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Neu- oder Wiederausbreitung? Die Arealausweitung des Schwarzspechts in Nordwestdeutschland am Ende des 19. Jahrhunderts und ihre Ursachen

Quelle: Forstarchiv 87; 5, 135-151 (2016)
Autor(en): SCHMIDT M, MEYER P, MÖLDER A, HONDONG H

Kurzfassung: Der heute in Deutschland flächendeckend vorkommende Schwarzspecht (Dryocopus martius) war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in Nordwestdeutschland (Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Schleswig-Holstein) selten und fehlte im dortigen Tiefland sogar völlig. Als mögliche Gründe für seine um 1890 verstärkt einsetzende Ausbreitung wurden in der Fachliteratur ein vermehrter Nadelholzanbau, eine Zunahme von Hochwäldern und der Waldfläche insgesamt sowie die Einstellung der Verfolgung (Bejagung und Fang) diskutiert. Dabei bestand Uneinigkeit über die Bedeutung der einzelnen Einflussfaktoren. Zugleich blieb die Frage offen, ob die Ausbreitung des Schwarzspechts im nordwestdeutschen Tiefland als Neu- oder als Wiederbesiedlung zu bewerten ist. Im Rahmen der vorliegenden Studie wird daher auf der Basis der naturkundlichen, forstlichen und jagdlichen Literatur des 16. bis frühen 20. Jahrhunderts nach schlüssigen Antworten auf die genannten Fragen gesucht. Nach den ausgewerteten Quellen ist der Schwarzspecht ein originäres mitteleuropäisches Faunenelement, dessen Verbreitungsgebiet in Nordwestdeutschland um 1890 bereits wesentlich größer war, als bisher angenommen. Von den meisten Autoren wird ihm in der historischen Literatur eine Bevorzugung von großen Waldgebieten, von Gebirgslagen, von Nadelwald, Hochwald und Altholz zugeschrieben. Zugleich finden sich zahllose Belege für eine Verfolgung des Schwarzspechts. Hauptgründe hierfür waren Jagd und Fang zu Nahrungszwecken, die Einstufung als Forstschädling sowie Mythologie und Aberglaube. Extrem niedrige Waldanteile, geringe Baumdimensionen und Holzvorräte, ein fehlender Kronenschluss in den vorherrschenden Niederwäldern sowie eine starke Habitatfragmentierung haben im nordwestdeutschen Tiefland in Verbindung mit der Verfolgung zum Aussterben des Schwarzspechts geführt. In Teilen des Mittelgebirgsraums und im nordostdeutschen Tiefland hat er hingegen überdauert, da geeignete Habitate vor allem in größeren Waldgebieten und schwer zugänglichen Lagen immer erhalten geblieben sind. Seine große Seltenheit und ein regionales Fehlen bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind für diese Räume nur durch direkte Verfolgung zu erklären. Die oft diskutierte Frage, in welchem Maße die Zunahme von Nadelwald zur Wiederausbreitung des Schwarzspechts beigetragen hat, ist allein auf der Grundlage der historischen Literatur nicht zu beantworten. Die Ergebnisse zahlreicher jüngerer Studien zeigen jedoch, dass der Schwarzspecht als Habitat-Generalist einzustufen ist. Die wesentliche Bedeutung des Nadelholzes liegt für ihn in der Bereitstellung vermoderter Stubben, die von Ameisen und anderen Arthropoden besiedelt werden und die das Nahrungsangebot verbessern. In totholzarmen Laubwaldgebieten kann er Nahrungsdefizite dadurch ausgleichen. Nadelholz ist jedoch für das Vorkommen und die Siedlungsdichte des Schwarzspechts nicht von Bedeutung, wenn in Laubwäldern ausreichend Totholz vorhanden ist.


New or re-colonization? The late 19th century range expansion of the black woodpecker (Dryocopus martius) in northwest Germany and its underlying causes

Abstract: The black woodpecker (Dryocopus martius), which today occurs throughout Germany, was rare in late 19th century in northwest Germany (Lower Saxony, North Rhine-Westphalia, Hesse, and Schleswig-Holstein) and completely absent from lowlands in this region at that time. But around 1890 the species range began to expand with an increasing rate. According to the literature, the main underlying factors were intensified growing of conifers, an increase in the total woodland area and in high forest stands, and the cessation of persecution (hunting and trapping). There was, however, some disagreement on the importance of the individual factors. Moreover, the question remained open, whether the range expansion of the black woodpecker to the northwest German lowlands was new or re-colonization. The aim of this study was to find coherent answers to these questions. To do so, biology, forestry and hunting literature from the 16th until the early 20th century was evaluated. Based on the studied literature, it is concluded that the black woodpecker is an autochthonous element of the central European fauna. The species’ range in northwest Germany was considerably greater around 1890 than previously thought. Most authors agree that the bird prefers large forest areas, mountainous regions, coniferous woodland, high forest, and mature stands. In addition, strong evidence was found for black woodpecker persecution, mainly because it was hunted and trapped for food, but also due to its classification as a forest hazard, as well as mythology and superstition. In the northwest German lowlands, very low forest cover, small tree dimensions and growing stock, little canopy closure in the predominating coppice woodlands, and intense habitat fragmentation, together with persecution, had resulted in the extinction of the black woodpecker. In parts of the uplands and in the northeast German lowlands, however, the bird had survived since appropriate habitats were permanently available in poorly accessible areas. Its extreme rarity, even regional absence in these areas until the second half of the 19th century can only be attributed to anthropogenic persecution. The frequently discussed question of whether the increase in coniferous woodland had contributed to the modern spread of the black woodpecker, cannot be answered solely on the basis of historical literature. The results of several recent studies, however, show that the black woodpecker can be characterized as a habitat generalist. For this bird, the essential function of coniferous wood is the creation of decaying stumps that are populated by ants and other arthropods and therefore improve the food supply. This can compensate for food shortages in deciduous woodlands with low amounts of deadwood. Conifers, however, are not essential for the occurrence and the population density of the black woodpecker if there is a sufficient quantity of deadwood available in deciduous woodlands.

© DLV München

 

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