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Nationalpark-Gutachten: Politik interpretiert nach eigenem Ermessen

Das kürzlich veröffentlichte Nationalpark-Gutachten für Baden-Württemberg enthält widersprüchliche Aussagen, unterschlägt Entscheidungskriterien und spricht sich nicht für einen Nationalpark aus. Zudem gibt es entgegen politischer Aussagen keine Einigung zwischen Holzindustrie und Landesregierung, was einen Ausgleich für wegfallende Holzmengen angeht.

Die grün-rote Landesregierung von Baden-Württemberg hat kürzlich das Gutachten zum Nationalpark im Nordschwarzwald vorgestellt und sieht darin nötige Voraussetzungen zu einer Umsetzung erfüllt. Vertreter der Holzwirtschaft dagegen fragen sich, wie die Politiker zu ihrer Interpretation gelangen und kommen zu einem anderen Schluss: „Das Gutachten steht im Gegensatz zur veröffentlichen Kurzfassung einem Nationalpark durchaus kritisch gegenüber und spricht sich nicht für dessen Einrichtung aus“, sagt Dr. Denny Ohnesorge, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Rohholzverbraucher e.V. (AGR) und repräsentiert mit dieser Meinung zahlreiche Vertreter der Branche. Darüber hinaus kritisiert der studierte Forstwirt unlogische Schlussfolgerungen, widersprüchliche Aussagen und eine Zusammenfassung, die politisch motiviert wirkt.

Lars Schmidt, Generalsekretär der Deutschen Säge- und Holzindustrie (DSH), widerspricht zudem der Darstellung der Landesregierung, dass es mit der Holzindustrie eine einvernehmliche Einigung gibt: „Die angebotenen Ausgleichsmengen werden aus Regionen angeboten, die auch nicht mehr Rohholz zur Verfügung haben. Das Problem der Versorgung wird mit diesem Vorschlag nicht behoben sondern nur verschoben.“ Zudem bliebe dabei unberücksichtigt, dass ein weiterer Nutzungsverzicht zu höheren Logistikkosten und zu höheren Marktpreisen führen kann. „Von einer Einigung zwischen der Holzindustrie und den Nationalparkbefürwortern kann deshalb keine Rede sein!“

Paradoxe Schlussfolgerungen

Formulierungen des Gutachtens von PricewaterhouseCoopers (PWC) und ö:Konzept dokumentieren Ungereimtheiten. Dort steht zum Beispiel: „Trotz der geringeren Tagesausgaben von Nationalparkbesuchern im Vergleich mit den sonstigen Reisenden sind die touristischen Umsätze der Nationalparkbesucher aufgrund des überdurchschnittlich hohen Ausgabenniveaus der Tagesausgaben aller Reisenden im Nordschwarzwald immer noch erheblich.

Lars Schmidt hält fest: „Es ist unlogisch, auf der einen Seite von geringeren Tagesausgaben und auf der anderen Seite von hohen Ausgabenniveaus zu sprechen. Aber ich befürchte, das fällt vielen Lesern nicht auf.“ Beim Thema Tourismus kommt eine im August 2012 veröffentlichte Studie von Project M, der Unternehmensberatung für die Tourismus- und Freizeitbranche, zu einem Ergebnis, das im Gutachten nicht erwähnt wird: Die Regionen Bayerischer Wald, Eifel und Harz haben trotz Nationalparks seit Jahren mit rückläufigen Übernachtungszahlen zu kämpfen.

250 Mio. EUR Wertverlust des Waldes durch Einrichtung eines Nationalparks

Bei der Ermittlung des Werts der Waldflächen eines möglichen Nationalparks verrechnen sich die Gutachter um mehr als 45 Mio. EUR. Die 10.000 ha Wald sind demnach nicht 208 Mio. EUR sondern mehr als 250 Mio. EUR wert. „Durch diesen Rechenfehler unterschlägt das PWC-Gutachten den eigentlichen Wert des Waldes und damit den Wertverlust durch eine Nationalparkausweisung“, kritisiert Ohnesorge.

Wichtige Faktoren zur Berechnung der Klimabilanz fehlen

Auch folgende Aussage ist nicht klar verständlich: „Ein Nationalpark kann solange als CO2-Speicher gelten, solange nicht Substitutionseffekte einberechnet werden. Dann würde ein Nationalpark rund dreimal so viel CO2 Freisetzung bewirken, wie er speichert. Die Quellenwirkung liegt im Vergleich zur Gesamteinwirkung von Wäldern allerdings auf verschwindend geringem Niveau.“

Dr. Denny Ohnesorge dazu: „Das ist unseriös. Wer ernsthaft Klimaschutz will, der muss Substitutionseffekte einberechnen.“ Mit Substitutionseffekten ist gemeint, dass der CO2-Speicher Holz in der Verwendung als Produkt oder Brennstoff andere Materialien ersetzt, bei deren Herstellung mehr CO2 emittiert worden wäre. Der Substitutionseffekt ist ungleich größer wie die Speicherwirkung. Wissenschaftler sehen im verstärkten Einsatz von Holzprodukten ein großes Klimaschutz-Potenzial.

Wirtschaftliche Einbußen von 44 Mio. EUR sind Realität

Lars Schmidt kritisiert die fehlende Objektivität bei den Auswirkungen eines Nutzungsverzichts auf die Holzpreise: „Ausgleichsmengen werden vor allem aus dem Borkenkäfergürtel eingerechnet, die nicht planmäßig und nachhaltig und vor allem nicht in den entsprechenden Sortimenten regelmäßig zur Verfügung stehen werden.“ Der Nutzungsverzicht und die damit verbundene Auswirkung auf die Rundholzverfügbarkeit dürften daher tatsächlich deutlich höher sein als das Gutachten angibt. Schmidt bezweifelt, dass Baden-Württembergs zuständiger Minister Alexander Bonde das Holz wie versprochen zu marktgerechten Preisen zur Verfügung stellen kann: „Wenn ich das Angebot weiter verknappe, steigt der Preis weiter“, so seine Befürchtung.

Die negativen Wertschöpfungs- und Beschäftigungszahlen hingegen weichen nur gering vom Gutachten ab, das die Holzwirtschaft beim Zentrum Holzwirtschaft der Universität Hamburg in Auftrag gegeben hatte. Zum Beispiel stehen 44 Mio. EUR wirtschaftliche Einbußen errechneten 46 Mio. EUR der Universität Hamburg gegenüber sowie mehrere hundert verlorene Arbeitsplätze.

„In der Gesamtbetrachtung können wir – und mit uns viele wissenschaftliche Berater – die politische Interpretation des Gutachtens nicht nachvollziehen“, resümiert Ohnesorge.
 

Zur Download-Möglichkeit des Gutachtens

 
AGR, DSH

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