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Welche Erinnerungen bleiben von den menschlichen Eigenschaften des Forstwissenschaftlers und Hochschulkollegen Wolfgang Nebe?

Prof. Dr. Wolfgang Nebe verstorben

Am 3. August 2019 ist Prof. Dr. rer. silv. habil. Dr. Wolfgang Nebe in Löbau (Sachsen) im Alter von 85 Jahren gestorben. Bis zu seiner Emeritierung 1999 war er Professor für Forstliche Standortslehre und zeitweise auch Direktor des Instituts für Bodenkunde und Standortslehre an der Fachrichtung Forstwissenschaften der TU Dresden in Tharandt.

Der 1934 in Chemnitz geborene Nebe schloss sein Tharandter Forststudium 1958 ab. Seine berufliche Laufbahn führte ihn dann zunächst in die forstliche Praxis. Dort kam er als junger Betriebsassistent mit der Standortserkundung in Berührung. Diese Zeit war prägend für seine fachliche Ausrichtung und beeinflussten viele seiner späteren Forschungsideen. In dieser Gruppe von meist bereits etwas älteren und lebenserfahrenen Kartierern um H. Schmiedel und W. Wünsche erhielt er wichtige Anregungen. Auch schätzte Nebe dort das menschliche Arbeitsklima mit relativ viel Freiräumen.

1960 war es dann der kurz zuvor in jungem Alter nach Tharandt berufene Prof. H. J. Fiedler, der W. Nebe in sein neues Kollektiv (Team) holte. In dem von Fiedler geleiteten Institut fand der Verstorbene über viele Jahre hinweg ein hochrangiges und inspirierendes wissenschaftliches Umfeld. Das renommierte, stark interdisziplinär ausgerichtete Bodenkunde-Institut, das von starker politischer Einflussnahme verschont blieb, bot ihm berufliche, aber auch persönliche Heimat. Seine Promotion erfolgte bereits 1962 zu einem Thema, das ihn auch später nicht mehr loslassen sollte: die Nährstoffversorgung von Waldbeständen, besonders der Fichte. Wichtig war ihm stets die Verknüpfung mit anderen forstlichen Disziplinen wie Klimatologie, Wachstumskunde und Waldbau.

Rund 200 Veröffentlichungen gehen auf sein produktives Schaffen zurück, teilweise mit ihm als Hauptautor oder zusammen mit anderen Autoren. Darunter finden sich auch mehrere Lehrbücher. Das bekannteste ist die „Forstliche Pflanzenernährung und Düngung“, die 1973 im Fischer-Verlag erschien. Der „Fiedler-Nebe-Hoffmann“ gilt auch heute noch als Standardwerk! Für Nebe war es stets wichtig, neu erworbenes Wissen, das meist auf aufwendigen Gelände- und Laboruntersuchungen beruhte, auch in die Praxis überführt wurde.

In der akademischen Ausbildung gab der Verstorbene wichtige Impulse und setzte Maßstäbe, beispielsweise im Rahmen von Geländeübungen und Exkursionen oder Verfassung von Lehrbriefen. Er verstand es dabei, die nicht immer einfachen Inhalte der Bodenkunde mit denen der forstlichen Standortskunde zu verknüpfen. Über mehrere Studentengenerationen hinweg konnte er so den einen oder die andere für das Fach begeistern. Nicht wenige fanden über von ihm betreute Diplom- oder Doktorarbeiten dann den Weg in die Standortskartierung oder verwandte Bereiche in Forschung und Praxis.

Im Vordergrund seiner Forschung stand der heimische Wald, v.a. in den Mittelgebirgen der ehemaligen DDR sowie der Nachbarländer ČSSR und Polen. Reisen in fernere Regionen, wie er sich dies immer sehr wünschte, waren für ihn – wie für viele andere damals auch – ein Ding der Unmöglichkeit. Dennoch oblag es ihm, Vorlesungen zu Böden und Standorten in tropischen Regionen für ausländische Studierende der Tropenforstwirtschaft oder des Umweltschutzes zu halten und Unterrichtsmaterialien für diesen Zweck zu erstellen. Das musste in der kaum gelernten englischen Sprache geschehen, ohne richtige Fachliteratur dafür zur Verfügung zu haben!

Allen diese Widrigkeiten begegnete W. Nebe mit Gelassenheit und Gottvertrauen. Dies gilt auch für seinen Dauerstatus als Oberassistent ohne Aussicht auf die Berufung auf eine Professur. Zwar hatte er die formal-akademischen Voraussetzungen inkl. Habilitation bereits in jungen Jahren erworben. Aber als kirchlich engagierter Christ, zumal noch mit einer Pastorin verheiratet, blieb ihm in der DDR eine Laufbahn als Hochschullehrer aus politisch-ideologischen Gründen verwehrt. Erst die politische Wende brachte hier eine glückliche Wendung: 1992 wurde er – dann bereits 58-jährig – auf die neu geschaffene Professur für forstliche Standortslehre berufen. Das war zweifellos Anerkennung seiner langjährigen akademischen Verdienste, aber auch ein Stückweit Genugtuung für das, was er und manch anderer in einer ähnlichen Situation im früheren politischen System tun bzw. unterlassen musste!

Die ersten Jahre nach der Wende forderten seinen Einsatz in der Vergangenheitsbewältigung, der personellen Erneuerung und zunehmenden Selbstverwaltung der Hochschule. Als zeitweiliger geschäftsführender Institutsdirektor war er für die rasche Schaffung neuer technischer und infrastruktureller Arbeitsbedingungen verantwortlich. Wissenschaftlicher Höhepunkt war die Koordination des ersten großen Verbundprojektes in Tharandt nach der deutschen Wiedervereinigung. Bei dem mehrjährigen BMBF-geförderten Vorhaben ERZ, an dem mehrere Fachdisziplinen beteiligt waren, ging es um die umfassende Untersuchung der immissionsgeschädigten Waldökosysteme im Erzgebirge sowie um die Möglichkeiten für einen ökologischen Waldumbau in Verbindung mit meliorativer Bodenbearbeitung und Kalkung. In einem Folgeprojekt erfolgte die regionale Ausweitung auf Kiefernökosysteme im Sächsischen Tiefland gemeinsam mit dem damals neu gebildeten Landesforstpräsidium Graupa.

In der Verbundforschung erwies sich W. Nebe aufgrund langjähriger Erfahrung und seiner klaren und offenen, stets verbindlichen Art als Brückenbauer. Dies gilt auch für die rasche wachsende Zusammenarbeit mit Kollegen und Einrichtungen in den alten Bundesländern.

Der Verfasser dieses Nachrufs (damals noch im fernen Freiburg arbeitend), denkt gerne zurück an die vielen Kontakte, gegenseitigen Besuche – auch mit Studierenden – sowie gemeinsamen Veröffentlichungen und Projektaktivitäten mit der Arbeitsgruppe um W. Nebe in den 1990er Jahren. Als ich im April 2000 dann als sein Nachfolger auf die Tharandter Standortslehre-Professur berufen wurde, stand mir der jetzt Verstorbene in der Anfangsphase mit Rat und Tat zur Seite. Seine Hilfsbereitschaft, die nie aufdringlich war, habe ich sehr geschätzt. Denn Vieles war für mich im wahrsten Sinne des Wortes „Neuland“ und so Manches habe ich von Wolfgang Nebe erfahren und gelernt: die Geologie Sachsens in ihrem prägenden Einfluss auf Eigenschaften und Verbreitung der Böden, aber auch die Lebensart, Kultur- und Regionalgeschichte. Das war gelebte deutsche Wiedervereinigung! Beeindruckend war für mich und meine Familie die Gastfreundschaft in seinem Haus, auch nach dem Tod seiner leider viel zu früh verstorbenen Ehefrau.

Dem Tharandter Bodenkunde-Institut blieb er auch im Ruhestand verbunden, z.B. bei Feiern und im Rahmen gemeinsamer Veröffentlichungen. In besonderer Erinnerung blieb sein selbstloser Einsatz während und nach dem Katastrophen-Hochwasser der Weißeritz im August 2002. Er half mit, die durch die Flut verwüsteten Institutsräume im Cotta-Bau wieder freizuschaufeln und dabei Gegenstände von teilweise unwiederbringlichem Wert wie Karten- oder Sammlungsmaterial aus dem Schlamm zu bergen! Den danach erforderlichen Umzug in neue Räumlichkeiten im modernen Judeich-Bau unterstützte er tatkräftig. Auch nach seinem Wegzug nach Löbau, seinem Alterssitz, blieb Nebe weiterhin an den Entwicklungen in Tharandt stark interessiert. Gerne blickte er auf seine Berufsjahre zurück, auch wenn in seinen letzten Lebensjahren mit fortschreitender Krankheit dann das Gedächtnis leider immer schwächer wurde.

Große Verdienste hat sich der Verstorbene auch bei der Wiedergründung des Deutschen Forstvereins in Sachsen Jahren erworben. Hier wirkte er längere Zeit im Vorstand mit und trug maßgeblich zu den Vereinsaktivitäten, v.a. im Rahmen von Vorträgen und Exkursionen, bei.

Welche Erinnerungen bleiben von den menschlichen Eigenschaften des Forstwissenschaftlers und Hochschulkollegen Wolfgang Nebe? Ihn kennzeichneten Aufgeschlossenheit und Interesse an vielen Dingen – auch weit über das Fachliche hinaus –, Ernsthaftigkeit, Disziplin und Fleiß gepaart mit Humor und Herzensgüte; darüber hinaus sein Mitgefühl für die Menschen in seiner Umgebung (er konnte zuhören) und seine große Hilfsbereitschaft. Hohle Sprüche und Parolen verabscheute er! Weiterhin zeichneten ihn Bescheidenheit und Beharrlichkeit aus – Eigenschaften, die er zu einem großen Teil sicherlich auch aus seinem Glauben schöpfte.

Die früheren Kollegen und Mitarbeiter sind ihm sehr dankbar dafür, was er uns in seinem Leben geschenkt und hinterlassen hat. Wir gedenken seiner stets in Ehren! Prof. Wolfgang Nebe ist auf dem Friedhof in Tharandt beigesetzt.

Prof. Dr. Karl-Heinz Feger (Tharandt)

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