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Wiederaufleben alter Forstnutzungen in Kriegs- und Krisenzeiten – Das Beispiel Gerbrindennutzung im Ersten Weltkrieg

Quelle: Forstarchiv 81: 3, 99-109 (2010)
Autor(en): BADER A

Kurzfassung: Der vorliegende Artikel widmet sich dem Wiederaufleben einer alten Forstnutzung in Kriegs- und Krisenzeiten. Fallbeispiel ist die Gerbrindennutzung vor und während des Ersten Weltkriegs. mit der Industrialisierung stieg im 19. Jahrhundert der Lederbedarf und mit ihm der Gerbrindenverbrauch enorm an. Die Gerbrindenproduktion im Eichenniederwaldbetrieb war zu dieser zeit die Waldbewirtschaftungsform mit der höchsten Bodenrente. Ab 1880 wurde allerdings immer mehr Gerbstoff importiert, was an der besseren Qualität, den billigeren Preisen ausländischer Gerbstoffe und verschiedenen Entwicklungen in der Gerbtechnik lag. Die Rindenpreise sanken, und die Eichenschälwälder wurden langsam aufgegeben, vor allem im Staatswaldbesitz. zum Kriegsbeginn 1914 gab es Schälwälder praktisch nur noch in Privatbesitz. Hier hatte sich eine Mehrfachnutzung mit Vieheintrieb und Brennholzverwertung durchsetzen können. Außerdem waren die hohen Umwandlungspreise nur von staatsforstbetrieben aufzubringen. Die Aufgabe von Eichenschälwäldern war von ideologisierten Diskussionen begleitet, die eine Erforschung von Optimierungsmöglichkeiten von vornherein ausschloss. Schälwälder galten als „Bauernwälder“. Der Weltkrieg unterband dann jeden weiteren Gerbstoffimport, und so stiegen die Preise für heimische Gerbrinden ab 1914/15 wieder stark an. Gerbstoff war durch den hohen Lederbedarf der Armee sehr knapp. viele der ehemaligen Niederwälder wurden wieder entsprechend genutzt. Die Waldbesitzer verdienten in den ersten beiden Kriegsjahren viel Geld. Die Gerbrindenbewirtschaftung lag jedoch nicht in Händen der Förster. Diese hatten sich in Erinnerung an Vorkriegserfahrung gegen eine verstärkte Nutzung zu Kriegsbeginn gesträubt und mussten nun einer Gerbrindenbewirtschaftung durch die Gerbereiindustrie zusehen. Daneben wies noch ein Lederchemiker nach, dass eine optimierte Baumartenauswahl (Kastanie statt Eiche) vor dem Krieg eine Wirtschaftlichkeit der Schälwälder wohl bewahrt hätte. Ab 1916 wurde dann zunehmend gerbstoffhaltiges Holz zur Ledergerbung verwendet, denn die Rindenschälung war sehr arbeitsaufwendig, und Arbeitskräfte waren im Krieg knapp. Das Reaktivieren und intensivieren der Gerbrindenproduktion von 1915 bis 1917/18 ist ein Wandel der Waldnutzung, der sich nur mithilfe der besonderen Bedingungen des Krieges erklären lässt.


Revirement of traditional forest uses in times of war and crisis – The case of tannin bark use in Germany in the First World War

Abstract: The aim of this essay is to shed light on the neglected issue of a renaissance of old forest uses in times of war and crisis. Case study is the German tannin bark production before and during the First World War. Pulled by the industrialization, the need of leather grew steadily during the 19th century. Along with it grew the use of tannin barks, which were produced in oak tree coppices. That time, oak coppices had the highest ground revenue of all kind of forestry. From 1880 on tannin imports from South America rose, due to new tanning techniques, lower prices and better quality of Argentine tannin wood. The German bark prices fell and in state forestry, oak coppices were abandoned. This came along with an ideological roorback of coppices in general as countrified relicts of premodern agroforestry. These ideological blinkers avoided further forestry research on optimization. When the war broke out in 1914, oak coppices existed mainly in private hands, where a multiple use could have been applied to avoid sharp cuts in revenue. The allied blockade avoided any tannin import and German tanners had to stick to German resources. Tannin barks prices rose fast in 1914/1915, due to high leather requirements of the army. This allowed again high revenues among the resisting coppice owners. But the following state’s organization of tannin bark production was not under the control of foresters as such, which had refused to raise the bark use in the beginning of the war, due to their notion of an outdated forest use. Besides this political failure, an analytical chemist proved that a different choice of tree species (chestnut tree rather than oak) would have proved more efficiency and prevented more tannin bark coppices from transformation to high forest stands. From 1916 on leather production switched to tannin wood because tannin bark was too labor-intensive. Workforce was always scarce during the war. The reactivation and intensification of tannin bark production in oak coppices from 1914 to 1916/17 is a change of forest use that can only be explained with the exceptional conditions of war. This, one may conclude, contributes to the interdisciplinary research on land use change by introducing wars as a factor of change to the ongoing discussion.

© DLV München

 

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