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Schadholzfläche im Arnsberger Wald. Borkenkäfer und Trockenheit haben den Fichtenwald schwer geschädigt. Nun ist die Fläche geräumt und wird unter Ausnutzung der Naturverjüngung in einen klimastabileren Wald umgewandelt

Schadholz fällen oder stehen lassen?

Vor zwei Wochen habe ich in unserem forstpraxis-newsletter ein Thema aufgeworfen, das in der Öffentlichkeit sehr umstritten ist. Vor allem Naturschützer fordern immer lauter, dass man die Schadflächen in unseren Wäldern am besten sich selbst überlässt. Die Natur wisse sich schon zu helfen. In der Forstwelt steht es dagegen außer Frage, dass Schadholz verwertet werden muss. Ein Foto aus dem 2018 abgebrannten Kiefernwald in Treuenbrietzen hat mich bewogen zu fragen, ob an der Sicht der Naturschützer nicht doch etwas dran sein könnte.

Ich habe in den Tagen danach zahlreiche Zuschriften erhalten. Sie geben kein repräsentatives Bild ab, nicht einmal ein fachlich erschöpfendes, aber sie zeigen doch, wie weit die Meinungen auseinander gehen. Auch innerhalb der Forstbranche. Ich will versuchen, die Meinungsvielfalt in diesem Text zusammenzufassen.

Das geht runter wie Öl

An die erste Stelle setze ich die angenehmen Antworten, die – wie ich zugebe –  runter gehen wie Öl. Sie lauteten beispielsweise: „Ich kann Sie nur beglückwünschen.“ Danke für diese mutige Sichtweise, ich hätte dieses Statement in der Forstpraxis nicht erwartet.“ „Danke für dieses gute Vorwort.“ Endlich denkt mal jemand mit und traut sich das auch zu schreiben!“

Eine ehemalige Käferholzfläche am Lusen im Nationalpark Bayerischer Wald hat sich im Laufe der Jahre vion alleine verjüngt NPV Bayerischer Wald

Geschrieben haben uns das unter anderem Privatwaldbesitzer, Forstwirtschaftsmeister, Förster und Forstunternehmer, die sich mit den Worten von Katrin Bölken-Meyer in der Pflicht sehen, an die natürliche Artenvielfalt zu denken. Die Privatwaldbesitzerin forderte dazu auf, mindestens die Hälfte aller Waldflächen liegen zu lassen; es sei Zeit für einen Wandel.

Uwe Tiemann, ein Forstwirtschaftsmeister im Ruhestand, beschleicht schon länger die Befürchtung, dass die aktiven Forstkollegen nur noch hinter den Geschehnissen hinterher laufen. Sie sollten das Rennen aufgeben, rät er, und die Kräfte auf die nachkommenden Bestände konzentrieren. „Die Geduld ist der beste Waldbauer.“ Jede Fläche zeige ihr Potential von ganz alleine, und in zwei oder drei Jahren könne man darüber befinden, ob die angeflogene Bestockung reiche, oder ergänzt werden müsse.

Ähnlich sieht es Karl-Friedrich Weber. Das Credo des Försters außer Dienst lautet: Soviel Biomasse wie möglich auf der Fläche belassen und darauf die möglicherweise notwendigen Pflanzungen abstellen. „Naturgesetze können wir mit unserem mickrigen Wissen nicht ausschalten oder überlisten.“

Ein Blick in die Praxis

Wie das im Wald konkret aussieht, schilderte uns der Kleinprivatwaldbesitzer Carsten Rempp. Er hat seine Katastrophenflächen in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder aufgeräumt, angepflanzt und geschützt. Im Vergleich zu seiner Tante, die nichts gemacht habe, seien seine Bestände aber nicht so toll geworden, „zum Beispiel wegen Douglasien mit Schütte weil falsches Pflanzmaterial.“

Bei seiner Tante dagegen haben sich zwar zuerst nur die Brombeeren ausgebreitet, dann aber kamen die ersten Pionierbaumarten, und ganz unbemerkt schoben sich schließlich Ahorn, Buche, Esche und Tanne durch das Gestrüpp. Er sieht insgesamt deutlich mehr Vorteile, wenn man das Schadholz einfach stehen lässt.

Verfallene Holzpreise

Ein weiterer Grund für diese Haltung ist der Verfall der Holzpreise. Der bayerische Waldbesitzer Josef Lutzenberger erklärte uns dazu: „Ich habe von der Forstbetriebsgemeinschaft, die einen Lohnunternehmer eingesetzt hatte, 950 € für mein Holz bekommen. Geblieben sind mir davon nach Abzug der Kosten nur 8,50 €. Und da soll ich noch tausende Euro für Pflanzen ausgeben?“

Heftiger Gegenwind

Soweit die angenehmen Briefe. Es gab auf mein Vorwort aber auch den Gegenwind, den mir unser Leser Nico Heere vorhergesagt hat. „Sind Sie sicher, was Sie da propagieren?“, fragten Jörg und Friederike von Beyme. Sie machte es traurig und wütend zugleich, dass so ein Vorschlag von mir aus dem Forstbereich kommt. Die beiden Waldbesitzer aus dem Südharz haben das Vorwort als Beleidigung empfunden. Freiherr von Loe wähnte sogar alle Forstbetriebe geohrfeigt, die mit ihrem letzten Hemd ordentlich Forstschutz betreiben und Käferbäume baldigst entfernen.

Schadholzfläche im Arnsberger Wald. Borkenkäfer und Trockenheit haben den Fichtenwald schwer geschädigt. Nun ist die Fläche geräumt und wird unter Ausnutzung der Naturverjüngung in einen klimastabileren Wald umgewandelt
Schadholzfläche im Arnsberger Wald. Borkenkäfer und Trockenheit haben den Fichtenwald schwer geschädigt. Nun ist die Fläche geräumt und wird unter Ausnutzung der Naturverjüngung in einen klimastabilen Wald überführt J. Tack, Imago Images

Sie haben wie viele andere private Waldbesitzer, die von den Einnahmen aus ihrem Wald leben, natürlich eine andere Perspektive als „Leute, die nicht mit eigenem Geld wirtschaften müssen“, wie es Erich Foucar auf den Punkt brachte. Für sie ist Holzmasse, die auf den Flächen liegen bleibt, gleichbedeutend mit einem weggeworfenen Rohstoff.

Fossile Rohstoffe substituieren

Selbst wenn man das Holz nur als Brennstoff nutze, könne man damit immer noch Gas und Öl substituieren und fossile Brennstoffe einsparen. Ganz abgesehen davon, dass Holz, das nicht in Deutschland genutzt wird, irgendwo anders auf der Welt geerntet und herbeigeschafft werden muss, wie Thomas Zanker, der Leiter des BaySF-Forstbetriebes St. Martin argumentiert. Er stimmte zwar zu, dass man Schadholz stehen lasse könne, aber nur, wenn die Käfer tatsächlich alle ausgeflogen sind. Frisch befallene Bäume müssten jedoch gefällt werden, um die Verbreitung des Käfers in den umliegenden Beständen zu vermeiden.

Erwerbswirtschaftlich orientierte Waldbesitzer haben viele weitere Gründe für ihre Haltung. Sie verweisen auf die gesetzliche Pflicht, die Käferbäume zu entfernen. Sie erinnern an die Notwendigkeit der Verkehrssicherung und an das Gebot zur Wiederaufforstung. Freiflächen vergrasen leicht, überwuchern mit Brombeere oder Holunder und verjüngen sich dann nicht mehr.

Klimafitte Baumarten

Sie wissen vor allem, dass im Normalfall nur solche Baumarten von alleine aufkommen, die vorher schon da waren. Im ungünstigsten Fall komme nur wieder die Fichte auf – also ausgerechnet die Baumart, die mit der Hitze und dem Borkenkäfer augenscheinlich die größten Probleme hat. Angesichts des Klimawandels müsse man aber klimafitte Baumarten zumindest ausprobieren.

Viele denken vor allem praktisch. Schadholzflächen, die man sich selbst überlässt, seien in wenigen Jahren nicht mehr für forstliche Arbeiten zugänglich. Die toten Bäume seien dann eine Gefahr für Waldarbeiter, Förster und Waldbesucher.

Wirtschaftliche Argumente

Darüber hinaus führen sie wirtschaftliche Argumente ins Feld. Ulrich Bergfeld aus Neustadt: Man könne zwar Geld für die Holzernte und die Schlagräumung sparen, wenn man Schadholz stehen lasse. „Das Ersparte legen Sie aber in der Regel bei der Bestandespflege doppelt und dreifach wieder drauf.“ Prof. Michael Müller von der TU Tharandt ergänzt gewissermaßen: „Jedes Jahr Produktionsverlust kostet den Waldbesitzer zwischen 300 und über 1.000 Euro pro Jahr. Leider werden sie nur dafür, d. h. nur für das Holz bezahlt.“ Man muss außerdem daran denken, dass man frisch vom Borkenkäfer befallenes Fichtenholz häufig noch als Güte B verkaufen kann.

Ferdinand von Plettenberg sind zahlreiche Privatforstbetriebe bekannt, die neben naturschutzfachlichen und sozialen Aspekten den Wald insbesondere als Neben- oder gar Haupteinkommen sehen. „Einige dieser Betriebe haben eigene Angestellte und/oder forstliche Dienstleister unter Vertrag. Somit schaffen sie auch erheblichen gesellschaftlichen Mehrwert. Dieser Mehrwert kann jedoch nur generiert werden, wenn stabile und produktive Bestände bewirtschaftet werden. Vor diesem Hintergrund finde ich es nahezu grenzwertig, wenn Sie anregen, es einfach mal zu versuchen.“

Schon immer naturnah

Ich könnte leicht noch mehr Zuschriften zitieren. Ich verzichte darauf, um den Text nicht zu sehr in die Länge zu ziehen. Zwei Themen möchte ich aber noch aufgreifen: erstens den Aspekt, dass die Forstleute gar nicht so schlimm sind, wie Naturschützer immer behaupten und zweitens die massive Ablehnung, auf die Waldschützer wie Peter Wohlleben und Professor Pierre Ibisch in der Forstöffentlichkeit stoßen.

Den Vorwurf, dass die Förster heute immer noch nichts besseres wissen, als Fichten- oder Kiefern-Reinbestände zu pflanzen, weisen viele Forstleute vehement zurück. Markus Betz aus Freigericht schreibt uns beispielsweise, dass „forstliches Arbeiten auf ökologischer Grundlage in etlichen Forstbetrieben auf eine mehr als hundertjährige Tradition zurückblicken könne.

Frisches Grün in Treuenbrietzen

Waldbrände werden durch den Klimawandel immer häufiger. Ziel ist es den Wald in einen klimastabilen Laubmischwald umzubauen.
Nach dem Waldbrand bei Treuenbrietzen haben die Waldbesitzer begonnen, das tote Hoz zu räumen Foto: O. Gabriel

Kritikwürdige forstliche Praktiken wie etwa eine rein technokratisch ausgerichtete Kahlschlagswirtschaft, künstlich angelegte, artenarme und ökologisch instabile Waldbestände seien in Deutschland heute ein Relikt der Vergangenheit. „Die Mehrheit unserer FörsterInnen arbeitet naturnah und ökologisch.“ Auch das „frische Grün in Treuenbrietzen“ auf Waldbrandflächen, die im Rahmen des Forschungsprojektes Pyrophob von dem Eberswalder Forscher Pierre Ibisch untersucht werden, komme nicht überraschend. Zwar werde dieses Grün von Professor Ibisch enthusiastisch gefeiert, jedoch kenne diese sukzessionale Entwicklung jeder naturnah arbeitende Förster.

Eine Waldbrandfläche im Stadwald Treuenbrietzen zwei Jahrte nach dem großen Waldbrand
Eine Waldbrandfläche im Stadwald Treuenbrietzen zwei Jahrte nach dem großen Waldbrand B. Settnik, dpa

Wohlleben und seine Mitstreiter

Da klingt die Kritik an Wohlleben und seine Mitstreiter schon an. Leser Georg Plettes hat nur das Wort „Scharlatan“ für ihn übrig, Rudger von Plettenberg wünscht sich, dass sich Herr Wohlleben mit seiner Besserwisserei zurückhält. Er blamiere nur sich und die ganze Branche. Ein anderer Waldbesitzer unterstellte ihm geschäftliche Interessen als Buchautor.

Einzelmeinung

Derselbe Leser legte eine zitierfähige Äußerung aus der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberwalde (HNEE) vor. Darin bezeichnen zwei Wissenschaftler die Ansichten Ihres Kollegen Pierre Ibisch als Einzelmeinung, „welche aus unserer Sicht überwiegend aktivistisch und nicht wissenschaftlich motiviert vorgebracht werden.“ Das grenzt dann schon an Rufmord. Ich schließe dieses Thema daher versöhnlicher mit Ferdinand von Plettenberg, der sich nur wundert, mit welch großem Medienecho Herr Wohlleben seine Wahrheiten verbreiten darf.

Klassische Sichtweisen

Man könnte sich andersherum allerdings fragen, warum die Forstbranche noch niemanden hervorgebracht hat, der ähnlich eloquent die auf 300 Jahren Erfahrung fußende Lehrmeinung der Forstwirtschaft in die Öffentlichkeit trägt. Wobei: Auf regionaler Ebene funktioniert das gar nicht so schlecht. Sieht man von den Beschwerden über zerfahrene Waldwege und vermeintlich übertriebene Holzerntemaßnahmen einmal ab, dann begleiten die Lokalmedien das Geschehen im Forst durchaus positiv. Bei den grundsätzlichen Fragen klappt das aber leider nicht. Da geben seit jeher die Abweichler den Ton an. Man erinnere sich nur an Georg Sperber oder Georg Meister in Bayern, an den Autor und Dokumentarfilmer Horst Stern oder den Umweltpolitiker Wilhelm Bode.

„Es wäre wünschenswert, wenn die Tatsache, dass eine ökologische Forstwirtschaft ein entscheidender Beitrag zur Stabilisierung unserer Umwelt und wesentlicher Teil einer nachhaltigen sozial-ökologischen Marktwirtschaft ist, verstärkt in die breite Öffentlichkeit getragen würde“, zitiere ich hier noch einmal Markus Betz aus Hessen. Solange das nicht geschieht, werde der Diskurs – Schadholz stehen lassen oder räumen – unsere Branche aber wohl noch noch lange beschäftigen, vermutet Leser Axel Miske.

Ich bedanke mich für die zahlreichen Zuschriften und bitte alle Leser, die ich nicht namentlich erwähnt habe, um Verständnis.

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Oliver Gabriel

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