Waldbau

Naturwälder in NRW: 50 Jahre Forschung zu natürlicher Waldentwicklung

Bearbeitet von Jörg Fischer

Seit einem halben Jahrhundert wird in Nordrhein-Westfalen bereits die natürliche Waldentwicklung erforscht. Inzwischen gibt es 75 Naturwaldzellen im Landeswald. Der Landesbetrieb Wald und Holz NRW hat das 50-jährige Jubiläum der Naturwaldforschung zum Anlass genommen, um am 3. und 4. Mai ins Zoologische Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn oder per Livestream eine Fachtagung auszurichten.

Das Tagungsmotto „Schützen – Forschen – Lernen“ schlug sich auch in den Themenschwerpunkten der Veranstaltung nieder. So standen vor allem die Entwicklung der Artenvielfalt und die Bedeutung der Forschung für die nachhaltige Waldbewirtschaftung im Fokus. Mehr als 300 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diskutierten dabei auch die Frage, welche Auswirkungen der Klimawandel auf natürliche Waldökosysteme in NRW hat.

Schwarzspecht an Buche in einem Naturwald in NRW
Foto: K. Striepen/Wald und Holz NRW

Naturwälder in NRW: Ein Überblick

Naturwaldzelle im Siebengebirge
Foto: M. Bömer/Wald und Holz NRW

1971 wurden die ersten Naturwaldzellen in Nordrhein-Westfalen im landeseigenden Wald eingerichtet, auch um die natürliche Waldentwicklung zu erforschen und daraus für die naturgemäße und nachhaltige Bewirtschaftung und Entwicklung der Wälder in NRW zu lernen.

Ursprüngliche, von Menschen unbeeinflusste Urwälder gibt es schon seit vielen Jahrhunderten nicht mehr – weder in NRW noch im Rest von Deutschland. Wie Urwälder bei uns aussehen würden, kann verlässlich zurzeit niemand sagen. Die Forschung in den Naturwaldzellen ist ein Weg, diese offene Frage zu klären.

Die Naturwaldzellen sollen auf einer Fläche von 1.680 ha das gesamte Spektrum der Waldtypen und Wuchsgebiete in NRW mit ihren unterschiedlichen Gesteinen, Böden und Klimabedingungen widerspiegeln.

Gemeinsam mit dem Nationalparkforstamt Eifel und den Wildnisentwicklungsgebieten bilden die Naturwaldzellen heute ein Netzwerk von Wäldern mit natürlicher Entwicklung in NRW, in dem keine Holznutzung mehr stattfindet. So kann sich die Natur insgesamt auf nahezu 11 % der Staatswaldfläche ohne forstliche Nutzung entwickeln. Hier soll sich der Wald also zu einem „Urwald von Morgen“ entwickeln.

Der Verzicht auf forstliche Nutzung bedeutet aber nicht gleich „Natur pur!“: Luftschadstoffe wie Stickstoff haben genau so einen Einfluss auf die natürliche Entwicklung der Wälder, wie die unnatürlich hohen Wildbestände. Auch Einflüsse des Menschen hinterlassen in der Vegetation unserer Wälder deutliche Spuren. Mit der Klimakrise bekommen die durch menschliches Handeln verursachten Einflüsse eine bisher nicht gekannte Dynamik.

Naturwälder in NRW: Tagungsstimmen

  • Michael Elmer, Teamleiter Waldnaturschutz bei Wald und Holz NRW: „Die Naturwaldzellen sind einzigartige Freiluftlabore. Sie machen deutlich unter einem Prozent der Waldfläche in NRW aus. Aber 50 % aller Käferarten finden hier einen sicheren Lebensraum. Auch bei anderen Tier- und Pflanzenarten erweisen sich Naturwaldzellen als wahre Hotspots der Artenvielfalt.“
  • Andreas Wiebe, Leiter von Wald und Holz NRW: „Die gewonnenen Erkenntnisse sind in die Konzepte zur naturnahen Bewirtschaftung unserer Wälder eingeflossen. Denn wer mit den Kräften der Natur wirtschaften will, muss die natürlichen Abläufe in unseren Wäldern gut verstehen. Die Erkenntnisse der Naturwaldforschung helfen uns, den Schutz der biologischen Vielfalt in die Bewirtschaftung unserer Wälder immer besser zu integrieren. Die kontinuierliche Verbesserung der Biodiversität in den NRW-Wäldern zeigt, dass das erfolgreich war.“
  • Dr. Christa Lang, Wald und Holz NRW: „Diese Zeitreihen liefern wichtige Einsichten in die Veränderungen der Waldökosysteme, zum Beispiel über die Konkurrenzverhältnisse von Buche und Eiche sowie den Einfluss von Rehen und Hirschen auf die Verjüngung der Bestände. Zudem verdeutlichen die Untersuchungen den Wert der Naturwälder als artenreiche Lebensräume. Mit dem neuen Monitoringkonzept vereinheitlichen wir die Untersuchungsmethoden, um die Forschungsergebnisse aus den Naturwaldzellen besser mit der Forschung in Wirtschafts- und Naturwäldern vergleichen zu können.“
  • Klaus Striepen, Team Waldnaturschutz, Wald und Holz NRW: „Forschungen in den Naturwaldzellen belegen, dass der Klimawandel auch in vollständig ungenutzten Wäldern schwere Schäden anrichten kann. Besonders besorgniserregend sind die Trockenschäden an Buchen. Buchen sind in weiten Bereichen Nordrhein-Westfalens die natürliche Charakterbaumart. Sie gelten als das Rückgrat der natürlichen Waldentwicklung.“
  • Dr. Gero Hütte von Essen, Fachbereichsleiter Hoheit, Schutzgebiete, Umweltbildung: „Auch und gerade in Zeiten der rasenden menschengemachten Klimakrise werden wir die Forschung in den Naturwaldzellen engagiert fortsetzen. Wir brauchen diese faktenbasierten Erkenntnisse, um unsere Wälder in Zeiten maximaler Unsicherheit für die nächsten Generationen zu erhalten.“

Aufzeichnung des Livestreams

Mit Material von Wald und Holz NRW