Natur- und Artenschutz bei integrativer Waldbewirtschaftung

Das zweite Wissenschaftliche Symposium am 23. bis 24. März 2017 im Steigerwaldzentrum bei Handthal überraschte mit neuen Ergebnissen zur Entwicklung der Artenvielfalt in Wäldern. Der bisherige Unterschied zwischen einem bewirtschafteten Wald und einem nicht bewirtschafteten Wald schrumpft. Das stellten Wissenschaftler fest, die in den letzten Jahren im Steigerwald geforscht hatten. Grund ist der Schutz von Biotopbäumen und das Liegenlassen von Totholz bei der Waldbewirtschaftung, wie es das Naturschutzkonzept der Bayerischen Staatsforsten im Forstbetrieb Ebrach vorsieht.

Das Steigerwald-Zentrum in Handthal
Foto: Fotos: M. Steinfath
Das wissenschaftliche Symposium zum Thema Natur- und Artenschutz bei integrativer Waldbewirtschaftung wurde zum zweiten Mal von den Bayerischen Staatsforsten gemeinsam mit der bayerischen Forstverwaltung veranstaltet. Die Organisation lag beim Forstbetrieb Ebrach und dem Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Schwein- furt.

Am ersten Tag des Symposiums konnten sich die Teilnehmer an drei Stationen in den Wäldern über den Waldnaturschutz informieren.

Ulrich Mergner, Leiter des Forstbetriebs Ebrach, begrüßte am zweiten Tag die gut 120 Teilnehmer mit seinem einleitenden Vortrag: „Die Bedeutung der wissenschaftlichen Begleitung des Naturschutzkonzepts des Forstbetriebs Ebrach“. Er erinnerte daran, dass der Forstbetrieb Ebrach bereits im Jahr 2006 damit beauftragt wurde, das damals neue Nachhaltigkeitskonzept zur Neuausrichtung des Waldnaturschutzes für die Wälder des Freistaats Bayern versuchsweise umzusetzen. Biotopbäume oder Waldtrittsteine – eine Ansammlung von Biotopbäumen, sodass eine flächenmäßige Darstellung und Ausweisung als eigenständiger Bestand möglich wurde – stellten den Kern des Ebracher Trittsteinkonzepts dar, welches noch zwei weitere Komponenten in Form von Totholz und den bisher schon bekannten Naturwaldreservaten erfuhr. „Unsere Vision: Wir wollen die Artenausstattung der Naturwaldreservate im gesamten Wald. Zwar in geringerer Dichte, aber ausreichend, um eine Vernetzung der Hotspots der Artenvielfalt zu ermöglichen,“ so Mergner. Zu den Erkenntnissen der Wissenschaft und dem Naturschutzpotenzial des Steigerwalds hat sich das regionale Naturschutzkonzept des Forstbetriebs entwickelt, das sog. „Ebracher Trittsteinkonzept“ mit den vier Elementen:

  • 10 Biotopbäume/ha,
  • 200 Trittsteinflächen mit zusammen 700 ha,
  • 6 Naturwaldreservate mit zusammen 430 ha,
  • 20 bis 40 Fm Totholz/ha ab Alter 100 Jahre.

Forschungsergebnisse

Vorgestellt wurden Forschungsergebnisse der Universitäten Würzburg (Biologie), Bayreuth (Biologie), München (Forstwissenschaft), Göttingen (Forstwissenschaft) sowie des Naturkundemuseums Berlin und des European Forest Instituts (EFI-Cent).

Inken Dörfler, TU München, stellte Abschlussergebnisse des Kuratoriumsprojekts „Auswirkungen einer naturschutz- orientierten Waldbewirtschaftung auf die Biodiversität in Laubwäldern“ vor. In dem Projekt wurden Totholzmengen vor und nach der Einführung der Strategie verglichen und Faktoren ermittelt, die zu einem Anstieg der Totholzmenge führen. Die Diversität von Pilzen, Käfern, Vögeln, Wanzen und Pflanzen wurde ebenfalls vor und nach der Einführung der Strategie dokumentiert und zusammengefasst. Die Ergebnisse zeigen, dass nach der Einführung der Strategie die Totholzmengen deutlich anstiegen. Die höchsten Totholzmengen fanden sich in 100 Jahre alten Beständen mit einer hohen natürlichen Mortalität und dominiert von Laubhölzern. Die Bewirtschaftungsintensität hatte einen starken Effekt auf die Änderung der Totholzmengen. Der Unterschied von Naturwaldreservat und Wirtschaftswald war bedeutend geringer nach der Einführung der Strategie. Außerdem fanden die Forscher einen positiven Effekt der Totholzanreicherung auf die Multidiversität.

Nicolas Roth, Universität Würzburg, präsentierte eine Studie, in der xylobionte Käfer auf 69 Buchenwald-Probeflächen im nördlichen Steigerwald untersucht worden sind. Dazu wurden zehn Jahre nach der flächendeckenden Umstellung auf naturschutzorientierte Bewirtschaftung entlang eines ehemaligen Bewirtschaftungsgradienten wieder beprobt. Analysen der Artengemeinschaften und der taxonomischen sowie der phylogenetischen Diversität zeigen eine Abschwächung des ehemaligen Bewirtschaftungsgradienten. Diese Ergebnisse unterstützen die Ansicht, dass aktive Totholzanreicherung in wirtschaftlich genutzten Wäldern eine geeignete Renaturierungsmaßnahme für xylobionte Käfer darstellen kann.

Markus Blaschke, LWF Freising, berichtete von Ergebnissen zweier Forschungen zum Vorkommen von Pilzarten. 2004 und 2014 wurden 69 Probekreise im Steigerwald auf ihren Pilzartenreichtum untersucht. Dabei konnten jeweils über 300 Arten festgestellt werden. Die dominierenden Arten in den Buchenwäldern sind Totholzbesiedler mit einer Vorliebe für die Buche. Viele dieser Arten können aufgrund ihrer dauerhaften Fruchtkörper das ganze Jahr beobachtet werden. Aber auch einige typische Streuzersetzer wie der Butterrübling und der Flaschenstäubling sind Charakterarten der untersuchten Wälder. Die verbreitetsten Mykorrhizapilze sind der Süßliche Milchling und der Violette Lacktrichterling. Beide Arten gehören zu den typischen Symbiosepartnern der Buche. Die naturnahe Forstwirtschaft in den letzten Jahren hat dazu geführt, dass sich die Pilzartenzusammensetzungen in den Naturwaldreservaten und dem Wirtschaftswald immer mehr angeglichen haben. In den Artenzahlen gibt es bereits keinen Unterschied mehr zwischen Naturwaldreservat und Wirtschaftswald.

Sebastian Schauer, Universität Bayreuth, stellte das Projekt zu Xylobionten Insekten in Mulmhöhlen vor. Ein Projektziel war es, die Insektengemeinschaften in Mulmhöhlen zu charakterisieren, da Mulmhöhlen als ein Schlüsselelement für hohen Artenreichtum im Wald gelten. Dafür wurden 40 Mulmhöhlen in Buchen im Forstbetrieb Ebrach über zwei Jahre hinweg beprobt. Es konnten 89 xylobionte Käferarten nachgewiesen werden, von denen ein Drittel als gefährdet gelten. Zusammenfassend zeigt die Studie, dass Mulmhöhlen ein wichtiges Habitat im Wirtschaftswald sind, das die Artenvielfalt erhalten kann, wenn eine kontinuierliche Verfügbarkeit verschieden gestalteter Mulmhöhlen gewährleistet wird. Die Studie zeigt auch, dass die Mobilität der Mulmhöhlen bewohnenden Arten größer ist als bislang angenommen.

Sebastian Vogel, Universität Würzburg, trug zum Thema „Auswirkung von Licht und Schatten auf liegendes Laub- und Nadeltotholz“ vor. In Kooperation mit dem Forstbetrieb Ebrach wurden 2015 Stämme wie auch Äste von drei Lichtbaumarten (Aspe, Eiche, Kiefer) wie auch Schattenbaumarten (Buche, Hainbuche, Tanne) in unterschiedlichen Sonnenexpositionen (Bestandsschatten, Freifläche, künstliche Abschattung) ausgelegt. Von bzw. auf diesen Totholzobjekten werden seit 2016 totholzbewohnende Käfer wie auch parasitoide Hymenopteren, Spinnen und Pilze erfasst.

Christian Ammer, Universität Göttingen, trug seinen bereits auf dem Freiburger Winterkolloquium gehaltenen Vortrag zum Einfluss der forstlichen Bewirtschaftung von Buchenwäldern auf die Biodiversität vor (s. a. AFZ-DerWald 6/2017). Die Ergebnisse bestätigen seiner Ansicht nach den Ansatz des Forstbetriebs Ebrach, nach dem sich Biodiversität nicht nur dadurch fördern lässt, dass Wälder aus der Nutzung genommen werden, sondern vor allem von Strukturreichtum begünstigt wird, der auch in Wirtschaftswäldern erreicht werden kann.

Torsten Vor, Universität Göttingen, untersuchte die Einflussfaktoren auf die Eichenverjüngung in Buchenwaldgesellschaften. Das Ziel der Studie bestand darin, den Einfluss des Standorts und anderer Variablen auf die Überlebensfähigkeit der Eichen abzuschätzen. Dazu wurde in den drei bayerischen Staatsforstbetrieben Arnstein, Ebrach und Kaisheim in Eichenaltbeständen die vorhandene Verjüngung einschließlich vieler weiterer Variablen aufgenommen. Auf 97 % aller 480 untersuchten Probeflächen konnte Naturverjüngung von insgesamt 25 Baumarten festgestellt werden. Eichennaturverjüngung war auf 65 % aller Flächen vorhanden. Weitere, häufig vertretene Baum- arten in der Verjüngungsschicht waren Hainbuche, Esche, Buche und Bergahorn. Der Anteil der Flächen mit Eichenverjüngung nahm mit den Höhenklassen ab. Die Dichte der Eichennaturverjüngung schwankte sehr stark zwischen 1 und 40 Eichen/m². Es zeigte sich, dass nicht einzelne Faktoren allein für eine erfolgreiche Etablierung von Eichennaturverjüngung verantwortlich gemacht werden können, sondern nur eine Kombination von verschiedenen Faktoren. Dabei müssen der hohe Verbissdruck durch das Schalenwild und der steigende Lichtbedarf mit zunehmendem Alter der Eichen besondere Beachtung finden. Das bedeutet für die Praxis, dass die Eiche nur durch eine intensive Bejagung des Rehwilds und eine anschließende Förderung durch den Menschen (Entnahme der konkurrenzkräftigeren Buche im Zuge der Waldpflege) eine Chance hat. Bei einer ausreichend dichten Eichenvorverjüngung sollte der Altbestand zügig nachgelichtet und die jungen Eichen gegen die Konkurrenz anderer Baumarten (vor allem Hainbuche, Buche und Esche) und sonstiger konkurrenzstarker Pflanzenarten (z. B. Brombeere) herausgepflegt werden. Dies gelingt leichter auf trockeneren und nährstoffärmeren Standorten.

Carolin Dittrich, Naturkundemuseum Berlin, berichtete von ihrer Forschung im aquatischen Bereich im Steigerwald. Seit 2005 werden Forschungsarbeiten zu Amphibienarten im Steigerwald durchgeführt. Dies betrifft Arbeiten zum Grasfrosch, zur Gelbbauchunke und zum Feuersalamander. Dabei zeigte sich u. a., dass Gelbbauchunken in Waldgebieten vermutlich besser mit sich ändernden Temperaturen umgehen werden können. Auch gehen die Forscher davon aus, dass der Feuersalamander von viel und v. a. stark zersetztem Totholz profitieren könnte, da er dort Versteckmöglichkeiten mit hoher Luftfeuchtigkeit findet.

Daniel Kraus, European Forest Institut, stellte eine Simulation der ökonomischen und ökologischen Entwicklungen bei verschiedenen waldbaulichen Eingriffen vor. In den Marteloskopen des Integrate+-Projektes wurde dazu ein Habitatwert-Schlüssel entwickelt, der es erlaubt, die Auswirkungen von Einzelbaumentnahmen ökologisch zu bewerten. Die Ergebnisse wurden in den französischen Waldwachtumssimulator Samsara eingespeist und mit einem speziell entwickelten Mikrohabitat-Modul wurden die langfristigen Entwicklungen von einzelnen Eingriffs-Szenarien berechnet.

Enno Uhl, TU München, führte aus, dass gerade aus der Forstpraxis häufig der Wunsch geäußert werde, quantitative Beurteilungskriterien an der Hand zu haben, die auch im Rahmen des Monitorings und der forstlichen Planung verwendet werden können. Sein Vortrag stellt einen Ansatz vor, wie permanente Stichprobeninventuren, wie sie beispielsweise die Bayerischen Staatsforsten A. ö. R. unterhalten, für eine standardisierte und quantitative Erfassung von Biodiversitätskennziffern genutzt werden können. Wenngleich aufgrund der hohen Komplexität bei der Bewertung von Biodiversität weiterhin ein hohes Entwicklungspotenzial besteht, so ermöglicht dieser Ansatz eine erste forstbetriebsweise Beschreibung und Fortschreibung biodiversitätsrelevanter Aspekte und deren Nutzung im Rahmen der Forstplanung.

Reinhardt Neft, Vorstand der Bayerischen Staatsforsten, stellte abschließend das Konzept der 41 Regionalen Naturschutzkonzepte der Bayerischen Staatsforsten vor (seit kurzem im Internet: www.baysf.de/naturschutz). Die Konzepte gewährleisten nachhaltige Forstwirtschaft auf höchstem ökologischem Niveau im Staatswald. Naturschutzbegänge, Partnerschaften und Artenschutzprojekte füllen die Konzepte mit Leben. Die Naturschutzkonzepte werden wissenschaftlich begleitet und laufend weiterentwickelt. Zu guter Letzt dankte Neft den Ausrichtern für das gelungene zweite wissenschaftliche Symposium zum Thema Natur- und Artenschutz bei integrativer Waldbewirtschaftung im Steigerwaldzentrum. Er kündigte an, dass 2019 das dritte Symposium an gleicher Stelle folgen werde.

Weitere Bilder zum Artikel
  
Das Steigerwald-Zentrum in Handthal Ausrichter und Referenten des Wissenschaftlichen Symposiums 2017 im Steigerwald-Zentrum Reinhardt Neft, 
Bayerische Staatsforsten Gut besuchtes zweites Wissenschaftliches Symposium im Steigerwald-Zentrum Ulrich Mergner, 
Bayerische Staatsforsten, Forstbetrieb Ebrach

M. Steinfath

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