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Schwarzwaldperle

Volvo Holztransport mit X-Track: „Schwarzwaldperle“

Auf der Nutzfahrzeugmesse NUFAM in Karlsruhe gehörte dieser Holzlaster zu den meistfotografierten Exponaten. Neben der schicken Optik besticht die Schwarzwaldperle „Black Pearl“ durch ihr Antriebskonzept. Werner und Andi Ziefle haben sich hier nach einem detaillierten Lastenheft ihr Fahrzeug für den Holztransport im Schwarzwald zusammengestellt.

Ursprünglich sollte es ein Handschalter werden, denn Andi, der Trucker von den beiden, hat es nicht so mit den Automatikgetrieben. Ganz wichtig war den Brüdern ein möglichst kurzer Radstand mit nicht mehr als 3,30 m. Weil die Touren zumeist aus den Schwarzwald-Hochlagen ziemlich weit hinunter in die Rheinebene gehen, sollte das Fahrzeug statt einem schweren und spritfressenden mechanischen Allrad mit Hydromotoren auf der Vorderachse ausgestattet sein. Damit man die Wendigkeit von so einem kurzen Chassis auch voll ausnutzen kann, muss man die Lenkkräfte auch entsprechend auf den Boden bringen. Dafür sollte eine liftbare Vorlauf-Lenkachse sorgen. Eine spezielle Vorliebe für ein bestimmtes Fabrikat hatten sie nicht. Allerdings fielen die Hersteller bei diesen speziellen Anforderungen der Reihe nach durch das Raster: MAN, an die man beim Stichwort Hydrodrive immer als erstes denkt, kann den geforderten Radstand in Verbindung mit der neuen Euro-6-Abgasnorm nicht mehr realisieren, Mercedes hat den neuen HAD-Antrieb auch noch nicht mit dieser Kürze verfügbar. Scania bietet sowieso keine Hilfsantriebe. Dass es für Volvo mit „X-track“ seit einigen Jahren auch eine Hydro-Achse gibt, ist bisher kaum bekannt. Allerdings hätte man im Volvo FMX in der gewünschten Konfiguration keinen Retarder einbauen können – auf den wollte er bei den häufigen steilen Abfahrten im Schwarzwald aber auch nicht verzichten. An dieser Stelle kommt die Firma Schaub-Fahrzeugbau in Gengenbach ins Spiel, die den Gebrüdern Ziefle den besten Kompromiss anbieten konnte: Der Volvo FH 16 hat zwar einen höheren Einstieg und musste mit der I-Shift-Automatik geordert werden, aber er erfüllt zumindest fahrwerksseitig alle Wünsche. Darüber hinaus ließen sie sich auch davon überzeugen, dass Leistung an sich kein Schaden ist und so entschied man sich für die Top-Motorisierung mit 750 PS.

Kompaktes Kraftpaket

Mach dich lang: Der Faymonville Timbermax lässt sich bis auf 21 m ausschieben Foto: H. Höllerl

Das ganze Gefährt ist eigentlich nur eine Zugmaschine. Wie man auf den Fotos sehen kann, trägt die schwarze Perle vorne eine Anbauplatte für einen Schneepflug. Parallel zur Holzfahrerei will Andi nämlich im Winterdienst etwas Geld verdienen. Nebenbei kann das massive Stahlteil aber auch als Schlepp-Öse dienen, wenn man sich doch mal irgendwo rausziehen lassen muss. Der Kran wurde bei der Haas GmbH in Schutterwald als Verlängerung auf den Faymonville-Schiebesattel aufgesetzt. Wenn man bei uns den Namen dieses belgischen Herstellers hört, der vor allem auch in Frankreich verbreitet ist, denken viele erst einmal: „Der ist bestimmt höllenschwer, weil er ja für ganz andere Nutzlasten als bei uns gebaut ist.“ Doch davon kann keine Rede sein – der Zwangslenker bringt als Zweiachser ohne Kran grade mal 8 t auf die Waage, obwohl er sich bis auf eine Transportlänge von 21 m ausschieben lässt. Bruder Werner arbeitet im Vertrieb bei Kesla-Deutschland. So verwundert es nicht, dass ein finnischer Kran aufgebaut wurde. Der Kesla 2112 mit XL-Kabine und verlängertem Einfachtele hat nach heutigen Maßstäben mit 8,6 m für Langholz eine geringe Reichweite und wenig Hubkraft (126 kNm netto). Zum größten Teil fahren die Ziefles allerdings Kurzholz. Außerdem: „Früher waren die Langholzkrane auch nicht stärker. Da muss man eben ein bisschen mit Hirn laden“, meint Andi dazu trocken. In jedem Fall trägt diese Sparmaßnahme dazu bei, dass die gesamte Fahrzeugkombination knapp unter 20 t Einsatzgewicht bleibt. Schaut man ihm bei der Ladearbeit zu, fällt auf, dass die Kransäule immer leicht mitschwingt. Das bringt die Einbauposition auf dem Schwanenhals mit sich. Um den Rahmen des Aufliegers auf Dauer nicht zu sehr zu strapazieren, sollen deswegen an den Originalaufnahmen für die Abstellfüße noch zwei Hydraulikstützen ihren Platz finden.

Immer vorwärts

Auch beim X-track-Antrieb besteht das letzte Stück der Ölversorgung für die Radnabenmotoren aus flexiblen Schläuchen Foto: H. Höllerl

Doch noch mehr als der Aufbau für den Holztransport interessiert bei diesem Auto das Antriebskonzept. Dieser Volvo verfügt ab Werk nur über eine angetriebene Achse. Der hydraulische Vorderradantrieb kommt von der niederländischen Firma Terberg. Die Pumpe für die Poclain-Nabenmotoren hängt am motorseitigen Nebenabtrieb. Das sorgt im Bedarfsfall für sofortigen Vorschub mit bis zu 44 kW pro Rad und bis zu einer Geschwindigkeit von 21 km/h. Darüber kuppelt sich die Anlage aus und greift erst wieder ein, wenn wieder eine Anfahrhilfe nötig ist. Das ist etwas weniger als bei den Mitbewerbern MAN und Mercedes, bei denen die Hydromotoren bis 25 bzw. 28 km/h mitarbeiten. Ein Bremsmoment liefert von den dreien nur der MAN. Dafür kann Terberg mit einer anderen Spezialität aufwarten: Über einen kleinen Steuerknüppel lässt sich das Fahrzeug allein mit dem Hilfsantrieb rangieren. Der findige Holzkutscher denkt dabei sofort an einen Fahrfunk vom Kran aus, um damit ein paar Meter zum nächsten Polter vorziehen zu können. Rein technisch ist das überhaupt kein Problem. Andi weiß zu berichten, dass es in Belgien sogar einen Anbieter gibt, der einen ferngesteuerten Lenkeingriff ermöglicht. Aber: „In Deutschland experimentiert man zwar schon mit autonomen Lkw auf der Autobahn; im Wald ist eine solche Rangierhilfe jedoch seltsamerweise verboten.“

 

Beim Fahrversuch auf der Geländestrecke der Fahrtechnikanlage Obermehler in Thüringen konnte der Antrieb auf jeden Fall voll überzeugen: Über einen Kippschalter aktiviert, rasten die Nabenmotoren mit einem mächtigen „Klonk“ ein und machen auch bei der Fahrt akustisch keinen Hehl daraus, dass sie ordentlich schuften für ihr Geld. Auf Untergründen, die sonst eher zum Testen von Baufahrzeugen gedacht sind – kaum verdichteter Schotter wechselt sich ab mit verschlammten Passagen, das Ganze in Verbindung mit Auf- und Abfahrten sowie teilweise hängenden Kurven – legt der vollbeladene Zug eine verblüffende Geländegängigkeit an den Tag. Auch nach mehreren Runden kreuz und quer durch den Offroadparcours sind die Motoren in der Vorderachse nur handwarm. Das ist sicherlich auch ein Verdienst des großzügig dimensionierten Kühlsystems, das Terberg gleich links hinter dem Führerhaus verbaut hat. Die Hydraulikpumpe selbst sitzt mitten im Rahmen und wird über eine relativ lange Kardanwelle angetrieben. Von dort aus laufen Metallleitungen nach vorne. Nur das letzte Stück zur Nabe ist ein flexibler Schlauch. Stellt das einen Schwachpunkt dar, wie man das dem MAN-Hydro immer wieder nachsagt? Andi Ziefle ist guter Dinge: „Die haben doppelt geschirmte Schläuche verbaut. Das ist schon mal sehr stabil. Wenn doch mal was passieren sollte, kann ich mit dem abgeschalteten System zumindest bis in die Zivilisation zurückfahren. Dann sind es Standardteile, die man schnell ersetzen kann.“ An den Bremsen sind auch die ganz normalen Elemente verbaut. Mit den breiten 385er Reifen, die er normalerweise vorne drauf hat, kann er keine Ketten mehr aufziehen; der Abstand zu den Druckleitungen wäre zu gering. Aber auch da hat er eine Antwort parat: „Für die Schneesaison haben wir auch 315er zur Auswahl. Damit gewinnen wir schon mal 2 cm. Zusätzlich suchen wir noch nach Felgen mit einer geringeren Einpresstiefe. Das verschafft uns noch mehr Luft.“

Creep-Funktion: Mit diesem Hebel lässt sich das Auto auch rein über den Vorderradantrieb rangieren Foto: H. Höllerl

Volvo bietet X-track bisher nur als Nachrüstung an. Die Schweden arbeiten parallel schon seit Jahren an einer eigenen Lösung. Deswegen wird das auch nicht aktiv beworben. Je nach Ausstattung kostet der Hilfsantrieb 20 000 – 24 000 €. Das ist etwas teurer als bei der Konkurrenz, was vermutlich auch an den geringen Stückzahlen liegt. In Deutschland, wo die Garantie für das Zusatzsystem auch über Terberg abgewickelt wird, sind bisher 30 Einheiten unterwegs. In der Schweiz ist die Nachfrage höher.

Dampfschiff

Auf dem Offroadgelände in Obermehler musste der X-track-Antrieb beweisen, was in ihm steckt Foto: Ch. Pforr

Den Namen „Black Pearl“ teilt sich das Auto der Ziefles mit dem Segelschiff von Käpt´n Jack Sparrow aus dem „Fluch der Karibik“. Dass es sich bei dem Volvo FH 16-750 eher um ein Dampfschiff handelt, zeigt sich bei einer Tour durch ihr Heimatrevier, den Schwarzwald. Scheinbar völlig unbeeindruckt von den heftigen Steigungen zieht der bärenstarke Motor die volle Fuhre den Berg hinauf. Dabei schaltet Andi noch nicht einmal zurück, spielt die 3 550 Nm Drehmoment des Aggregats voll aus. Er fährt tatsächlich die meiste Zeit im manuellen Modus, vor allem im schweren Geläuf. Nur auf der Autobahn lässt er die I-Shift walten. Nach seinen bisherigen Messungen spart er so noch 1 l/100 km. Im Durchschnitt kommt er auf 54 l/100 km inklusive Kranarbeit. Das ist ein sehr respektabler Wert bei dieser Motorisierung und Einsatzschwere. Trotzdem will Volvo ihm noch ein Spartraining angedeihen lassen – wohl eher, um ihn doch noch von der Automatik zu überzeugen.

Achslastverteilung: Durch Entlasten der Vorlaufachse kann man auch bei beladenem Fahrzeug im Wald die Traktion verbessern Foto: H. Höllerl
Mit der mobilen Steuereinheit von Volvo erübrigt sich eine separate Anzeige für die Achslasten auf dem Kran. Foto: H. Höllerl

Auch die Stoßdämpfer des Autos stehen unter Dampf. Mit der Vollluftfederung fährt es sich nicht nur sehr komfortabel; in Verbindung mit der Funkeinheit von Volvo kann man sogar in der Krankabine genau sehen, wann die Gewichtsgrenze erreicht ist. Entlastet man die Vorlaufachse, kann man bei leerem Fahrzeug die Traktion auf der hinteren Antriebsachse verbessern. Bisweilen nutzt Ziefle diese Möglichkeit im Wald auch mit beladenem Auflieger.

Sehen und gesehen werden

Neben der Leistungsfähigkeit des Fahrzeugs legt Andi Ziefle auch ziemlich großen Wert auf Sicherheit. Das kann man schon daran erkennen, dass er das Führerhaus des Volvo für gute Umsicht mit der maximalen Fensterausstattung geordert hat. Darüber hinaus soll ein System aus vier Kameras installiert werden. Damit wird er künftig den Toten Winkel überblicken, den Bereich unmittelbar vor und hinter dem Fahrzeug sowie die Leitungen zum Auflieger. Die umfangreiche Batterie von Zusatzscheinwerfern aus dem Hause Nordic-Lights sorgt für das nötige Licht und macht auch optisch ordentlich was her. Das ist auch durchaus beabsichtigt, denn die Brüder vertreiben nebenbei auch diese Produkte aus Skandinavien. So haben sie ein beeindruckendes Anschauungsobjekt für ihre Kunden auf die Räder gestellt.

Die schwarze Perle im verschneiten Schwarzwald Foto: H. Höllerl

Heinrich Höllerl

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