Waldbau

Schwierige Zukunft für die Edelkastanie?

Bearbeitet von Jörg Fischer

Die Edel- oder Esskastanie ist an Standorten verbreitet, wo jetzt schon die Temperaturen herrschen, die man in den nächsten Jahrzehnten für Mitteleuropa erwartet. Ist sie deswegen eine zukunftsträchtige Baumart für die Wälder nördlich der Alpen? Jein, sagen Experten der Eidg. Forschungsanstalt WSL in einer neuen Studie.

Die Kombination von Trockenheit und Gallwespe führt zu großen Schäden.
Die Kombination von Trockenheit und Gallwespe führt zu großen Schäden.
Foto: M. Conedera/WSL

Vordergründig spricht einiges dafür, dass sich die Ess- oder Edelkastanie (Castanea sativa Mill.) im Zuge der Klimaerwärmung in Mitteleuropa ausbreiten könnte oder angepflanzt werden sollte; denn die Baumart kommt vor allem südlich der Alpen vor, wo heute schon jene Temperaturen herrschen, welche die Wissenschaft in absehbarer Zukunft für Mitteleuropa erwartet. Für die Forstwirtschaft stellt sich darum die Frage, ob eine Förderung der Kastanie als Waldbaum zielführend sein könnte.

Daten des Landesforstinventars gewähren Einblick

Um diese Frage zu beantworten hat ein Team der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL die Überlebenswahrscheinlichkeit der Kastanie mit jener anderer in der Südschweiz vorkommenden Baumarten verglichen. Die Forschenden haben sich dabei auf Daten des Schweizerischen Landesforstinventars (LFI) gestützt. Auf deren Basis beschreibt ein in der Schweizerischen Zeitschrift für das Forstwesen publizierter Artikel ausführlich die Entwicklungsdynamik in den Wäldern der Südlich der Alpen, worin die Esskastanie eine zentrale Rolle spielt.

Über Jahrhunderte haben Menschen die Kastanie für ihre Früchte und ihr Holz kultiviert. Der Baum ist auch eine wichtige Quelle zum Beispiel für Honig und war es früher für Streu. Dazu ist er ein wertvoller Bestandteil von Schutzwäldern. In der Südschweiz ist die Kastanie die kulturell und landschaftlich wichtigste Baumart. Die heutigen Kastanienwälder sind allerdings das Ergebnis einer langjährigen intensiven Bewirtschaftung. Ob die Baumart auf natürliche Weise wettbewerbsfähig genug ist, um in künftigen Bedingungen zu gedeihen, war bisher unerforscht.

Trockenheit und Gallwespe setzen der Kastanie zu

Kultivierte Kastanien können über 700 Jahre alt werden. Unter natürlichen Bedingungen leidet aber die lichtbedürftige Kastanie unter der Konkurrenz anderer Baumarten. Die LFI-Daten zeigen auf, dass die Kastanie jetzt schon auf der Alpensüdseite in großen Schwierigkeiten ist. Ihre Jungbäume sind im Wettbewerb mit anderen Arten wie z. B. der schattentoleranten und -spendenden Buche im Nachteil. Kastanien gehen auch eher ein, wenn sie unter trockenen Bedingungen, Krankheiten und dem Fraßdruck von Ziegen und Wild wachsen.

Hingegen ist die Kastanie weniger anfällig für Störungen durch Waldbrand als andere Waldbäume. Die Daten belegen eine hohe Mortalität in den vergangenen drei Jahrzehnten mit einer eindeutigen Beschleunigung in den letzten Jahren, vor allem dort wo sie wiederholten Angriffen der seit 2009 im Gebiet etablierten Asiatischen Kastaniengallwespe (Dryocosmus kuriphilus) ausgesetzt war. Dieser Schädling wird heute durch einen natürlichen Feind (Torymus sinensis) in Schach gehalten, der in Italien zum Zweck der biologischen Bekämpfung eingeführt wurde. Erst mit einigen Jahren Verzug trat er spontan in der Schweiz auf, sodass der Befall durch die Asiatische Kastaniengallwespe bei uns besonders viel Schaden anrichtete.

Veredelte Kastanienbäume in gepflegten Hainen mit genügend Abstand und Licht können sehr alt werden.
Veredelte Kastanienbäume in gepflegten Hainen mit genügend Abstand und Licht können sehr alt werden.
Foto: G. Moretti

Die Ergebnisse der neuen Studie, publiziert in der internationalen Zeitschrift Forest and Ecology Management, legen nahe, dass die Kastanie nicht per se eine zukunftssichere Baumart ist. Waldbewirtschafter sollten sich darüber im Klaren sein, dass sie auf trockenen Standorten möglicherweise nicht die beste Option beim zu erwartenden Anstieg der Sommertemperaturen und zunehmenden Trockenperioden ist. Auf günstigen Standorten und mit genügend Pflege hingegen kann die Baumart eine gute Wahl sein, um qualitativ hochwertiges Holz zu produzieren.

Das Bild zeigt die Verbreitung der Kastanie im Tessin und Misox (Graubünden). Auf den mit einem Kreis eingezeichneten Stichprobeflächen haben LFI-Teams Anzahl, Größe und Zustand der Kastanienbäume erfasst.
Das Bild zeigt die Verbreitung der Kastanie im Tessin und Misox (Graubünden). Auf den mit einem Kreis eingezeichneten Stichprobeflächen haben LFI-Teams Anzahl, Größe und Zustand der Kastanienbäume erfasst.
Quelle: Schweizerisches Landesforstinventar (LFI)

Das Landesforstinventar LFI

Mit einer systematischen Stichprobeninventur werden in der Schweiz Daten über Bäume, Baumbestände, Probeflächen und Daten aus der Befragung des lokalen Forstdienstes erhoben. Publiziert werden unter anderem Ergebnisse zu Waldfläche, Stammzahl, Vorrat, Zuwachs, Nutzung und der biologischen Vielfalt.

Das LFI wird von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Zusammenarbeit mit der Abteilung Wald des Bundesamts für Umwelt (BAFU) durchgeführt. Die WSL ist verantwortlich für Planung, Datenerhebung, Analyse und wissenschaftliche Interpretation, das BAFU für die waldpolitische Interpretation.

Das Inventar wurde 1983 bis 1985 erstmals durchgeführt (LFI1), darauf folgten drei weitere Erhebungen 1993 bis 1995 (LFI2), 2004 bis 2006 (LFI3) und 2009 bis 2017 (LFI4). Seit 2009 werden die Daten kontinuierlich über einen Zeitraum von neun Jahren erhoben. Aktuell läuft die fünfte Inventur 2018 bis 26 (LFI5).

Quelle: WSL