Waldbau

Optimismus behalten

Bearbeitet von Rainer Soppa

Forstleute sind an und für sich ist ja positiv denkende Menschen. Leider pfuscht ihnen seit Längerem vieles dazwischen und stört die „Regelforstwirtschaft“. Was also tun, um der nächsten Baumgeneration sicheren Stand und gutes Wachstum bei bester Gesundheit zu bieten?

Dem nachgehen wollte das 2. Lieco-Forum in Wien am 11. November 2021 und rund 200 Personen aus allen Bereichen der Branche kamen. Die Antwort lautete: Ärmel aufkrempeln, dem Klimawandel folgen, den Optimismus in der gesamten Wertschöpfungskette vom Wald bis zum Holzbaubetrieb aber erhalten und gemeinsam so wirtschaften, dass in Zukunft Holz noch unverzichtbarer für die Gesellschaft wird.

Aufforstung ist Klimaschutz – Forschung für die Praxis

Die Ansprachen von Prinz Constantin von und zu Liechtenstein und Elisabeth Köstinger, Österreichs Ministerin für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus, stellten die Herausforderungen durch den Klimawandel und den steigenden Druck der Gesellschaft auf Wald und Forstwirtschaft in den Mittelpunkt. Waldnutzung verbieten ist für beide der falsche Weg.

Die jüngsten Sorgen der Branche wegen der Forderung der EU-Waldinitiative nach Außernutzungstellung von 30 % der Waldflächen stoßen politisch wie auch aufseiten der Waldbesitzer auf massiven Widerstand. Wo soll das Holz herkommen, das für die CO2-Speicherung verbaut werden soll, wenn kein Baum mehr gefällt werden dürfe? Nur kontinuierliche Holzentnahme und langfristige Holzverwendung entzögen der Atmosphäre das Treibhausgas. Es brauche aber Förderungen, um den Waldbesitzern zu erlauben, die nächste Bestandsgeneration zu erziehen. Bewirtschafter brauchten Perspektiven, damit sie die Zukunft meistern könnten, denn die Gesellschaft weltweit brauche die Wälder zum Überleben.

Globale Entwicklungen

Frisch vom Klimagipfel in Glasgow zurück referierte Thomas Crowther über globale ökologische Entwicklungen. Die wichtigsten Aussagen seines Referats waren wohl folgende: Der Wald kann bis zu 30 % des von Menschen gemachten CO2 speichern. Das geht nur, wenn man ihn in Schutzgebieten in Ruhe lässt und bereits vom Menschen beeinflusste Wälder bestmöglich bewirtschaftet. Da sei in weiten Gebieten der Welt noch viel Luft nach oben. Simulationen bewiesen, dass Monokulturen weder beim Zuwachs noch bei der CO2-Speicherung Vorbild wären. Es gelte, Mischwälder zu erzielen, denn jede Pflanzenart nutze den Standort anders aus. Das ergebe in Summe mehr Ertrag und bessere Stabilität. Da werden sich viele aus der Forstbranche sagen: „Das haben wir ja eh schon lange gewusst.“ Baumpflanzungen wären ein effektiver Beitrag zur CO2-Senkung, aber kein Allheilmittel. Der globale Norden kann die jahrtausendelang veränderten Waldgebiete nicht auf Naturzustand rückrüsten, sondern muss trachten, vorhandene Flächen zu erhalten und möglichst weitere dazuzugewinnen. Crowther attestierte den europäischen Fachleuten hohe Kompetenz. Weltweit müsse man aber an vielen Schrauben drehen, um politisch angepeilte Ziele zu erreichen.

Kohlendioxid

BOKU-Waldbauprofessor Hubert Hasenauer erläuterte die Bedeutung von CO2 für die Erde. Ohne das Gas betrüge die Oberflächentemperatur auf der Erde aktuell -18 °C. Der Mensch habe den Ausgangswert von 0,03 % Anteil am Luftgemisch mehr als verzehnfacht. Lange konnten die Ökosysteme das puffern, nun sei es aber zu viel. Der Bewirtschafter kann im borealen Norden aus nur wenigen Baumarten wählen. Sein Kollege in den Tropen habe bis zu 60 wirtschaftlich interessante Spezies zur Verfügung. Der Wald sei ein großes Energielager, das als Ersatz fossiler Werkstoffe nutzbar sei. Europa sei der einzige Kontinent, in dem die Waldfläche laufend zunehme. Gründe seien gesetzliche Regeln, Veränderungen in der Technik und die Konzentration der Bevölkerung auf urbane Gebiete.

Hasenauer stellte einige Kennzahlen klar, die mit der Kohlenstoffbilanz und der CO2-Bindung in Holz und Waldbestand zusammenhängen – interessant zu hören und gut zu wissen. Sein Appell ging wie der anderer Redner auch in die Richtung, Holz zu nutzen und langfristig zu verwenden. Damit könne man einiges an fossil in die Luft gebrachtem CO2 für einige Zeit aus dem Erwärmungsrennen nehmen.

Wanderung

Silvio Schüler vom Bundesforschungszentrum für Wald (BFW) Wien sorgte für manch hoch gezogene Augenbraue unter den Zuhörern. Er stellte jüngste Arbeiten des Waldbauinstituts vor. Vorrangig solle man die natürlich ablaufende Wanderung der Baumarten deutlich mehr unterstützen. Bäume könnten in einer Generation rund 180 m durch Samenflug „wandern“, aber die klimatische Veränderung schreitet mit 3 km/Jahr voran. Ohne humane Hilfe könnten die Baumarten das also nicht schaffen. Schüler sieht große Potenziale südlicher Herkünfte, um die höheren Temperaturen und die geänderte Niederschlagsverteilung hier auch produktiv interessant zu überstehen. Gleichzeitig sollten heimische Provenienzen gesichert und dem Norden angeboten werden. Simulationen durch Zusammenführung vieler Herkunftsversuche deuten an, dass richtige Provenienzen die CO2-Bindung deutlich verbessern.

Eine besorgte Frage aus dem Publikum: „Ich bin stolz auf meine Buchen-Naturverjüngung. Muss ich die jetzt rausreißen?“ Antwort vom Waldbauprofessor: „Die Pflanzen werden den Klimawandel wohl irgendwie überleben, aber besonders viel und besonders gutes Holz werden sie dabei nicht erzeugen.“ Gute Herkünfte versprechen bis zu 80 % mehr CO2-Bindung, höheres Wachstum und bessere Widerstandsfähigkeit gegen klimatischen Wandel. Das BFW will in Zukunft für sieben Hauptbaumarten konkrete, kleinstandörtlich angepasste Herkunfts- und Anbauempfehlungen für jeden Waldbesitzer anbieten. Das geht nur mit massiver Rechenleistung.

Thomas Knoke, Professor für Waldinventur und nachhaltige Nutzung an der TU München, stellte einige Ergebnisse von Arbeiten seines Instituts vor. Er modelliert die Waldbewirtschaftung mit Methoden der Risikoanalyse und der Finanzwelt. Dabei übergab er die Bewirtschaftung es Modellwaldes der künstlichen Intelligenz (KI) eines Rechners und beurteilte die Ergebnisse. In aller Kürze: Auch bei diesen Arbeiten zeigte sich, dass gemischte Bestände ungleichen Alters nicht nur deutlich mehr CO2 speichern, sondern auch gegenüber Schadereignissen deutlich widerstandsfähiger sind. Einer generellen Erhöhung des Umtriebs auf 120 Jahre stellte er sich entgegen: „Solche Bestände sind stehende Zeitbomben. Sie sind deutlich anfälliger für Schäden und nehmen jüngeren, zuwachskräftigeren Nachfolgebeständen den Platz weg.“

Züchtung

Der schwedische Weg für höhere CO2-Bindung liegt in der Züchtung. Organisation, Ablauf und einige Ergebnisse standen im Mittelpunkt der Präsentation von Bo Karlsson, krankheitsbedingt stellvertretend gehalten von Silvio Schüler. Kiefern-Jungpflanzen kommen zu fast 100 %, Fichten zu mehr als 60 % aus Samenplantagen. Die Leistungssteigerung im Holzzuwachs in 60 Jahren beträgt 50 %. Schweden beginnt ebenfalls, andere Baumarten einzubauen, so etwa die Drehkiefer (Pinus contorta) aus dem westlichen Nordamerika für den äußersten Norden des Landes. Mit dem Klimawandel müssten auch Herkünfte südlich der Ostsee in Betracht gezogen werden. Es gäbe erste positive Anzeichen, dass festlandseuropäische Fichten die Langtagbedingungen in Skandinavien gut für sich nutzen könnten.

Abschlussdiskussion

Der Praktiker des Waldes, in diesem Fall Markus Graf Hoyos aus Horn in Niederösterreich, stellte die aktuell drängenden Fragen der Waldbesitzer. Seinem Betrieb gingen in mehreren Wellen 95 % der Fichten verloren. Es gäbe kaum Alternativen zu bekannten Herkünften bei der Aufforstung. Mit Unterstützung der Wissenschaft sehe er Möglichkeiten, am Balkan und in den westlichen Appalachen geeignetes Saatgut zu erhalten. Das dauere aber. Zwei Waldbesitzergenerationen müssten nun ohne Einkommen aus dem Wald leben. Es müsse für diese ersten Opfer des Klimawandels Unterstützung geben. Sein Vorschlag ist ein CO2-Zuschlag für jeden verkauften Festmeter Holz, der sich ähnlich der Umsatzsteuer bis zum Endverbraucher ziehe.

Christian Zilich, CEO Pulp bei der Lenzing AG, sieht keinen Holzmangel heraufkommen. Sein Unternehmen werde alle Holzarten verarbeiten können, so sie in ausreichender Menge am Markt seinen. Ihre Einsatzmöglichkeiten müsse man erforschen. Erich Wiesner, Chef des Holzbauers WIEHAG, exportiert in Bayern und Österreich geschnittene Fichte als Bauteile in alle Kontinente. Er glaubt an eine expansive Zukunft seiner Branche und meinte, für seinen Betrieb immer genug Fichte erhalten zu können. Mit der Buche möchte er sich zurzeit nicht so anfreunden. Sie wäre höchstens als Ergänzung zur Hauptbaumart denkbar. Den Zuhörern mitgegeben hatten die Experten schwierige, aber zu meisternde Herausforderungen für die mittlere bis fernere Zukunft. Es gehe nur in Zusammenarbeit, sowohl die eigenen Hausaufgaben zu erledigen, als auch Druck zu machen, global den Klimawandel einzubremsen.

Die genaueren Inhalte des Forums sind unter www.lieco.at abrufbar.

Anton Friedrich