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Schwammspinner Franken

Schwammspinner: Waldschutz versus Artenschutz

Der Klimawandel wirkt auf Flora und Fauna im Wald. Die höheren Durchschnittstemperaturen begünstigen Baumarten wie Elsbeere, aber auch Insektenarten wie den Schwammspinner. Und sie lassen Forstwirtschaft und Naturschutz zu Gegnern werden. Der Schwammspinner spielte früher in mitteleuropäischen Wäldern keine bedeutende forstliche Rolle. Doch seit den 1990er Jahren vermehrt er sich in Bayern in regelmäßigen Zeitabständen massenhaft. Seit 2017 findet wieder eine solche Massenvermehrung statt. Und Frankens Eichenwälder sind durch mehrere Trockenjahre ohnehin geschwächt. In den kommenden Wochen werden daher zum Schutz der Wälder auf begrenzter Fläche Pflanzenschutzmaßnahmen gegen den Schwammspinner stattfinden, kündigt die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) an.

Eichen akut bedroht

Die Raupen des Schwammspinners fressen die jungen Blätter von Eichen, aber auch von vielen anderen Gehölzen. Mehrmaliger Kahlfraß in Verbindung mit Trockenereignissen, Mehltau-Befall oder dem Fraß weiterer Schmetterlingsraupen kann zum Absterben von Eichen führen. Kommt daher jetzt neben der mehrjährigen Trockenheit massiver Schädlingsfraß hinzu, könne das für viele Eichen das Ende bedeuten.

Die Eichenwälder können nach Ansicht der Waldschutzexperten der LWF nur entlastet werden, wenn man bei akut drohendem Schwammspinnerfraß stützend regelnd eingreift. Es ist daher das Ziel der Bayerischen Forstverwaltung, den Kahlfraß der Bäume durch gezielte, dosierte Behandlungsmaßnahmen einzudämmen und damit akute und chronische Folgeschäden zu verringern. Oberstes Ziel ist dabei, die vielfältigen Eichenmischwälder zu erhalten, auch als Lebensraum für eine Vielzahl von Tier-, Pilz- und Pflanzenarten.

2 % der Eichenfläche

Aktuell geht die LWF von einer Kahlfraßgefährdung auf einer Waldfläche von 7.500 ha aus. Von diesen sollen nun rund 3.000 ha behandelt werden, denn auf den restlichen Flächen bestehen Einschränkungen. Die gefährdeten Waldflächen liegen im Nordwesten Bayerns. In diesem Bereich werden aktuell auf ca. 2 % der Bayerischen Eichenwaldfläche Pflanzenschutzmittelbehandlungen gegen Schwammspinner vorbereitet. Grundlage ist ein Monitoring im Herbst und Winter 2019 an gut 30.000 Laubbäumen in Eichenwäldern.

Mittel wirkt selektiv

Die geplante Behandlung mit dem Pflanzenschutzmittel Mimic erfolgt auf etwa 400 Teilflächen. Bei 50 % der behandelten Fläche handelt es sich um Teilflächen kleiner als 20 ha, 80 % aller Teilflächen sind sogar kleiner als 10 ha, Stand: (14. April 2020). Das Mittel „Mimic“ mit dem Wirkstoff Tebufenozid wirkt spezifisch gegen blattfressende Schmetterlingsraupen, Insekten anderer Ordnungen wie Hautflügler (Bienen, Hummeln, Schlupfwespen) oder blattfressende oder räuberische Käfer sowie saugende Insekten werden laut LWF nicht oder nur gering beeinträchtigt. Dieser Wirkstoff werde daher als nützlingsschonend und nicht bienengiftig eingestuft.

Begiftungsfläche verdoppelt

Trotz dieser hohen Differenzierung und Zielgenauigkeit kritisiert der BUND Naturschutz in Bayern (BN) die Maßnahmen massiv und spricht von einer Vergiftung der Eichenwälder. Die Begiftungsfläche habe sich gegenüber 2019 verdoppelt, schimpft der BN- Landesvorsitzende Richard Mergner und appelliert an Ministerpräsident Markus Söder, „die Giftdusche in den Wäldern zu stoppen, wenn er das Insektensterben eindämmen will.“

Keine ausreichenden Belege

Der BN- Landesbeauftragte Martin Geilhufe wirft der Forstverwaltung gar die Befliegung auch von Schutzgebieten vor, obwohl diese laut LWF explizit von der Behandlung ausgenommen sind. Dieser Ausschluss gelte nur grundsätzlich, so die Kritik des BN. Denn die betroffenen Gebiete würden nicht hinreichend auf das Vorkommen schützenswerter und gefährdeter Arten untersucht. Die Forstverwaltung könne zudem nicht ausreichend belegen, dass die Eichenbestände in ihrer Existenz bedroht seien, die die Kritik des BN. Damit entfalle die rechtliche Grundlage für den Einsatz von Insektiziden.

Konflikt geht weiter

Dieser Konflikt wird auch in den kommenden Jahren immer wieder hochkochen, solange sich der Schwammspinner massenhaft vermehrt. Zu unterschiedlich sind die Geschäftsmodelle von Forstwirtschaft und Naturschutz. Die einen wollen nicht das Risiko des Verlusts ihrer Waldbestände eingehen, auch wenn es möglicherweise gar nicht besteht. Die anderen wollen vermeiden, durch eine zu differenzierte Betrachtungsweise ihre Klientel, auf die sie zwingend angewiesen sind, zu überfordern oder gar zu vergraulen.

LWF/BN/Red.

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