Forstpolitik

Ökosystemleistungen honorieren – Herausforderungen des Klimawandels meistern

Bearbeitet von Rainer Soppa

Am 23. und 24. Juni fand das digitale Waldsymposium 2021 der AGDW – Die Waldeigentümer statt. Diskutiert wurde über die Honorierung von Ökosystemleistungen und den Umgang mit den Herausforderungen des Klimawandels.

Schon das 1. Berliner Waldsymposium 2019 zum Thema Risikomanagement in der Forstwirtschaft war ein erfolgreicher Start in eine Reihe von Treffpunkten für Forstpraxis, Wissenschaft und Politik. 2020 musste das 2. Berliner Waldsymposium aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden. Zu jetzigen Veranstaltung hatten sich rund 400 Personen angemeldet. Als inhaltlicher Partner stand den Veranstaltern die Georg-August-Universität Göttingen in Person von Prof. Dr. Max Krott zur Seite.

Künftig nicht alle Leistungen gratis

Der Wald stellt derzeit noch zahlreiche Leistungen für die Gesellschaft kostenlos zur Verfügung. Es handelt sich um Basisleistungen wie die CO₂-Speicherung, um Versorgungsleistungen wie die Holzgewinnung, um Regulationsleistungen wie Wasserspeicherung oder Sauerstoffproduktion und um kulturelle Leistungen. Die Waldbewirtschaftung wird momentan nur durch den Holzverkauf finanziert, weshalb es mit Blick auf den Klimawandel immer wichtiger wird, die Ökosystemleistungen des Waldes zu honorieren. Hier scheinen sich Waldbesitzer und die Politik im Großen und Ganzen einig.

Biologische Vielfalt

In dem ersten Vortrag stellte Prof. Dr. Christian Ammer von der Georg-August-Universität Göttingen die Frage, ob die biologische Vielfalt im Wirtschaftswald ein Widerspruch in sich sei. Seiner Ansicht nach erhöht die große Zahl der Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer mit den unterschiedlichsten Zielen und Bewirtschaftungsformen auch die biologische Vielfalt. Laut Ammer sei es sinnvoll, Schadflächen nicht einfach zu räumen, sondern das Schadholz zumindest zum Teil auf der Fläche zu belassen, besonders, wenn solche Maßnahmen auch entlohnt werden. Ammer plädierte dafür, die Konfrontation Nutzen und Nichtnutzen hinter sich zu lassen. Kompromisse hierzu gäbe es.

Auch im einzelnen Waldbestand kann die planmäßige Bewirtschaftung zum Erhalt der Artenvielfalt beitragen. Als Beispiele nannte er gezielte Eingriffe zur Sicherung nachfolgender Alteichengenerationen gegen die Buchendominanz. Zu differenzieren sei allerdings, welche Leistungen entlohnt werden sollen

Waldbau zur Sicherung der CO₂-Speicherung

Den zweiten Beitrag hielt Prof. Dr. Jürgen Bauhus, Leiter der Professur für Waldbau der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Durchforstungen bzw. Standraumregulierung können dazu beitragen, dass sich Bestände von extremen Trockenjahren erholen – dies würden einige Untersuchungen belegen. Auch die trockenstressbedingte Mortalität sinkt durch solche Maßnahmen. Aktuell gäbe es allerdings das kurios klingende Problem gerade durch große, alte Bäume. Diese geraten schneller unter Trockenstress und werden dadurch anfällig gegenüber sekundären Schädlingen und Krankheiten. Daher hat auch die Mortalität alter Bäume signifikant zugenommen. Bei geplanten Flächenstilllegungen plädiert Bauhus dafür, keine naturfernen Bestände auszuwählen. Sie seien dafür nicht geeignet.

Als mögliches Handlungsmodell für die Waldbesitzer brauche es ein breit aufgestelltes Portfolio: „Wir legen nicht alle Einer in das selbe Körbchen.“ Als weiter Handlungsoptionen nannte er die Verkürzung der Produktionszeiten und die Erhöhung der Strukturen.

Neues Geschäftsmodell

Bauhus sieht in der Erbringung von Ökosystemleistungen und der CO₂-Speicherung ein neues Geschäftsmodell. Darüber, dass es zu einer verstärkten Abgeltung dieser Leistungen kommen muss, waren sich alle Anwesenden einig. Wie aber soll ein neues Honorierung-Instrument ausgestaltet werden, damit es auch funktioniert? Diese Frage warf Prof. Dr. Max Krott von der Georg-August-Universität Göttingen auf, der den zweiten Veranstaltungstag moderierte.

Prof. Dr. Thomas Knoke von der Technischen Universität München versuchte die Frage zu beantworten, welchen Preis die Ökosystemleistungen für den Forstbetrieb haben. Zu erst müssten die Forstbetriebe unabhängiger vom Holzmarkt werden. Für die neuen Angebote brauchen die Waldbesitzer einen Anreiz in Form einer Produzentenrente. Auch BMW würde seine Autos schließlich nicht zum Selbstkostenpreis verkaufen.

Prof. Dr. Davide Pettenella von der Universtät Padua referierte über die internationale Situation des CO₂-Handels. In einigen Ländern wie Australien, Neuseeland und Kalifornien ist dieser Handel staatlich geregelt und bezieht auch die Forstwirtschaft ein. In Europa wird die Forstwirtschaft bisher vom CO₂-Handel ausgenommen. Grundsätzlich würde Pettenella einen nicht staatlichen Handel präferieren.

Auf die Frage der Honorierung von Klimaschutz- und anderen Ökosystemleistungen der Wälder ging abschließend Dr. Eckhard Heuer vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ein. Er betonte ebenfalls die Bedeutung des Waldes für die über 735.000 Beschäftigten des Clusters Forst & Holz hin. Mit jeder Fläche, die aus der Produktion genommen werde, fielen auch Arbeitsplätze weg.

Die Förderung von Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer ist mit der Bundeswaldprämie gut angelaufen. Hier wurden bereits 250 Mio. € ausgezahlt. Die Prämie ist an eine bestehende Zertifizierung gebunden (FSC oder PEFC). Hier wäre eine Aufstockung über ein Klimamodell denkbar. Auf die Kritik aus dem Publikum, dass die Forstwirtschaftlichen Zusammenschlüsse für die unterstützenden Arbeiten bei der Beantragung der Bundeswaldprämie nicht honoriert wurden, sagte Heuer zu, diese berechtigte Forderung als „Hausaufgabe“ mitzunehmen. Die Parameter zur Darstellung von Klimaschutzleistungen seien sehr schwierig. Ein solches zweites Standbein der Forstwirtschaft sei ganz neu und müsse entsprechend gründlich überdacht werden. Heuer stellte einen Zeitplan vor, nach dem es schon 2023 zu ersten konkreten Fördermaßnahmen kommen könnte.

Politikerrunde

Am 23. Juni waren bei der Politikerrunde vertreten: Alois Gerig, Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses im Deutschen Bundestag, Harald Ebner MdB, forstpolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen und Dr. Kirsten Tackmann, agrarpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Partei Die Linke.

screenshot AGDW

Alois Gerig plädiert für vielfältige Maßnahmen, um die Wälder zu stabilisieren und die Waldbesitzenden zu unterstützen und im Klimawandel zu motivieren. Dazu zähle die jüngste Unterstützung in der Corona-Krise, die Stärkung der Forstlichen Zusammenschlüsse, die Ausstattung mit Personal etc. „Der Klimawandel wird die Waldbesitzenden kolossal treffen“, so Gerig. Das vorgelegte Klimaschutzgesetz gehe ihm in einigen Punkten nicht weit genug, sodass er sich bei der Abstimmung am 24. Juni seiner Stimme enthalten wolle.

Dr. Kirsten Tackmann findet die Vielfalt der Waldbesitzer gut und setzt sich für die Vergütung von Ökosystemleistungen ein. Bei dem neuen Klimachutzgesetz werden sich Die Linken jedoch auch enthalten, da der Entwurf ihrer Meinung nach nicht weit genug gedacht sei.

Harald Ebner plädiert für den Einsatz des Rohstoffes Holz, etwa im Gebäudebau. Holz sei ein hervorragender Klimaschützer: Der Rohstoff speichere CO2 und trage mit seiner Substitutionswirkung – er ersetzt klimaschädliche Rohstoffe wie Kohle und Gas – in zweifacher Hinsicht zum Klimaschutz bei. Auf die Frage, ob bei ihm der Wald oder die Waldbesitzerinnen und Waldbesitzer im Vordergrund stünden, sagte Ebner, dass das bei ihm ganz klar der Wald sei. Aber von gesunden Wäldern würden in erster Linie ja auch die Waldbesitzer profitieren.

Die für den 24. Juni geplante Gesprächsrunde mit Karlheinz Busen, dem forstpolitischen Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion und Dirk Wiese, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, musste wegen der namentlichen Abstimmung zum Klimaschutzgesetz leider abgesagt werden. Die Antworten sollen aber nachgeliefert werden.

Fazit

In den nächsten Jahren wird es entscheidend darauf ankommen, klima- und nutzungsstabile Wälder aufzubauen, da nur solche Wälder das Treibhausgas CO₂ besonders effektiv binden und auch die ganzen anderen Ökosystemleistungen erbringen. Hier sei noch einmal Dr. Eckhard Heuer zitiert: „Sich nicht um den Wald zu kümmern heißt, dass der Wald nicht an den Klimawandel angepasst wird.“

An beiden Tagen kamen für insgesamt acht Arbeitsgruppen (via teams) zu verschiednen Unterthemen zustande. Aus den Ergebnissen dieser Gespräche und der Gesamtveranstaltung soll zusammenfassend ein policy briefing erstellt werden. Dies soll den Parteien im Bundestag bzw. deren für Forstangelegenheiten zuständigen Abgeordneten zugeleitet werden, um die Wünsche bzw. Forderungen der Waldbesitzerinne und Waldbesitzer zu positionieren.