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Bei der Saatguternte arbeitet der Pflücker auch oberhalb seines Ankerpunktes. Foto: MBKS

Sicher in die Nadelholzkrone

Die Münchner Baumkletterschule bietet jetzt auch
Kurse zum Zapfenpflücken und zum Steigeiseneinsatz an. Die Kurse vermitteln die Techniken für die Saatguternte im Nadelbaum auf dem heutigen Stand der Technik und mit zuverlässiger Sicherung.Nicht jeder Baumsamen kann vom Boden aufgelesen werden. Deshalb klettern Menschen schon lange auf Bäume, um Saatgut zu gewinnen. Die technischen Mittel dafür waren früher begrenzt und das Risiko entsprechend groß. Vor vielen Jahren war es Stand der Technik, nach dem dritten grünen Astquirl ungesichert bis in die Oberkrone zu steigen und dort die Wipfelbruchsicherung zu installieren. Ohne Sicherung in 40 m Höhe als Standardarbeitsverfahren? Inzwischen dürfte es schwierig werden, dafür einen Unfallversicherer zu finden. Ganz abgesehen davon, dass man bei dieser Arbeitsmethode dem eigenen Leben keinen so großen Wert beimessen darf.Nachdem die Gartenbau-Berufsgenossenschaft die Seilunterstützte Baumklettertechnik (SKT) für den Zustieg und das Arbeiten im Baum zugelassen hatte, gab es leider ein Missverständnis bei der für den Forstbereich zuständigen Berufsgenossenschaft. Kletterer, die sich nach der korrekten Qualifikation für das Zapfenpflücken erkundigten, erhielten die Auskunft, dass dafür ein Baumkletterkurs SKT A vonnöten sei. Es gibt durchaus Parallelen: Aufstieg und Bewegung zu den Arbeitspositionen unterscheiden sich bei Baumpflege und Saatguternte im Laubbaum normalerweise nicht.Dies gilt aber nicht für Nadelbäume, bei den die Zapfen gepflückt werden. Denn bei einem SKT A-Kurs klettert man nicht in Nadelbäumen. Zum einen sind Pflegeschnitte dort die Ausnahme. Zum anderen sind ein – für den Baum – verletzungsfreier Aufstieg und das Auswählen der Ankerpunkte im Nadelbaum weit anspruchsvoller als im Laubbaum.Ein weiterer Grund, weshalb die Münchner Baumkletterschule künftig einen Kurs für Zapfenpflücker anbietet: Sie dürfen kaum noch mit Steigeisen aufsteigen. Zwar gibt es alternativ das sogenannte Baumvelo. In der Praxis hat sich aber der Stehendseilaufstieg durchgesetzt. Dass die Installation des Seils größerer Sorgfalt bedarf, belegen verschiedene Absturzunfälle. Ist man oben im Baum angekommen, wird klar, dass sich die Ernte vor allem dort lohnt, wo der Baum nicht mehr hundertprozentig bruchsicher ist. Um bei einem Bruch der Baumspitze nicht abzustürzen, muss man also unterhalb ankern, dort, wo der Baum noch dick genug ist. Beim Aufstieg in die Spitze und beim Pflücken steht man also oberhalb seines Ankerpunktes. Diese Situation ist in der SKT unzulässig, weil ein Sturz mit den dort verwendeten halbstatischen Seilen in diesem Fall tödliche Folgen haben kann. Beim Zapfenpflücken gibt es verschiedene Möglichkeiten, den Fall abzudämpfen. Beispiele wären die Verwendung fangstoßdämpfender Elemente oder der Einsatz dynamischer Seile.Immer wieder erhält die Münchner Baumkletterschule Anfragen für Firmenkurse rund um den Steigeiseneinsatz. Doch bei den Gesprächen zu den genauen Inhalten ändern sich die Bedürfnisse oft schnell. Anfangs geht es meist um die Installation von Anker- oder Umlenkpunkten bei der Seilkranbringung oder um das Anbringen von Zugseilen bei der seilunterstützten Holzernte. Später sollen dann aber auch der Einsatz der Motorsäge und das Abseilen von Lasten dabei sein. Klettern mit der Motorsäge und das Abseilen von Lasten sind aber in der Unfallverhütungsvorschrift VSG 4.2 ganz klar dem Kurs SKT B zugeordnet. Wer das also nebenbei beim Steigeisenkurs mitnehmen möchte, bekommt dafür keinen SKT B-Ausweis und darf folgerichtig nicht gewerblich mit der Motorsäge in den Baum. Diese Anfragen muss die Schule also weiterhin ablehnen.Trotzdem fanden schon Firmenkurse statt, bei denen es in erster Linie um das Anbringen von Zugseilen ging. Oft kommen Teilnehmer auf den SKT A-Kurs, weil der Arbeitgeber verstanden hat, dass eine Rettung auf der SKT-Baustelle nur durch einen zweiten Kletterer sichergestellt werden kann. Nach dem Kurs kann der neue Kletterer den Erfahrenen aber immer noch nicht mit Steigeisen vom astfreien Stamm retten. Andere Firmen haben nur gelegentlich Nadelbaumfällungen und nach dem Entfernen der Äste und der Spitze werden die Stämme vom Boden aus gefällt. Genau für diese Anwendungsgebiete ist der neue Steigeisenkurs der Münchner Baumkletterschule gedacht.www.baumkletterschule.de

Bernhard Schütte
In der Praxis hat sich bei der Saatguternte im Nadelholz der Stehendseilaufstieg durchgesetzt Foto: MBKS Bei der Saatguternte arbeitet der Pflücker auch oberhalb seines Ankerpunktes. Foto: MBKS

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