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Die Sicherheitsfälltechnik ist einfach und sicher: Der Baum bleibt stehen, bis das Stützband durchtrennt ist.

Ein Plädoyer für die Sicherheitsfälltechnik

In der Januar-Ausgabe haben wir einen kritischen Artikel über die Sicherheitsfälltechnik veröffentlicht. Volker Gerding vom Forstlichen Bildungszentrum in Weilburg will sie mit folgendem Beitrag wieder rehabilitieren. Er spielt einige typische Situationen bei der Holzernte durch und zieht das Fazit: Die Sicherheitsfälltechnik als Regelfälltechnik – ja, bitte!

Gebetsmühlenartig wird in dem Youtube-Film „Die Sicherheitsfälltechnik“ der Satz wiederholt: „Du bestimmst, wann der Baum fällt.“ Genau dies sollte in der Diskussion um die Sicherheitsfälltechnik im Vordergrund stehen. Viele Praktiker weisen gerne darauf hin, dass es auch andere sichere Fälltechniken gibt – und die neuen Durchführungsanweisungen der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) zu den Vorschriften für Sicherheit und Gesundheitsschutz Forsten (VSG 4.3) schließen solche Techniken auch nicht aus. Aber, in welcher Situation kann man einer alternativen Fälltechnik wirklich den Vorzug geben? In den folgenden fünf Beispielen ist der Sicherheitsfällschnitt auf jeden Fall die beste Wahl.

Nachgezogener Fächerschnitt beim gerade stehenden Baum

Nehmen wir an, dass ein Fäller den Vorhang des Baumes nicht richtig beurteilt hat. In einem solchen Fall beginnt der Baum zu fallen, bevor der Fällschnitt beendet ist. Das Risiko besteht in dieser Situation darin, dass der Waldarbeiter weiter schneidet, um ein Aufplatzen des Baumes zu verhindern. Dann kann er sich aber nicht so weit vom Baum entfernen, wie er es geplant hatte und es sicherer wäre. Gerade im Laubstarkholz kann jeder Meter mehr auf der Rückweiche über Leben und Tod entscheiden. Dies muss jedem Waldarbeiter bewusst sein.

Rückhängender Baum

Auch in diesem Fall ist die Sicherheitsfälltechnik einfach, effektiv und sicher anwendbar – bei starken Bäumen gegebenenfalls unterstützt durch den Einsatz des mechanischen oder hydraulischen Fällkeils. Sie bietet genau dann einen Sicherheitspuffer, wenn beispielsweise eine Windböe aus dem leichten Rückhänger ein Vorhänger macht und der oben geschilderte Fall eintritt.

Seilwindenunterstützte Fällung

Hier ist die Sicherheitsfälltechnik in der Variante mit negativem Abtrennen des Stützbandes (ca. 30 cm unterhalb des Fällschnitts) unschlagbar. Der Baum bleibt fast erschütterungsfrei stehen, bis sich der Waldarbeiter weit auf der Rückweiche befindet und das Signal zum Umziehen gibt. Gerade bei der Fällung im Laub mit nicht einsehbarer Krone oder klar erkennbaren trockenen Ästen ist sie eine unter Umständen lebensrettende Technik.

Seithänger

Arbeitsschutzberater Werner Klingelhöfer erläutert es im Film „Die Sicherheitsfälltechnik“ auf seine Weise: „Wenn der Baum dicht auf den Torwart fallen soll, hängt aber auf den linken Pfosten, ziele ich auf den rechten Pfosten. Die Wahrscheinlichkeit ist so größer, dass der Baum sich beim Fallen nach seinem Schwerpunkt neigt und dann dicht am Torwart liegt.“ Die Sicherheitsfälltechnik mit Fällkerbverlegung ist also auch hier Stand der Technik. Dass es funktioniert, zeigt der Film eindrucksvoll.

Bleibt noch der Vorhänger

Weil die Sicherheitsfälltechnik auf der Vorhängertechnik basiert – mit dem Hauptunterschied, dass beim Vorhänger das Halteband schräg von oben mit ausgestrecktem Arm durchtrennt wird –, gibt es hier keinen Diskussionsbedarf. Bei faulen und/oder trockenen Bäumen bedarf es einer sehr genauen Baumansprache, wenn man den Baum ohne Motorsägeneinsatz umziehen möchte oder die seilunterstützte Fällung mit der „Sicherheitsfälltechnik ohne Beischneiden der Wurzelanläufe und unterschnittenem Stützband“ wählen will.

Ausnahmen

Die Sicherheitsfälltechnik als Regelfälltechnik anzusehen heißt, Ausnahmen sind zwar möglich, sie sollten zur eigenen Sicherheit aber wohlüberlegt und begründet sein. Sie bietet im Extremfall einen überlebenswichtigen Vorteil: die Fehlertoleranz. Dieser Vorteil kommt immer dann zum Tragen, wenn die Baumansprache nicht exakt das Verhalten des Baumes im Fällprozess vorhersagt – und welchem Praktiker ist das noch nicht passiert? Die Sicherheitsfälltechnik ist in keinem Fall unsicherer als andere Fälltechniken, zumindest ist mir bei Bäumen ab ca. 25 cm Stockdurchmesser keine Situation bekannt. Weil sie aber ein deutliches Plus an Sicherheit bringt, bleibt der Appell an alle Praktiker, sie zu „ihrer“ Fälltechnik zu machen.

 

Volker Gerding

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