Holztransport

Der 80-t-Elektro-Holzlaster

Bearbeitet von Oliver Gabriel

Der schwedische Holzverarbeiter SCA und der Lkw-Hersteller Scania entwickeln einen Holzlaster mit 80 t Zuggesamtgewicht. Das ist für deutsche Verhältnisse zwar ungewöhnlich, aber man kennt diese Werte aus Skandinavien mittlerweile. Die eigentliche Besonderheit ist jedoch sein rein elektrischer Antrieb. Er soll im Sommer 2022 in Betrieb gehen.

Der Klimawandel zwingt immer dringender dazu, neue Konzepte für die Mobilität umzusetzen. Im Straßenverkehr setzen die Hersteller und die Politik derzeit vor allem auf Elektromobilität, wobei andere Energiequellen als Ersatz für fossile Treibstoffe langfristig als nachhaltiger angesehen werden. Noch vor wenigen Jahren erachteten Fachleute schwere Nutzfahrzeuge mit Batteriebetrieb wegen ihrer viel zu geringen Reichweite als nicht sinnvoll an. Doch stellen traditionelle und neue Hersteller mittlerweile fast im Monatsrhythmus Fahrzeuge mit immer größerer Reichweite vor.

Dass sie auch für schwere Nutzlasten in Frage kommen zeigt ein Akku-betriebener Muldenkipper im Kalksteinbruch eines Zementwerks in der Schweiz. Das leer 58 t schwere Fahrzeug fährt dort im Schweizer Jura seit mehreren Jahren 1,8 km bergauf, lädt und fährt dann mit 123 t Gesamtgewicht wieder zutal. Dabei verbraucht das Fahrzeug bei der Bergfahrt deutlich weniger Energie als er bei der Talfahrt dank der durch das Bremsen erzeugten rekuperierten Energie wieder in das Werksnetz einspeist. Theoretisch könnte das im Gebirge auch für bestimmte Einsätze im Holztransport gelten. Das Gewicht allein setzt der Elektroenergie also nicht unbedingt Grenzen.

SCA und Scania

Ganz so weit gehen die Partner Scania und der Wald- und Holzkonzern SCA bei der Entwicklung eines elektrischen Schwerlastzugs nicht. Doch ein Batterie betriebener Lastzug mit 80 t Zuggesamtgewicht, wie sie ihn in Nordschweden einsetzen werden, ist ja auch höchst bemerkenswert.

Erste Versuche von Scania und SCA haben bewiesen, dass es möglich ist, mit überschweren Elektro-Lkw längere Strecken zu fahren. Das dazu entwickelte, batteriebetriebene Elektrofahrzeug darf auf öffentlichen Strassen ein Gesamtgewicht von bis zu 64 t und auf privaten Strassen 80 t wiegen. Es wird bereits dieses Jahr in der schwedischen Region Västerbotten zwischen dem mit Hafenkai und Bahnanschluss ausgestatteten SCA-Terminal in Gimonäs und der etwa 15 km entfernten Papierfabrik in Obbola bei Umeå Holz befördern.

SCA ist Europas größter privater Waldbesitzer und Hersteller von Schnittholzprodukten, Verpackungsmaterial und Zellstoff. Für den Konzern ist die Elektrifizierung des Straßentransports ein wichtiger Teil seiner Bemühungen, seinen CO2-Ausstoß zu verringern. SCA befördert jährlich rund 8,5 Mio. m3 Holz an die Industrie und setzt dabei 265 Holz-Lkw in Zusammenarbeit mit 87 Spediteuren ein. „Wenn wir nur einen einzigen Elektro-Lkw zwischen Gimonäs und Obbola einsetzen, können wir unsere Kohlenstoffemissionen um etwa 55.000 kg pro Jahr reduzieren“, sagt Hans Djurberg von SCA. „Die Entwicklungen der letzten Jahre und das, was wir jetzt mit SCA präsentieren, zeigen, wie schnell die Dinge sowohl bei den Fahrzeugen als auch bei den Batterien voranschreiten.“ Noch ist aber auch in Schweden die Ladeinfrastruktur noch nicht ausreichend ausgebaut.

Scania hat bereits einige Erfahrung mit E-Trucks: Mit der Firma Wbax hat das Unternehmen bereits einen 64-t-Laster für Chemikalientransporte ausgeliefert. An das Bergbauunternehmen Boliden soll im Sommer ein 73-t-Lkw ausgeliefert werden. Beide Fahrzeuge werden in Nordschweden auf definierten Routen eingesetzt: der 73-Tonner hin und zurück auf einer 30-km-Strecke und der 64-Tonner auf einer 80-km-Distanz.

Günstige Ausgangslage für hohe Gesamtgewichte

Manchen Leser mag das hohe Zuggesamtgewicht von 80 t erstaunen. In Schweden und Finnland sind jedoch schon seit Jahrzehnten 25 m lange Gespanne mit 60 bis 64 t Gesamtgewicht zulässig und im Straßenverkehr allgegenwärtig. Speziell im Holztransport gab es aber seit Jahren Forderungen nach noch höheren Gesamtgewichten zumindest für die Waldgebiete im Norden. 2009 stellte Volvo den ersten Superlastzug mit 90 t Gesamtgewicht vor. Solche Fahrzeuge sind seither auf definierten Strecken in Nordschweden im Einsatz. Das Argument der Befürworter lautet: Zwei 90-Tonner mit je elf Achsen befördern die gleiche Menge Holz wie drei 60-Tonner mit je sieben Achsen. Ihr Einsatz ist aber umweltschonender. Der Kraftstoffverbrauch sowie die Abgas- und Straßenbelastung sind bei zwei dieser Lastzüge deutlich niedriger als bei den dort üblichen Gespannen mit 25 m Länge bei sieben Achsen.

Der Entwicklungsschritt von Scania und SCA ist also eine konsequente, nachhaltige Weiterentwicklung. Sie ist jedoch nicht unmittelbar in die viel dichter besiedelten, oft in Mittelgebirgen gelegenen Gebiete Deutschlands übertragbar. Die Erkenntnis von Scania und SCA sowie des Forschungsinstituts Skogforst zeigen aber die Möglichkeit auf, dass elektrisch betriebene Lastzüge zumindest für spezielle Aufgaben auch in Mitteleuropa infrage kommen könnten.

Es ist nun die Aufgabe der Hersteller von Lkw, Aufbauten und gezogenen Einheiten, sich gemeinsam mit den Anwendern darüber Gedanken zu machen. Ob dafür nur elektrische oder auch andere Energiequellen zum Einsatz kommen, bleibt derzeit offen. Der Klimawandel, den die Waldbesitzer wie auch die Transporteure täglich vor Augen haben, erfordert aber dringend die Senkung des CO2-Ausstoßes auch im Holztransport. Scania und SCA zeigen dafür einen möglichen Weg.

Gerlach Fronemann