwa 640 ha. Die jüngsten Veränderungen erfuhr der Stadtwald im Frühjahr 2020, als etwa 2.000 Eichen in der Eilenriede gepflanzt wurden.
Pünktlich zum diesjährigen Jubiläum der Eilenriede wurde bei der Petrikirche im hannoverschen Stadtteil Kleefeld ein 500 m langer Waldgeschichtslehrpfad eingerichtet. Neue grüne Markierungen und Zahlen sowie aufgestellte Baumstämme in der südlichen Eilenriede nehmen die Bürgerinnen und Bürger mit auf eine Zeitreise. Auf insgesamt 27 Informationstafeln entlang des Walther-Meyer-Weges lässt sich die Geschichte der Eilenriede nacherleben.

Linksammlung zur Eilenriede:

Jörg Fischer (mit Material von HAZ, Wikipedia.org, www.Hannover.de und www.hannover-park.de)