Naturschutz, Landschaftspflege

Neue Typologie für Mensch-Natur-Beziehungen

Bearbeitet von Carolin Föste

Senckenberg-Wissenschaftler und -Wissenschaftlerinnen haben gemeinsam mit einem internationalen Team erstmals eine Typologie eingeführt, welche Mensch-Natur-Beziehungen auf der Ebene einzelner Menschen und Naturentitäten – einer definierten Einheit aus dem Bereich Umwelt – kategorisiert.

Die neue Typologie soll helfen, die Umsetzung von Naturschutzvorhaben an individuelle Umstände anzupassen und somit effizienter und gerechter zu gestalten. 17 festgelegte Beziehungstypen werden anhand der jeweiligen Einstellung, Verhaltenspräferenz und des Verhaltens eines Individuums definiert. Insgesamt liefert die Typologie nicht nur Anhaltspunkte für bestehende Ungleichheiten, gesellschaftliches Konfliktpotenzial und Unvereinbarkeiten vorherrschender Verhaltensweisen mit Naturschutz- und Nachhaltigkeitszielen, sondern auch bezüglich der zugrundeliegenden Faktoren.

Der Fachartikel dazu ist nun im Fachjournal „People and Nature“ erschienen. Dr. Lisa Lehnen vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt (SBiK-F) erläutert: „Mensch-Natur-Beziehungen sind unterschiedlich geartet – je nachdem, welchen Kontext, welchen Menschen oder welche Teile der Natur wir betrachten.“

Befragung von Betroffenen

„Unser Ziel ist es, eine neue Typologie einzuführen, die als Grundlage für zukünftige Befragungen und Studien dienen kann“, so Lehnen. Ihre Arbeitsgruppe habe auf Basis der Typologie bereits Online-Befragungen durchgeführt, um damit Mensch-Natur-Beziehungen, in diesem Fall Mensch-Wolf-Beziehungen, zu erfassen. Die Typologie ist auf verschiedenste Kontexte anwendbar: „Je nach Sachlage und Zielstellung können verschiedene Menschengruppen befragt werden. Das könnten beispielweise bei der geplanten Ausweisung neuer Naturschutzgebiete direkte Anwohner sein. Geht es um die Koexistenz von Mensch und Wolf, richten sich Befragungen meist an die breite Öffentlichkeit oder bestimmte Stakeholdergruppen.“

Ziel des vorgestellten Konzepts und der Typologie sei es, Strategien zur Förderung nachhaltigen und naturschutzfreundlichen Verhaltens effektiver zu gestalten und etwaige soziale Ungleichheiten in Mensch-Natur-Beziehungen offenzulegen. Wie gelingt das?

Mensch und Wolf in Deutschland

Dies erklären die Forschenden in ihrem Artikel unter anderem am Beispiel des Wolfes in Deutschland. Gesellschaftliche Einstellungen zu dem seit einigen Jahren wieder in der Bundesrepublik heimischen Tier sind stark polarisiert: Während die Mehrheit der Deutschen die Anwesenheit der Raubtiere begrüßt, lehnt ein Teil der Bevölkerung Wölfe entschieden ab.

Lehnen nach sind polarisierte Einstellungen ein Indikator dafür, dass die mit einer Naturentität – wie dem Wolf – verbundenen Vor- und Nachteile ungleich in der Gesellschaft verteilt sind. „Die individuelle Einstellung gegenüber einer Naturentität vereint die Überzeugungen und Gefühle des Individuums in Bezug auf die Entität“, erklärt sie und fährt fort: „Wenn jemand die Auswirkungen von Wölfen auf die eigene Lebensqualität als überwiegend negativ wahrnimmt, z. B. weil die Person sich Sorgen wegen Nutztierrissen macht, wird sie meist auch eine negative Einstellung gegenüber Wölfen entwickeln.“

Verhalten und Toleranz im Umgang mit der Natur

Für den Großteil der Bevölkerung seien Wölfe jedoch nicht mit Nachteilen verbunden, sondern vielmehr eine willkommene Bereicherung der Natur. Wer hingegen aufgrund erfahrener Nachteile eine negative Einstellung gegenüber Wölfen hat, möchte nicht automatisch Böses für die Tiere. Deshalb betrachte die neue Typologie auch den Faktor Verhaltenspräferenz. „Hat jemand trotz einer negativen Einstellung eine neutrale Verhaltenspräferenz, will also der Entität – in unserem Beispiel dem Wolf – keinen Schaden zufügen, dann sprechen wir von Toleranz“, erklärt Lehnen.

Diese kann durch moralische Beweggründe zustandekommen, z. B. die Überzeugung, dass alle Lebewesen ein Recht auf Unversehrtheit haben. Es kann aber auch vorkommen, dass jemand durchaus negative Absichten hat, diese aufgrund der äußeren Umstände jedoch nicht in die Tat umsetzen kann. Eine Kampagne zur Legalisierung der Jagd auf Wölfe hat nicht zwangsläufig Erfolg. Im Unterschied zum vorher beschriebenen Fall der „neutralen Verhaltenspräferenz“ sei dies aber kein freiwilliger Verzicht auf ein wolfschädliches Verhalten und folglich keine Toleranz. Deshalb bezieht die Typologie sowohl Verhaltenspräferenz als auch tatsächliches Verhalten mit ein und ermöglicht somit eine Unterscheidung zwischen freiwilligem und unfreiwilligem Verhalten.

Quelle: SBiK-F