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Die Sieber ist das einzige größere Fließgewässer im Westharz, das nicht durch eine Talsperre verbaut ist.

Die Sieber – der letzte unverbaute Bach im Westharz

Im Sommer 2020 werden die alten Wehranlagen der Holzschleifereien Sieber II und III zurückgebaut. Fortan kann die Sieber hier wieder ökologisch durchgängig fließen. Das teilte das Niedersächsische Forstamt Riefensbeek als Grundeigentümerin mit. Die Arbeiten zum Rückbau alter Wehranlagen beginnen im August und sollen bis Oktober dauern.

Die Sieber im niedersächsischen Südharz ist als prioritäres Gewässer eingestuft. Sie ist das einzige größere Fließgewässer im Westharz, das nicht durch eine Talsperre verbaut ist. Als wichtige Lebensader im Wald vernetzt die Sieber wertvolle Biotope und bietet vielen bedrohten Arten Rückzugraum. So können nach dem Rückbau der Wehre Kleinlebewesen, seltene Fischarten wie Groppen und Bachforellen, das Fließgewässer wieder grenzenlos durchwandern. Der naturbelassene Bach entspringt am Bruchberg auf 922 Meter über Meereshöhe. Auf seinem 9,5 Kilometer langen Weg bis an den nördlichen Ortsrand von Herzberg in 280 Meter Höhenlage fließt er durch abwechslungsreiche Harzer Bergwälder. Im Zuge des Sieber-Projektes wollen die Niedersächsischen Landesforsten und der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) mit dem Gewässerrückbau erreichen, dass der Fluss vollständig ökologisch durchgängig verläuft.

Wollen das Sieberprojekt noch in diesem Jahr zum Abschluss bringen (v. l.): Dietmar Sohns vom Forstamt Riefensbeek, Naturschutzförsterin Claudia Quandt und Torsten Knoblauch vom NLWKN aus Göttingen.
Wollen das Sieberprojekt noch in diesem Jahr zum Abschluss bringen (v. l.): Dietmar Sohns vom Forstamt Riefensbeek, Naturschutzförsterin Claudia Quandt und Torsten Knoblauch vom NLWKN aus Göttingen. Foto: M. Rudolph/NLF

Dazu werden jetzt die alten Wehre der Holzschleifereien Sieber II und III zurückgebaut und die natürlichen Gefälleverhältnisse wiederhergestellt. „Dies bedeutet eine qualitativ hochwertige Vernetzung von bisher abgeschnittenen Nebengewässern und dem Oberlauf der Sieber. Aufgrund der Lage innerhalb von Naturschutz- und FFH-Gebieten und teilweise im Nationalpark Harz erwarten wir neben den Zielen der EG-Wasserrahmenrichtlinie große Synergieeffekte naturschutzfachlicher Art“, sagte Fachplaner Torsten Knoblauch vom NLWKN in Göttingen.

Bauzeit beginnt im Spätsommer

Die Bauzeit ist – abhängig vom Durchfluss – für die Monate August bis Oktober geplant. „Bei niedrigen Wasserständen im Sommer rechnen wir mit einer Bauzeit von rund sechs Wochen“, erläuterte Dietmar Sohns, Betriebsdezernent im Forstamt Riefensbeek, und skizziert die einzelnen Arbeiten an den beiden Wehren: „Am Wehr Sieber II wird der Wehrkörper und der Turbinengraben auf rund 40 Meter Länge vollständig zurückgebaut. Das oberhalb des Wehrkörpers vorhandene Sohlsubstrat wird bis auf die Felssohle abgetragen und teilweise innerhalb des Flussbettes umgelagert. Überschüssiges Material wird unter Berücksichtigung der harztypischen Belastungen ordnungsgemäß entsorgt.“

Je nach Form und Höhe der Felssohle im Bachbett wollen die Fachleute entscheiden, ob und in welchem Umfang ein weiteres Lösen von Fels erforderlich ist. Ziel sei es, möglichst naturnahe Fließverhältnisse besonders bei niedrigem Wasserstand sicherzustellen. Durch die anstehende Felssohle ist auch langfristig keine Erosion zu erwarten. Die Gewässersohle ist dann sozusagen „natürlich befestigt“. Üblicherweise erforderliche aufwändige Sohlsicherungen sind nicht notwendig. Ob die bestehenden seitlichen Ufermauern im Bachlauf der Sieber durch große Felsbrocken in ihrem Bestand gesichert werden müssen, soll im Baufortschritt geprüft werden, ergänzte Sohns.

Die Steuerungsorgane, die früher den Wasserzulauf reguliert haben, werden ausgebaut, renoviert und in der Nähe des Wehrstandortes zu Schauzwecken wieder aufgebaut. Die Betreiber des Freibades in Sieber seien in die Planung einbezogen, teilt Torsten Knoblauch mit. Der Gewässerfachmann bittet Badegäste um Verständnis für mögliche Beeinträchtigungen während der Baggerarbeiten. Für die Maßnahmen zum Gewässerschutz stünde aber nur ein begrenztes Zeitfenster im Spätsommer zur Verfügung, so Knoblauch.

Für das Wehr Sieber III sehen die Pläne vor, die Wehrschwelle aus dem Gewässer zu entfernen und das Abbruchmaterial ordnungsgemäß zu entsorgen. Die umliegenden Ufermauern und der Turbinengraben bleiben in Ihrem Bestand erhalten. Innerhalb des Flussbettes reguliert sich der Fluss selber mit Material, das aus dem Oberlauf eingetragen wird. So stellt sich die natürliche Dynamik und ökologische Durchgängigkeit des Gewässers weitestgehend wieder her. Aufgrund der geringeren Gefährdung bei Hochwasser und des allgemein besseren Zustands der vorhandenen Bauwerke, wird an diesem Standort lediglich die Wehrschwelle aus dem Gewässer entnommen. Das Abbruchmaterial wird ordnungsgemäß entsorgt. Die zum Sandfang gehörenden Steuerungsorgane werden ebenfalls ausgebaut und im Turbinengraben zum Betrieb eines Fehlschlages wieder eingebaut.

Treibgut und das Wehr Sieber III blockieren den Bach in Höhe des Friedhofs.
Treibgut und das Wehr Sieber III blockieren den Bach in Höhe des Friedhofs. Foto: M. Rudolph/NLF

Geschichte der Sieber

Besonders für die Entwicklung der Stadt Herzberg war die Sieber seit vielen Jahrhunderten enorm wichtig. Das Wehr Sieber VI im Domeierpark unterhalb der Smurfit Kappa speist den Mühlengraben und den Juessee. Wichtige Mühlen wie z. B. die Untermühle, die bereits ab 1600 das Herzberger Schloss mit Wasser versorgte, waren für die Stadtentwicklung von großer Bedeutung. Aber auch im Siebertal nördlich von Herzberg gab es zum Ende des 19. Jahrhunderts die Holzschleifereien I-V und einige weitere kleinere Anlagen zur Nutzung der Wasserkraft. Hier wurde das Wasser durch den Bau von Wehren aus der Sieber ausgeleitet, in sogenannten Betriebsgräben neben der Sieber mit geringem Gefälle weitergeführt und dann durch ein Druckrohr mit einer Turbine z. B. zur Stromerzeugung zurück in die Sieber geführt. So war es möglich, im Siebertal durch den Holzschliff die Produktion für Papier zu industrialisieren. Die Produktion ist heute in der Papierfabrik Smurfit Kappa erfolgreich zusammengeführt. Sie ist eine der wichtigsten Wirtschaftsbetriebe in Herzberg. Die alten Anlagen in der Umgebung von Sieber sind mittlerweile außer Betrieb, sodass sie der Natur zurückgegeben werden können. Denkmalgeschützte Teile bleiben erhalten, werden instandgesetzt und oberhalb der Sieber wiederaufgebaut.

Gefahr von Hochwasser

Die Sieber ist ein typischer Gebirgsbach mit stark schwankenden Abflüssen. Bei Starkniederschlägen oder Tauwetter können durchaus Hochwasserspitzen mit Abflüssen von ca. 60 m³/Sek. auftreten. Insbesondere am Wehr Sieber II hinter dem Schwimmbad in Sieber ist das Flussbett durch das alte Wehr mit der Ausleitung auf gut 10 m eingeengt. Durch den geplanten Ausbau des Wehres und der Ausleitung wird das Flussbett über drei Meter breiter und über einen Meter tiefer. Entsprechend fallen die Wasserspiegellagen des Flusses auch bei Hochwasser. Die Hochwassersituation wird entspannt.

Quelle: NLF

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