ABO
Pfahlbau am Attersee: Vom Baumriesen zum Rieseneinbaum

Pfahlbau am Attersee: Vom Baumriesen zum Rieseneinbaum

Ein ungewöhnliches Seemanöver fand Mitte April am Attersee in Oberösterreich statt: Zwei Einbaum-Boote aus mächtigen Riesentannen – geschnitzt nach steinzeitlichem Vorbild – wurden in Ufernähe bei Seewalchen im Seewasser versenkt.

Vor rund 8.000 Jahren waren die einfachen Boote geschlagen aus einem einzigen Baumstamm  das wichtigste Verkehrsmittel an den Gewässern des Alpenraums. Mit Unterstützung der Österreichischen Bundesforste (ÖBf) führt heute der Verein „Pfahlbau am Attersee“ die jahrtausendealte Tradition fort: „Damals wie heute ist der Wald eine unersetzliche Lebensgrundlage für die Menschen – Holz ist ein wichtiger Bau- und Brennstoff, Wild und Fisch eine unverzichtbare Nahrungsquelle“, erläutert Bundesforste-Vorstand Rudolf Freidhager. „Für die beiden Einbäume haben wir in unseren Wäldern am Attersee zwei besonders monumentale Baumexemplare ausgesucht, die in ihren Dimensionen einzigartig sind. Mit einer Höhe von fast 50 m und einem Umfang von bis zu 3,4 m kann man wahrlich von Mammut-Bäumen sprechen“, so der Vorstand.
Einer der beiden Stämme wurde unter fachkundiger Anleitung des Experimentalarchäologen Wolfgang Lobisser von der Universität Wien nach dem Vorbild der Pfahlbauer in der Jungsteinzeit mit prähistorischem Werkzeug aus Holz, Stein, Eisen oder Bronze gefertigt. Nach der Rohbearbeitung wurden die Einbäume für mehrere Wochen in Ufernähe im Attersee versenkt, bevor sie im Sommer ihren finalen Schliff erhalten werden. 2011 bereits erklärte die UNESCO mehrere besonders gut erhaltene Pfahlbau-Siedlungen am Attersee zum Weltkulturerbe.
Historischer Einbaum aus Tannenholz
„Prähistorische Funde belegen, dass häufig Tannenholz für Bauten an und im Wasser verwendet wurde. Das Holz ist fest und stabil und dennoch mit einfachen Werkzeugen gut zu bearbeiten“,  weiß Freidhager. Das Holz für die beiden Einbäume stammt unmittelbar aus der Region: Die Bundesforste ernteten zwei riesige, rund 120 Jahre alte Weißtannen (Abies alba) im ÖBf-Revier Loibichl in der Nähe des Egelsees bei Unterach am Attersee. Die Weißtanne ist eine für die Region typische und vor allem ökologisch wertvolle Baumart. In den Fichten-Buchen-Tannenmischwäldern trägt sie maßgeblich zur Festigung des feuchten und tiefgründigen Lehmbodens bei.
Ein Holzriese unter Wasser
Das Archäologie-Team der Universität Wien und der Pfahlbauverein verarbeiten die 9 m langen Rundholzstämme zu Einbaum-Booten. „Bei einem Stamm verwenden wir Werkzeuge, die nach Vorbild von Originalfunden aus der Stein-, Bronze- und Eisenzeit hergestellt wurden“, berichtet Gerald Egger vom Pfahlbauverein Attersee. Damit soll der ursprüngliche Charakter eines Einbaums für alle erlebbar und nachvollziehbar gemacht werden. In insgesamt 600 Arbeitsstunden wird von Hand zuerst der Rumpf des Bootes abgeflacht, an den Enden Bug und Heck ausgestaltet und die Innenseite des Baumstammes grob ausgehöhlt.
Zusammen mit dem maschinell gefertigten Einbaum wurde der Steinzeit-Einbaum nun von der Freiwilligen Feuerwehr Seewalchen im Attersee versenkt und verbleibt für mehrere Wochen im See. Durch die Wasserung kommt das Holz „zur Ruhe“ und hört auf zu arbeiten. Damit wird auch der später über Wasser befindliche Einbaum-Teil widerstandsfähiger gegen pralle Sonneneinstrahlung, Wind oder Regen.
Bootsrennen zum Weltkulturerbefest
Nach mehreren Wochen im Wasser werden die Holzriesen erneut geborgen, an Land getrocknet und in Feinbearbeitung zu Original-Einbäumen ausgestaltet. Vom 25. bis 31. Juli 2016 besteht für Interessierte die Möglichkeit, die Arbeit der Einbaum-Bauer auf der Seewalchener Promenade hautnah mitzuerleben. Zum Einsatz kommen die Boote erstmals im Rahmen des Attersee-Weltkulturerbefestes am 6. August 2016. Nach prominenter Taufe werden die Boote zu Wasser gelassen und dienen alsdann unter anderem als prähistorische Rennboote.
UNESCO Weltkulturerbe: Pfahlbau in der Jungsteinzeit
Pfahlbauten aus Holz galten in der Jungsteinzeit als typische Siedlungsart für den Alpenraum. Die Stelzenbauten wurden meist an, manchmal auch in die Seen und Flüsse gebaut. Die dicht bewaldeten und steil zum Wasser abfallenden Berghänge, machten die Fortbewegung über das Wasser mittels Einbaum zum bevorzugten Transportweg. Allein am Attersee konnten die Überreste von mehr als 30 Pfahlbaudörfern aus der Jungsteinzeit (Neolithikum) nachgewiesen werden. Über die Jahrtausende wurden Holzbauten und Werkzeuge der Steinzeitmenschen unter Sauerstoffabschluss und geschützt durch Sedimente am Grund des Attersees konserviert. 2011 erklärte die UNESCO Teile der archäologisch wertvollen Überreste zum Weltkulturerbe. Der Verein Pfahlbau am Attersee vermittelt dieses historische Wissen in anschaulichen Führungen für Jung und Alt oder eben Aktivitäten wie dem Weltkulturerbefest am 6. August 2016.  
Österreichische Bundesforste

Auch interessant

von