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Michael Widiner startet die Drohne

Die MW-ForstApp von Michael Widiner

Forstunternehmer Michael Widiner hatte genug davon, mit Papierkarten im Wald zu hantieren. Seine Lösung: Er hat eine App entwickelt, die bodengebunden und per Drohne bei der Waldarbeit hilft. Dieses Jahr hat er sie in erster Linie bei der Borkenkäfersuche eingesetzt.

Wer schon einmal auf der Suche nach Käferbäumen durch den Wald gestreift ist, weiß, wie mühsam das ist. Wenn die Rinde schon abblättert, erkennt man den Befall vom Boden aus recht einfach, aber dann ist die neue Käfergeneration auch schon ausgeflogen. Wer die Insekten jedoch eindämmen will, muss betroffene Bäume früher ausfindig machen.

Michael Widiner stand 2016 auch vor diesem Problem. Der junge Forstunternehmer durchsuchte im Auftrag eines Kunden ein Revier und malte die Standorte befallener Bäume in Karten. „Das war mir irgendwann zu umständlich“, sagt Widiner. Er begann die Fundorte online bei Google Maps einzutragen, um jederzeit auf die Daten zugreifen zu können.

Zufrieden war der heute 31-Jährige damit aber auch nicht: bald sammelten sich auf seinem Account Hunderte Punkte, die Übersichtlichkeit ging verloren. „Mein Gedanke war: das müsste doch auch in einer App funktionieren“, erzählt Widiner. Mehr noch: Er spielte mit dem Gedanken, zumindest Teile seiner Arbeit per Drohne zu erledigen.

Nach dieser ersten Idee verging noch rund ein Jahr, bevor der Unternehmer mit der Heilbronner Firma econsor einen App-Entwickler ins Boot holte. Mitte September hat er die „MW-Forst App“ schließlich im Playstore von Google veröffentlicht. Diese erste Version funktioniert auf Geräten mit dem Android-Betriebssystem. Version 2, die nun entwickelt werden soll, wird auch für das iOS von Apple ausgelegt sein.

Eine Drohne sucht Käferbäume

Apps für die forstliche Nutzung sprießen seit einiger Zeit wie die sprichwörtlichen Pilze aus dem Boden. Und auch Drohnen sind gewissermaßen ein Trendthema im Wald. Was also kann die Forst-App von Michael Widiner?

Mitte September in einem Wald bei Hayingen auf der Schwäbischen Alb. Widiner hebt eine Drohne aus dem Auto, fixiert sein Smartphone auf der Steuereinheit und lässt das Fluggerät in die Höhe surren. Sekunden später sind auf dem Display die Baumkronen der Umgebung von oben zu sehen.

Deutlich heben sich einige rötliche Käferbäume von ihren noch dunkelgrünen Nachbarn ab. Widiner navigiert die Drohne mittig über die erkannten Bäume und berührt einen Button in der App. Sofort erscheint ein farbiger Punkt auf den Luftbild-Karten, die von der App genutzt werden. In ein Käferloch senkt der Unternehmer die Drohne hinab und lässt die Kamera rundum schwenken. Eine Fichte gerät ins Bild, von der schon die Borke abblättert, obwohl die Krone noch grün ist. Widiner setzt auch hier einen Marker. Zusätzlich macht er über die Drohnenkamera Bilder von Verdachtsfällen und anderen markanten Punkten. Diese Fotos werden den jeweiligen Geokoordinaten zugeordnet

Innerhalb von etwa zehn Minuten hat er gut 4 ha Fläche abgeflogen. Der Drohnen-Akku hätte noch etwas mehr Flugzeit erlaubt. Jetzt geht Widiner die markierten Punkte ab, um die Verdachtsfälle zu verifizieren und zu markieren. Das Ergebnis ist eine Reihe bestätigter Standorte von Käferbäumen, die er als Unternehmer jetzt fällen und rücken oder an den Waldbesitzer weitermelden kann.

Die Zeitersparnis liegt aus Widiners Sicht auf der Hand: Anstatt ganze Bestände zu Fuß zu durchkämmen, lässt er die Drohne die Hauptarbeit machen und überprüft die Ergebnisse gezielt. Die Differenz ließ sich während der Entwicklungszeit auch in einem Test mit zwei Waldarbeitern bestätigen, erzählt der Unternehmer: „Sie brauchten für die Erkundung von 9 ha anderthalb Stunden und fanden 42 Käferbäume, ich fand mit der Drohne in 25 Minuten 53 Stück.“ Danach lief er die Fundorte gezielt an.

Viele farbige Punkte

In der Entwicklungsphase wuchs der Funktionsumfang der App zusehends. Nach und nach ergänzte Widiner die „Suchfunktion“ für Käferbäume um praktisch alle geläufigen Forstarbeiten, von Kultur- und Jungbestandspflege über das Rücken bis hin zu Verkehrssicherung oder Zaunbau. Auch Rückegassen oder Grenzverläufe lassen sich in die Karten einzeichnen. Unterschiedliche Arbeiten erhalten in den auf Google Maps basierenden Karten auch jeweils andere Farben und Symbole, damit die Punkte übersichtlich bleiben. Zoomt man aus der Karten heraus, werden Punkthäufungen zusammengefasst, damit nicht das gesamte Umfeld unter Markierungen verschwindet.

Auch Kommentare zu einzelnen Punkten lassen sich eingeben. Für die Befliegung empfiehlt Widiner den Multicopter DJI Phantom 4 pro. Nutzbar seien aber auch andere Modelle, die auf die DJI-Go-App zugreifen.

Die „MW-ForstApp“ steht in der Playstore-Version noch ohne Drohnenfunktion bereit. Wer diese Option nutzen möchte, kann sie separat hinzu buchen. Wer die App alleine nutzt, kann eine entsprechende Einzellizenz kaufen, die jedoch laut Widiner erweiterbar ist.

Ein Beispiel: Ein Forstunternehmer erwirbt eine Lizenz für sich und seine beiden Angestellten und legt einen Account an. Die Mitarbeiter können sich dann mit ihren Smartphones oder Tablets in den Account einloggen und sehen dann automatisch die vom Chef markierten Punkte, womöglich sogar mit hinterlegten Fotos oder Arbeitsanweisungen. Um die Daten auch externen Nutzern zugänglich zu machen, wird man sie ab der Version 2 einzeln oder in Gruppen auswählen und in eine Datei packen und dann verschicken können. Auch Revierleiter oder Kommunen zählt Widiner zu seiner Zielgruppe.

Mindestens eine mobile Internetverbindung mit EDGE-Stärke sollte gegeben sein, damit die erfassten Punkte sofort sichtbar bzw. Fotos zeitnah in die App hochgeladen werden. Dennoch bleibe die App auch ohne Mobilfunksignal funktionsfähig und synchronisiert sich, sobald wieder ausreichend Netz vorhanden ist.

Dass die Entwicklung relativ lange gedauert hat, liegt laut ihrem Erfinder auch daran, dass er jede einzelne Neuerung mindestens eine Woche lang in der Praxis getestet hat. Außerdem band er auch andere Unternehmer in die Testphase ein. Daher freut es ihn, wenn ihm erste Nutzer bestätigen, die App sei spürbar an der forstlichen Praxis ausgerichtet. Das baden-württembergische Wirtschaftsministerium hat die Entwicklung gefördert.

Testkunde Hartung

Einer der Testnutzer war Forstunternehmer Christopher Hartung aus dem Harzvorland nahe Hildesheim. Hartung hat die App vor allem in der Kalamitätskartierung genutzt. Sie sei detailreich, aber auch sehr einfach zu bedienen, weil die meisten Funktionen über ein einziges Tippen auf den Bildschirm zu erreichen seien. Die Drohnenfunktion bewertet Hartung als „Riesenvorteil“, der ihm schnelles Arbeiten ermögliche. Ähnlich äußert sich Uwe Bautenbacher vom Forstunternehmen Neufischer aus Neresheim in Württemberg. Bautenbacher hatte bereits Erfahrungen mit anderen Forst-Apps gesammelt, die nach seiner Einschätzung aber deutlich komplizierter zu bedienen waren.

Seit die Version 1.0 offiziell erhältlich ist, sei die Resonanz spürbar gewachsen, so Widiner. Bis aus Estland kamen Anfragen, außerdem ist der Unternehmer im Gespräch mit kommunalen Forstbetrieben. Die Version 2 seiner App will Michael Widiner im kommenden Jahr veröffentlichen. Sämtliche Funktionen sollen dann auch in englischer Sprache vorliegen.

Jens Eber

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