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Beim Lesen des Beitrags hat es mich auf gut schwäbisch „fast verrissen“. Es ist mir unverständlich, wie Sie bei so einem wichtigen Thema jede sachliche und fachliche Fairness gegenüber uns Försterinnen und Förstern verlassen können.

Offener Brief an Herrn Peter Wohlleben und die Redaktion „stern“

Zum Beitrag „Wie geht´s unserem Wald“ – stern-Ausgabe Nr. 35 vom 22.8.2019. Dazu ein offener Brief von Revierleiter Gerhard Neth und eine Reaktion darauf von Prof. Dr. Dr. h.c. Bastian Kaiser, Rektor und Professur für Angewandte Betriebswirtschaft der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg (HFR)

 

Sehr geehrter Herr Wohlleben,

sehr geehrter Herr Gless,

sehr geehrte Chefredaktion des „stern“,

als Förster mit langer Berufserfahrung hat mich Ihr Beitrag im „stern“-Ausgabe Nr. 35 „Wie geht´s unserem Wald“ sehr berührt.

Leider geht es den Wäldern momentan weltweit nicht sehr gut. Es ist sehr bedauerlich, dass es erst solche Krisensituation braucht um der Gesellschaft wieder nahezu bringen, wie wichtig der Wald als „grüne Lunge und Erzeuger von wertvollem, nachwachsendem Rohstoff“ für unser Überleben ist. Bis zu diesem Punkt sind wir uns völlig einig!

Zumindest für die „deutschen Wälder“ haben Sie nun ja aber schnell die „Schuldigen“ gefunden. Rücksichtslose Försterinnen und Förster degradieren unsere Natur aus reiner Profitgier zu Plantagen und Holzäckern. Das Zerrbild das Sie da zeichnen ist ein Schlag ins Gesicht von vielen engagierten Kolleginnen und Kollegen, die sich Tag für Tag für einen naturnahen Wald einsetzen!

Beim Lesen des Beitrags hat es mich auf gut schwäbisch „fast verrissen“. Es ist mir unverständlich, wie Sie bei so einem wichtigen Thema jede sachliche und fachliche Fairness gegenüber uns Försterinnen und Förstern verlassen können. Wir haben beide die gleiche Ausbildung absolviert, wie viele Ihrer Rottenburger Studienkolleginnen und -kollegen, fühle ich mich durch diesen Beitrag in meiner Arbeit herabgewürdigt und verletzt.

Das hat mich veranlasst, Ihnen mit dem angefügten Offenen Brief zu antworten. Ich hoffe auf eine Reaktion von Ihnen und der Redaktion des „stern“. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie die im Offenen Brief ausgesprochene Einladung nach Rottenburg a.N annehmen würden.

Mit freundlichen Grüßen aus dem Schwabenland

Gerhard Neth

Revierleiter – Rottenburg-Süd

 

Zum Herunterladen (PDF, 66 KB):

Neth Offener Brief Wohlleben – Stern

 

An die Vertreterinnen und Vertreter der Medien im Interesse unserer Wälder: Behauptungen überprüfen und sichtbar von Fakten unterscheiden

Reaktion von Bastian Kaiser, Rektor und Professur für Angewandte Betriebswirtschaft der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg (HFR):

Ich begrüße ausdrücklich, dass inzwischen die Bundesregierung, die Europäische Kommission, die Landesregierung und andere Entscheidungsträger unserer Gesellschaft anerkennen, dass der Wald – dass „unser“ Wald – nicht nur etwa ein Drittel Deutschlands bedeckt, nicht „einfach nur da“ und überwiegend schön ist, sondern darüber hinaus wichtige Funktionen hat, Leistungen erbringt, Rohstoffe und Energie liefert, CO₂ bindet, Arbeitsplätze und Einkommen generiert.

Erstmals musste sich ein Staatschef international dafür rechtfertigen, dass er die Wälder in seinem Land für die Brandrodung freigegeben hat – und er musste inzwischen national politisch darauf reagieren. Die internationale Staatengemeinschaft anerkennt endlich (!!) – vier Jahre nach dem Klimaschutzabkommen von Paris – die wichtige Rolle der Wälder für unser Klima. Frau Merkel, Frau von der Leyen, Frau Glöckner, Herr Macron und viele andere propagieren öffentlich und mit Nachdruck das Pflanzen von Bäumen und Schützen der Wälder. Gut so – auch, wenn das nicht alles lösen wird und manche Reaktion arg gehetzt und wenig überlegt daherkommt.

All das erfordert jedoch die Sachkompetenz, das Engagement – und gerade in für den Wald schwierigen Zeiten wie diesen – den hohen Idealismus und Einsatz der Menschen, die im Wald und für den Wald arbeiten, sich für ihn einsetzen, für ihn werben, ihn gegen viele Begehrlichkeiten schützen, in seiner Funktionsfähigkeit erhalten, für die sich verändernde Zukunft fit machen und in einem Zustand pflegen, der es Mensch und Tieren erlaubt, sich im Wald zu bewegen, in ihm und von ihm zu leben.

Die Menschen, die dazu den wohl wesentlichsten Beitrag leisten sind die Försterinnen und Förster sowie die Forstwirtinnen und Forstwirte. Auch, wenn man selbst nicht immer mit allen Maßnahmen und Entscheidungen einig ist, sollten wir die Arbeit und Leistung dieser Berufsgruppe angemessen würdigen und anerkennen sowie die Rahmenbedingungen wahrnehmen, unter denen sie diese bemerkenswerte Leistung erbringen.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass man auf Kritik verzichtet. Es bedeutet – und das gebietet schon der Anstand – , dass man Kritik nicht als Behauptungen vortragen sollte, sondern mit überprüfbaren Argumenten hinterlegen. Nur dann können die Kolleginnen und Kollegen auch Stellung dazu nehmen, sich damit auseinandersetzen, darauf eingehen und ggf. auch darauf reagieren.

Genau das vermisse ich in der aktuell (nicht nur durch die Klimaveränderung) erhitzten Debatte.

„Befeuert“ wird sie leider von Herrn Wohlleben. Das ist höchst bedauerlich – schließlich war er es, dem es vor Jahren gelungen ist, den Wald und die Waldwirtschaft positiv in das Bewusstsein vieler Menschen und zu einem gesellschaftspolitisch relevanten Thema zu machen. Statt ihm das zu danken und sich an diesen positiven Effekt „anzuhängen“, wurde er von vielen Kolleginnen und Kollegen für seine teils gewagten Bilder und Behauptungen kritisiert. Das war m. E. nicht immer fair und auch nicht besonders klug. Sie haben nicht verstanden, dass Herr Wohlleben Geschichten erzählt – und zwar mit dem Ziel, diese Geschichten zu verkaufen.

Das macht er gut. Der publizistische und wirtschaftliche Erfolg geben ihm Recht. Seine Bücher sind keine Fachbücher, sondern Belletristik und über deren Wert entscheidet nun mal der Markt, die Auflage, der Umsatz und der Gewinn. Daran gibt es nichts auszusetzen.

Ein guter Geschichtenerzähler ist aber noch lange kein guter Förster – kein besserer Förster und schon gar nicht der beste Förster der Nation, als der Herr Wohlleben häufig wahrgenommen wird (was er verständlicherweise billigend in Kauf nimmt …).

Es gibt zu vielen Entscheidungssituation im Wald – wie in fast allen anderen Bereichen auch – nicht die eine, die einzig richtige Entscheidung. Was richtig oder vernünftig ist, hängt von vielen Parametern ab, die es miteinander und gegeneinander abzuwägen gilt. Das kann eine Person – und sei sie fachlich noch so versiert – alleine und aus der Ferne nicht. Das weiß auch Herr Wohlleben.

Deshalb erachte ich die aktuelle Entwicklung seiner Aktivitäten als höchst problematisch, unangemessen und inakzeptabel – auch für einen Geschichtenerzähler. Jedenfalls für einen mit seiner beruflichen Vorgeschichte!

Diese aktuelle Entwicklung ist davon geprägt, dass Herr Wohlleben sich nicht mehr nur damit begnügt, sich öffentlich als den „Guten“ darzustellen – als den „Konvertiten“, der alten Überzeugungen abgeschworen und nun die „richtige“ gefunden hat. Dies versucht er inzwischen dadurch zu verstärken, dass er einen ganzen Berufsstand, dessen Einsatz und Leistungen verunglimpft und beleidigt. Diese Verhalten lässt jeden Respekt vor den Leistungen anderer vermissen.

Ich würde mich freuen, wenn sich Herr Wohlleben dem Gespräch mit aktiven Kolleginnen und Kollegen stellen und sich nicht nur darauf beschränken würde, seine Auffassungen mit Modertorinnen und Moderatoren großer Fernsehformate zu besprechen.

Anders als die engagierten Jugendlichen, die sich in der Fridays-for-Future-Bewegung engagieren und ausdrücklich für den Dialog mit der Wissenschaft aussprechen („join the scientists!“), geht Herr Wohlleben einem solchen Dialog weitgehend aus dem Weg. Deshalb würde ich mich freuen, wenn er den Vorschlag des Kollegen Neth aufgreifen und zumindest zu einem Fach-Spaziergang mit dem heutigen Revierleiter in den Ausbildungswald „seine“ Hochschule nach Rottenburg zurück kommen würde.

Wir bilden hier an der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg u.a. die nächste Generation der Försterinnen und Förster aus – also die, die es in Zukunft „richten“ sollen – und sind sehr froh darüber, dass sich Jahr für Jahr viele junge Menschen für dieses Studium interessieren und sich für ein solches Engagement begeistern können. Dafür arbeiten wir ständig an der Verbesserung der Ausbildung, nutzen neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die Möglichkeiten neuer Technologien und sind ganz bewusst eine Art Plattform für sich widersprechende Auffassungen. Deshalb haben sich unsere Studiengänge gegenüber den Zeiten, als ein gewisser Peter Wohlleben bei uns eingeschrieben war, ständig weiterentwickelt – so wie die Herausforderungen an die Wälder auch – und so wie es die Kolleginnen und Kollegen in der Praxis ebenfalls ständig tun (müssen).

Allerdings könnte ich auch verstehen, wenn er nicht an die Hochschule und zum Gespräch mit seinem ehemaligen Kollegen Gerhard Neth kommen würde: Ein Geschichtenerzähler muss und kann sich nicht an Tatsachen messen und von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Realitäten bedrängen lassen – auch dann nicht, wenn er seine Firma ganz bewusst als „Akademie“ bezeichnet. Das ist gar nicht sein Metier.

Allerdings müsste spätestens dann auch jedem klar werden, dass es völlig überzogen ist, ihn als den einzig vertrauenswürdigen Forstexperte darzustellen oder wahrzunehmen.

Die Vertreterinnen und Vertreter der Medien bitte ich deshalb im Interesse der aktiven Försterinnen und Förster, im Interesse unserer Studierenden, im Interesse der Weiterentwicklung und der stetigen Verbesserung der Forstwirtschaft – also im Interesse unserer Wälder – und auch im Interesse eines guten, freien und meinungs-ausgewogenen Journalismus, auf den wir in unserem Land dankenswerter Weise hoffen und zählen dürfen, darum, Behauptungen zu überprüfen und sichtbar von Fakten zu unterscheiden, sich nicht am bashing einer ganzen Berufsgruppe zu beteiligen sowie Raum für eine Debatte und widersprechende Meinungen zu geben.

So kämen wir zu einer dringend gebotenen Sachlichkeit zurück.

Dringend geboten ist sie m.E., weil wir die (ohnehin zu wenigen) Försterinnen und Förster nicht frustrieren, sondern in ihrer hohen Motivation und Arbeitsqualität bestärken sollten. Wir brauchen sie mehr denn je!

Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen

Bastian Kaiser

Red./HFR/G. Neth

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