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Bleser: Naturschutz ist im Wald nicht zum Nulltarif zu haben

Bleser: Naturschutz ist im Wald nicht zum Nulltarif zu haben

Der Parlamentarische Staatssekretär bei der Bundeslandwirtschaftsministerin, Peter Bleser, eröffnete am 22. Oktober in Berlin die Fachtagung „Waldbewirtschaftung in Fauna-Flora-Habitat-Gebieten (FFH): Betriebliche, volkswirtschaftliche und rechtliche Implikationen“. Bleser erklärte in diesem Zusammenhang: „Zum ersten Mal liegen in Deutschland wissenschaftlich fundierte Befunde über die ökonomischen Auswirkungen in FFH-Gebieten vor. Dank des vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz geförderten Verbundprojektes können wir nun die Folgen für die deutsche Forstwirtschaft besser abschätzen.“
Die wissenschaftlichen Untersuchungen belegen, dass höhere Altbaum- und Totholzanteile zu einer um bis zu 10  % verringerten Bewirtschaftungsfläche führen können. Im Mittel müssen Forstbetriebe – seien sie staatlich oder privat geführt – mit einem Deckungsbeitragsverlust von bis zu 20 % rechnen, wenn auf den Waldflächen FFH-Maßnahmenplanungen durchzuführen sind.

„Die Fachtagung war eine gute Gelegenheit für alle Betroffenen, seien es die Förster oder die Naturschützer, sich über die Ergebnisse des Verbundprojektes auszutauschen. Wenn wir wollen, dass der deutsche Wald auch die nächsten Jahrhunderte nachhaltig bewirtschaftet wird, so dürfen wir die ökonomische Säule der Nachhaltigkeit nicht aus den Augen verlieren“, sagte Staatssekretär Bleser.

Nachhaltige Forstwirtschaft seit 300 Jahren 
Der Wald zählt heute zu den vom Menschen am wenigsten veränderten Ökosystemen in Deutschland. Er bedeckt rund 31 % der Landesfläche und bestimmt nach der Landwirtschaft die flächenmäßig bedeutendste Landnutzungsform. Er ist auch unersetzbarer Lebens- und Rückzugsraum für viele seltene, gefährdete und geschützte Tier- und Pflanzenarten. Dazu, dass es diese Arten heute noch gibt, hat die Einführung einer nachhaltigen Forstwirtschaft vor 300 Jahren maßgeblich beigetragen. Waldbesitzer und Forstleute haben den Wald und seine biologische Vielfalt bis heute bewahrt.

Gleichwohl sind einige Tier- und Pflanzenarten, die in unseren Wäldern heimisch sind, in ihrem Fortbestand gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht. Im Rahmen des europäischen Naturschutznetzwerkes NATURA 2000 wurden zahlreiche Schutzgebiete ausgewiesen, um die Lebensräume und den Bestand besonders geschützter Arten zu erhalten. In Deutschland liegen rund 18 Prozent der Gesamtwaldfläche (rund 1,9 Mio. ha) in FFH-Gebieten, rund 800.000 ha davon sind zum Schutz von FFH-Lebensraumtypen ausgewiesen. Der FFH-Schutzstatus schließt eine forstliche Nutzung nicht grundsätzlich aus, allerdings unterliegen die FFH-Gebiete einer konkreten Naturschutz-Zielsetzung.

Das FFH-Regime wird mit Hilfe gebietsspezifischer Managementpläne umgesetzt. Diese sind jedoch nur für Behörden und den öffentlichen Wald bindend, für den Privatwald haben sie empfehlenden Charakter. Unklar ist allerdings, welche Konsequenzen sich daraus für betroffene private Forstbetriebe ergeben, beispielsweise hinsichtlich Förderung, Vertragsnaturschutz, Anspruch auf Ausgleichsmaßnahmen oder auch hinsichtlich umweltstrafrechtlicher Fragen. Bislang liegen zudem erst wenige Erfahrungen und Informationen darüber vor, was das Natura 2000-Regime in der Praxis für Waldbesitzer und Forstbetriebe bedeutet. Sowohl bei Waldbesitzern wie auch bei den zuständigen Naturschutzbehörden bestehen Wissens- und Informationsdefizite darüber, welche naturalen, wirtschaftlichen und rechtlichen Auswirkungen sich aus der FFH-Schutzgebietsausweisung und der derzeit laufenden Erstellung von FFH-Managementplänen für betroffene Waldbesitzer und deren Forstbetriebe ergeben können.

Zentrale Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt

Ein vom Bundeslandwirtschaftsministerium gefördertes Verbundforschungsprojekt „Auswirkungen von naturschutzfachlichen Anforderungen auf die Forst- und Holzwirtschaft“ sollte genau diesen Bereich untersuchen und zur Klärung wichtiger Fragen beitragen. Ziel des Forschungsprojektes war es, die naturalen, ökonomischen und rechtlichen Auswirkungen der FFH-Richtlinie auf die Forst- und Holzwirtschaft zu ermitteln und damit Informationen für eine effiziente Umsetzung der FFH-Richtlinie für alle beteiligten Akteure bereitzustellen. Die Ergebnisse des Forschungsprojektes wurden auf der Fachtagung vorgestellt und diskutiert. Das Projekt hat die häufigsten Maßnahmen identifiziert, die im Rahmen der untersuchten Managementpläne erlassen wurden. Auf dieser Basis wurden exemplarische Ansätze entwickelt, um die betriebswirtschaftliche Relevanz bestimmter Maßnahmen anhand von Hilfstabellen abzuschätzen.

Es zeichnet sich ab, dass das FFH-Regime betroffene Forstbetriebe spürbar belastet. Beispiele dafür sind:
• Die Forderung nach höheren Altbaum- und Totholzanteilen führt zu höheren Holzerntekosten von 1 bis 6 EUR/Fm sowie zu 3 bis 10 % Verlust von Bewirtschaftungsfläche auf Lebensraumtypflächen.
• Die Auflage, auf die Einbringung ertragsstarker Baumarten wie bspw. Douglasie und Fichte auf Lebensraumtypflächen zu verzichten, bedeutet den Verlust von betriebswirtschaftlich interessanten Zukunftsoptionen.
• Für die untersuchten Beispielbetriebe weist das Verbundvorhaben infolge der Umsetzung aller FFH-Maßnahmenplanungen auf den Lebensraumtypflächen im Mittel einen Deckungsbeitragsverlust von 10 bis 20 Prozent im Vergleich zur derzeitigen Bewirtschaftung und bis zu 50 % im Vergleich zu einem auf Gewinnmaximierung ausgelegten Betriebsziel aus.
• Zusätzlich erhöhen sich die Verwaltungskosten auf bis zu 15 EUR/ha/a für Abstimmungen mit Naturschutz, erschwerte Hiebsplanung, Kontrolle, Monitoring usw.

BMELV

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